Guter Boden gegen die Klimakrise

Böden schützen und gleichzeitig das Klima retten? Im Ökodorf Schloss Tempelhof will man mit den Methoden der Permakultur und regenerativen Agrikultur zu einer neuen Landwirtschaft finden.

 

Permakultur - Werde Magazin

 

Regenerative Landwirtschaft

Stefan Schwarzer gräbt mit dem Spaten ein Loch in die sanfte Hügellandschaft der schwäbischen Hohenlohe, die das süddeutsche Ökodorf Schloss Tempelhof umgibt. „Wir haben hier einen tonig-lehmigen Boden, der schwierig zu bearbeiten ist. Er ist sehr schwer und hat relativ wenig Humus. In den Herbst- und Wintermonaten wird er schnell matschig und nach ein paar Tagen Trockenheit in den Sommermonaten bretthart“, erläutert der 46-jährige Geograf. Den langjährigen Mitarbeiter der UN-Umweltorganisation UNEP in Genf stach Ende 2012 der Hafer: Er wollte praktisch tätig werden. Also zog er mit Frau und zwei Kindern in die Lebensgemeinschaft Schloss Tempelhof. Seitdem entwickelt er dort mit den Landwirten und Gärtnerinnen neue Methoden in der Landwirtschaft. „Regenerative Agrikultur“ oder „aufbauende Landwirtschaft“ nennt er seine ganzheitliche Praxis – eine Art „Bio plus“, die viele Methoden umfasst und die Regenerationskräfte der Natur unterstützt. Weltweit angewandt, könnte sie die Klima- und Ressourcenkrise abmildern: Humusaufbau bindet Treibhausgase, regeneriert Bodenleben und schützt vor den Folgen von Dürre und Starkniederschlägen.

 

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Schloss Tempelhof

Namensgeber des Dorfes ist ein Schlösschen aus dem 17. Jahrhundert, umgeben von mehreren modernen Gebäuden, Scheunen, Bauwagen und einem „Earthship“- Haus aus Lehm, recycelten Autoreifen und Flaschen. Hier leben seit 2010 ungefähr 100 Erwachsene und 40 Kinder in einer Gemeinschaft mit basisdemokratischen Spielregeln. Hinzu kommen 75 Bienenvölker, 100 Legehennen, Bruderhähne, Vögel, Schmetterlinge und unzählige Bodenlebewesen. Im Sommer ist das Schloss- Café Mittelpunkt des Dorfes, der auch Menschen aus der Umgebung anzieht. Hier und im Hofladen werden selbst erzeugte Lebensmittel verkauft.

 

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Teilen aus Prinzip

Der Hügel, in dem jetzt Stefan Schwarzers Spaten steckt, gehört zum Waldgarten hinter der Gemeinschaftsküche. Dort wachsen unter anderem Winterheckenzwiebeln, Gemüseampfer und Süßdolde. „Alles mehrjährige Gemüsesorten“, erklärt der Gärtner. „Für mich ein wichtiger Bestandteil einer zukunftsfähigen Landwirtschaft, denn man muss das Gemüse nicht jedes Jahr arbeits- und ressourcenintensiv von Neuem ziehen und pflanzen. Das Gleiche gilt für Obst- und Nussbäume. Einen Teil des menschlichen Getreidebedarfs könnten wir durch Nüsse ersetzen.“ Über dem Garten schwirren Bienen, die Stöcke am Waldrand bewohnen. „Ich lasse einige Pflanzen bewusst in die Blüte gehen, damit die Bienen sich dran freuen können. Überschüsse teilen, das ist einer der ethischen Grundsätze der Permakultur“, sagt er und schaut ihnen nach. „Und für den Winter lassen wir ihnen einen Teil des Honigs.“ Im Winter ruhen die Bienen, auch Bauern und Gärtnerinnen haben weniger zu tun. Deshalb hat Stefan Schwarzer Anfang 2017 und 2018 bienenfleißig bereits zwei Symposien zu „Aufbauender Landwirtschaft“ organisiert, die sehr gute Resonanz erfuhren – zumal die Hohenlohe traditionell eine hohe Dichte von Biobauern aufweist. Theoretiker und Praktikerinnen von Flensburg bis Wien tauschten sich aus, wie man Humus aufbaut, das Tierwohl pflegt, bio-intensive Gärtnereien betreibt und ein zukunftsfähiges Ernährungssystem entwickelt.

 

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Mit Humus CO2 senken

Stefan Schwarzer ist neben seinen anderen Berufen auch Permakultur- Designer, er hält Vorträge und Seminare zu diesem Thema. Der Begriff Permakultur entstand in den 1970er-Jahren in Australien aus der Verknüpfung der Wörter permanent und agriculture, also dauerhafte Landwirtschaft. Bill Mollison und David Holmgren ersannen damals das Konzept als Antwort auf die erdölabhängige und ressourcenzerstörende Landwirtschaft. Ziel ist die Schaffung von ökologisch intakten, wirtschaftlich und sozial tragfähigen Systemen, die niemanden ausbeuten, keinen Abfall produzieren, nichts verschmutzen und somit zukunftsfähig sind.

Für Schwarzer gehört der Umgang mit dem Boden zu den zentralen Themen, die darüber entscheiden, ob die Menschheit eine Zukunft auf unserem Planeten hat. Er selbst empfindet „tiefen Respekt“ für die empfindliche Humusschicht, von der fast alles Leben auf der Welt abhängt – Pflanzen, Tiere und Menschen „In Großbritannien ist gerade noch genug Boden, um 100-mal zu ernten“, zitiert er einen Bericht aus „Farmers Weekly“, der ihn sehr beeindruckt hat. Denn die Fruchtbarkeit der Erde nimmt immer mehr ab. Die Agroindustrie behandelt Boden wie Dreck und tritt ihn mit Füßen. Dabei schafft Humusaufbau mittels regenerativer Agrikultur eine Win-win-Situation: Ernährungssicherheit plus Klimakrisenmilderung plus Artenvielfalt und Mehreinkommen für Bauern. Laut einer Studie würde ein globaler Humusaufbau von nur einem Prozent genügen, um den CO2-Gehalt der Atmosphäre auf ein ungefährliches Maß zu senken.

 

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Lebendige Vielfalt statt Dreck

Zur aufbauenden Landwirtschaft gehört für ihn auch, Bäume in die Äcker, Wiesen und Gemüseflächen zu integrieren – so wie auf dem Hügel, in dem sein Spaten steckt. Das Pilotprojekt baut er zusammen mit dem Agroforstberater und Permakultur-Designer Burkhard Kayser auf. Zwischen das Gemüse setzen sie Sträucher und Bäume – unter anderem Erlen, die Stickstoff liefern und rankenden Kiwis als Spalier dienen. „Agroforstkultur wird bislang in Deutschland noch wenig praktiziert, hat aber großes Potenzial“, erläutert der Permakulturist. „Bäume können deutlich mehr Sonnenenergie speichern als einjährige Pflanzen. Ihr Holz kann geschlagen und energetisch genutzt werden. Sie bieten Schatten, Windschutz und Frischlaub für Weidetiere, ihre Wurzeln binden Treibhausgase und holen Nährstoffe aus tieferen Bodenhorizonten. Und sie sind natürlich Nahrung und Lebensraum für Insekten und Vögel.“

Der Waldgarten ist zudem nach dem sogenannten Keyline-Design gestaltet. Der australische Agraringenieur P. A. Yeomans entdeckte in den 1950er-Jahren, wie man über Schlüsselpunkte („Keylines“) Landschaft so gestaltet, dass Regenwasser möglichst langsam versickert. „Yeomans hat den Umgang mit Boden revolutioniert“, schwärmt Schwarzer. „Normalerweise braucht Boden 100 Jahre oder mehr, um einen Zentimeter neu zu bilden, doch mit dem Keyline- Design kann man dies deutlich beschleunigen.“ Er zeigt, wie das geht: Mit einem traktorgezogenen Tiefenlockerer schlitzt er den Boden auf und hebt ihn leicht an. Dadurch entstehen vertikale Spalten im Boden, in die Wasser und Luft eindringen können. Mehr Wasser und Sauerstoff im Erdreich führen zu wesentlich stärkerem Wurzel- und Pflanzenwachstum und bauen damit Humus auf. Wenn es gießt, sammelt sich das Wasser in den Spalten, statt abzufließen und dabei Erde mitzureißen, die dem Acker verloren geht. Und über die langsame Versickerung können längere Trockenzeiten überstanden werden.

 

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Selbstversorgung mit Überschuss

Weiter unten, nahe der Kantine, hat er einen Permakultur-Garten aus Obstbäumen, Nuss- und Beerensträuchern sowie über 200 nahrhaften mehrjährigen Pflanzenarten angelegt. Es duftet. Bienen umschwirren blaue Malven und orange leuchtende Taglilien. Von A wie Anis-Ysop bis Z wie Zuckerwurzeln ist alles vertreten, was in Mund und Kochtopf wandern kann. Blüten und Blätter schmecken so intensiv, wie es nur Wildpflanzen können: süß, säuerlich, pfeffrig, würzig, krautig und herb. Um diesen Garten zu erweitern, unterdrückt er Wiesenquecken mit alten Pappkartons und pflanzt darin Kartoffeln, dick mit Heumulch bedeckt. So können sie mehrwöchige Trockenperioden fast problemlos überstehen.

Durch solche innovativen Methoden, die auch auf ihren anderen Flächen praktiziert werden, kann sich die Gemeinschaft samt ihren vielen Gästen zu etwa 70 Prozent von Selbsterzeugtem ernähren. 100 Prozent werden es wohl nie werden: Kaffee, Reis oder Bananen gedeihen in dieser Gegend nun mal nicht. Zehn Erwachsene ackern, säen und ernten, weitere kochen in der Kantine, arbeiten im Hofladen, in Handwerksbetrieben, Gesundheitspraxen oder im Seminarbetrieb und der Schule. Gärten, Äcker und Gewächshäuser liefern sogar zu viel. Der Überschuss geht an Bioläden, ein gehobenes Restaurant und Abokistenbezieher in der Umgebung. Auf zwei Hektar wird Getreide, auf dreien Gemüse angebaut – alles in Mischkulturen und Fruchtfolgen, um den Boden lebendig und fruchtbar zu halten. Weitere Äcker erholen sich gerade unter einer Gründüngung, wie es sich für Bio-Landbau gehört. Feldfrüchte wachsen, dick in eine Mulchschicht eingepackt, in schmalen Reihen nebeneinander. Immer wieder bekommen sie Komposttee zu trinken, angereichert mit Huminstoffen. Das tue dem Bodenleben gut, sagt Stefan Schwarzer. Wenn die Erde lebendig bleibt, bleiben auch die Pflanzen gesund – und ihre Esser.

 

 

Duft aus dem Gewächshaus

In den vier Gewächshäusern duftet es angenehm. Die zwölfköpfige Landwirtschaftsgruppe benutzt fast nur eigenes standortangepasstes Saatgut. Hybridsaaten der Agroindustrie kommen ihr weder in die Tüte und noch aus der Tüte. Hier wachsen Tomaten, Gurken, Paprika, Salate, Kräuter und Blumen, alles in Mischkulturen, an den Glaswänden sogar Feigensträucher und Weinreben. Das Team hat den Hackschnitzel-Mulch mit Pilzkulturen geimpft, sodass es quasi im Vorübergehen auch noch leckere Austernsaitlinge oder Braunkappen erntet. Franzosenkraut und Taubnessel, anderswo „Unkraut“, lässt es bewusst stehen oder pflückt es als Wildsalat. Typisch Permakultur: Alles wird doppelt und dreifach genutzt. „In den Häusern haben wir mehr Möglichkeiten als auf dem Feld, Kulturen zu mischen“, erklärt Maya Lukoff, eine junge Deutschamerikanerin, die ein Landwirtschaftsstudium mit einer Demeter-Ausbildung kombiniert hat.

 

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Handarbeit statt Maschinen

Minimale Bodenbearbeitung ist ein weiteres zentrales Prinzip der aufbauenden Landwirtschaft, erläutert Permakulturist Schwarzer. Denn Pflügen bringt die Erdschichten durcheinander und endet für Bodenlebewesen oftmals tödlich: Sauerstoffabhängige geraten in tiefere Schichten, wo sie ersticken, und sauerstoffunabhängige an die Oberfläche, wo sie ebenfalls verenden. Zudem verdichten die schweren Maschinen der Agroindustrie den Boden so stark, dass seine Poren kaum mehr Wasser aufnehmen können – eine Ursache für die starken Überschwemmungen, wie sie auch in Deutschland immer mehr Orte heimsuchen. Für das Team ist das ein Grund, den größten Teil der Arbeit mit der Hand zu erledigen. Oder es benutzt eine Einachsfräse, mit der es bequem durch Pflanzreihen fahren kann. Mit solch einem Leichtgewicht wird das Bodenleben nicht platt gewalzt.

 

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Gärten als Seelennahrung

Aus dem Gewächshaus herausgetreten, zeigt Stefan Schwarzer in die Landschaft: Rund ums Dorf soll in den nächsten Jahren eine vielfältige „essbare Landschaft“ entstehen, für ihn ein weiteres wichtiges Prinzip einer regenerativen Agrikultur. Mit rotierenden Weideflächen und Obstbauminseln für Highland-Rinder. Mit Baum- und Strauchreihen, die in Äcker integriert sind. Mit Wald- und Kräutergärten. Und einer ganzen Kette von Teichen. Ein Teil ist schon gepflanzt: Zwischen Birnbäumen wachsen Erlen, Sibirische Erbsensträucher und Ölweiden als natürliche Stickstoff-Fixierer. Die Pflege ist einfach: „Äste abschneiden und liegen lassen“, beschreibt er das Prinzip einer schnellen Düngung der Obstbäume. Auch einen Teil der Dorfwege hat er „mundläufig“ gestaltet, mit Erd- und Himbeeren, Mai- und Heidelbeeren, die die Kinder mit Freude naschen. Dazwischen wiegen sich Ringelblumen, Kapuzinerkresse und andere essbare Blüten. Schönheit ist Seelennahrung. Und verziert auch Salat.

Auf einer Bank vor der Kantine sitzt Dorfmitbegründer Roman Huber. Wer von den Dorfbetrieben lebe, erläutert der 50-Jährige, erhalte ein „Bedarfseinkommen“ nach dem Grundsatz: „Ich bekomme, was ich brauche, und gebe, was ich kann.“ Eltern steht damit meist mehr zu als Kinderlosen. „Wir sorgen füreinander. Wenn ich in Not bin, werde ich getragen. Ich habe keine Existenzangst mehr.“ Er erzählt, wie positiv es den Bürgermeister ihrer Acht-Dörfer-Gemeinde Kreßberg beeindruckt habe, dass hier niemand von Sozialhilfe lebt – so wie es ihm die Gründer anfangs versprochen haben. Für den Entschluss von Stefan Schwarzer, nach Tempelhof zu ziehen, spielte wiederum eine Rolle, „dass ich hier Landschaft rundum frei mitgestalten kann“. Den Stein ins Rollen brachten vor ein paar Jahren Feldsteine, die ihn beim Umgraben immer ärgerten. „Bis ich über die Permakultur darauf kam, dass Steine kein Problem sind, sondern eine Lösung! In einer Kräuterspirale, am Beet- oder Waldesrand aufgeschichtet, ergeben sie wunderbare Lebensräume für seltene und hilfreiche Tiere oder auch Wärmespeicher.“ Je mehr man solche und andere Elemente einbaut, desto stabiler wird das System, desto weniger hat man später zu tun, besagt ein Grundsatz der Permakultur. Jedenfalls in der Theorie. „Gärtnern aus der Hängematte nennen das manche. Ich wünschte, ich läge schon drin.“

Text: Ute Scheub
Foto: Regina Recht