Werde Magazin-Totnes

Wo die Zukunft wohnt: Transition Town Totnes

Überall engagieren sich Menschen aktiv gegen den Klimawandel und für eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe. Das kleine britische Totnes ist Gründungsort dieser weltweiten Transition-Bewegung.

Sobald Holly Tiffen den Strom einschaltet, beginnt die industrielle Flockenquetsche mit Namen Florence Flaker ihr ohrenbetäubendes Werk. Zuerst beginnt es im Trichter, den Holly kurz zuvor mit Haferkörnern befüllt hat, zu rumoren. Von dort fällt der Hafer zwischen stählerne Walzen und wird zu Haferflocken gequetscht. Es ist so laut, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Am Ende spuckt die Maschine die platt gewalzten Körner in einen Jutesack, und Holly schüttet den Inhalt oben wieder hinein. Für wirklich zarte Flocken muss der Hafer mindestens dreimal durch Florence Flakers Walzen wandern. Auch die Getreidemühle, Meredith Mill, wartet auf ihren Einsatz. In einer anderen Ecke brummt und wackelt Simon Sieve, die Mehlsiebmaschine.

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Holly steht jetzt inmitten riesiger Getreidesäcke – jeder eine halbe Tonne schwer – und muss sich mitunter auf die Zehenspitzen stellen, um an den Inhalt zu gelangen. Gemessen an Körpergröße und -gewicht sei sie keine geborene Müllerin, scherzt sie.

Tatsächlich würde die kleine, schlanke Mittvierzigerin zwischen all den schweren Säcken und Maschinen ziemlich verloren wirken, hätte sie nicht so eine souveräne Art an sich, die Arbeit anzupacken, dabei vom Geschmack und Nährwert steingemahlenen Vollkornmehls zu schwärmen und nicht zuletzt von der großen Vision zu erzählen, die hinter der Mühle und ihrem Projekt „Grown in Totnes“ steckt.

Kommunale Antwort auf Globalen Herausforderungen

Hollys Mühle befindet sich in einem Industriekomplex am Rande der britischen Kleinstadt Totnes und ist dort Teil eines bemerkenswerten Pilotversuchs, kommunale Antworten auf die globalen Herausforderungen des Klimawandels zu finden. Angestoßen durch den Permakultur-Lehrer und Buchautor Rob Hopkins, hat sich seit 2006 eine wachsende Gemeinschaft engagierter Bürger zur sogenannten Transition-Town-Bewegung zusammengeschlossen. Mittlerweile hat die Bewegung nicht nur Totnes nachhaltig verändert, sie ist zu einem Vorbild für Umweltinitiativen in aller Welt geworden. Holly zieht, fasziniert von der Bewegung, im Januar 2007 in die Stadt im Südwesten Englands. Sie engagiert sich zunächst freiwillig und übernimmt 2011 ihr erstes bezahltes Projekt für die örtliche Initiative „Transition Town Totnes“ mit dem Ziel, die lokale Lebensmittelszene zu untersuchen und ein Netzwerk zwischen den Produzenten, Händlern und Verbrauchern aufzubauen.

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Je mehr sich Holly mit den Strukturen der örtlichen Landwirtschaft auseinandersetzt und auch selbst versucht, sich auf pflanzliche Produkte aus der Region zu beschränken, desto mehr muss sie einsehen, dass das in Totnes gar nicht so einfach ist. „Ich ernähre mich hauptsächlich von Getreide, Hülsenfrüchten, Nüssen und Samen und dachte, als Vegetarierin esse ich eigentlich schon so, wie es am besten für die Umwelt ist. Es war ein ganz schöner Schock für mich zu realisieren, dass die meisten meiner Proteinquellen von außerhalb Europas stammen“, erzählt sie.

Hollys Recherchen zeigen: Zwar werden in der Grafschaft Devon, in der Totnes liegt, neben saisonalem Gemüse traditionell auch Getreide und Hülsenfrüchte angebaut, allerdings ausschließlich als Futtermittel für die Viehzucht- und Milchbetriebe, die den Großteil der landwirtschaftlichen Produktion in Devon ausmachen. Die nächste industrielle Mühle, in der Getreide für den menschlichen Verzehr verarbeitet werden könnte, liegt sehr weit weg. Außerdem fehlen den Bauern die nötigen Maschinen zum Ernten und Trocknen des Getreides, und die Lebensmittelmärkte in der Altstadt sind zu klein, um den Landwirten Mengen abnehmen zu können, die sich finanziell für sie lohnen würden.

Fünf Jahre Arbeit und Herzblut

„Unsere Studien zeigten, dass Getreideanbau für die Ernährung der Menschen in Devon ohne größere Schwierigkeiten möglich ist. Das größere Problem waren die Weiterverarbeitung und der Vertrieb, für die es bisher keine lokale Infrastruktur gab“, erklärt Holly. Genau diese Lücke versucht sie mit ihrem Projekt „Grown in Totnes“ zu füllen. Künftig sollen geeignete Hülsenfrüchte und Getreidesorten wieder lokal angebaut, verarbeitet und verkauft werden, alles in einem Radius von höchstens 30 Meilen um Totnes. Der Grund dafür: Getreide und Hülsenfrüchte sind nicht nur nahrhaft und weisen in der Regel eine viel bessere CO2- Bilanz auf als tierische Produkte. Sie bieten auch den Vorteil, dass sie mit relativ wenig Aufwand haltbar gemacht und über lange Zeit eingelagert werden können.

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In Zeiten fortschreitender Klimaveränderungen, die in Zukunft wahrscheinlich zu schwierigeren Bedingungen für den landwirtschaftlichen Anbau und zu möglichen Versorgungsengpässen auch in Europa führen werden, sind sie eine wichtige Säule für die kommunale Versorgungssicherheit.

Eine resiliente Lokalwirtschaft

Wie wichtig ein solches Projekt für eine Stadtgemeinde wie Totnes in Zukunft werden könnte, hat sich im vergangenen Frühjahr gezeigt. „Im März 2018 haben wir einen plötzlichen und für Devon ungewöhnlichen Kälteeinbruch mit heftigen Schneefällen erlebt“, erzählt Holly. Das Geschäftsleben in Totnes kam zeitweise völlig zum Erliegen, und die Regale in den Supermärkten waren nach wenigen Tagen weitgehend leer. Hollys Mühle produzierte währenddessen weiter Mehl und Haferflocken und belieferte die Geschäfte.

„Wir haben diese Geschichte seitdem immer wieder als Beispiel verwendet, um zu erklären, wie wichtig eine resiliente Lokalwirtschaft ist und warum Getreide unserer Meinung nach die wichtigste Nahrungsressource ist und lokal produziert werden sollte“, sagt Holly. In der Mühle herrscht ein bisschen Abschiedsstimmung. Es ist vermutlich das letzte Mal, dass Holly Florence Flaker und die anderen Maschinen in Betrieb nehmen wird. Fünf Jahre Arbeit und Herzblut haben sie und ihr Team in die Mühle und das Projekt gesteckt.

Nun sind die Fördergelder erschöpft, und die Mühle soll in die Hände einer neu gegründeten Kooperative lokaler Betriebe mit einem Bäcker und zwei Landwirten übergehen. Sie werden das Projekt fortführen und zu einem sich finanziell selbst tragenden Unternehmen ausbauen.

Ideen sprießen wie Pilze

In den Augen von Rob Hopkins ist „Grown in Totnes“ schon jetzt ein Riesenerfolg. Dass Holly aus einer fixen Idee tatsächlich eine funktionstüchtige Mühle geschaffen hat, trotz aller Schwierigkeiten und ohne technisches Vorwissen, sei eine unglaubliche Leistung, findet er. „Vielleicht wird sich die Mühle in den kommenden Jahren zu etwas noch viel Großartigerem entwickeln, als wir uns das hätten vorstellen können“, sagt Rob. Er hätte sich schließlich auch nicht träumen lassen, dass aus seiner ursprünglichen Transition-Idee eine internationale Bewegung erwachsen würde.

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Rob steht in der herbstlichen Idylle seines Gartens, wo bis Mitte November Salatköpfe in Hochbeeten sprießen. Auch der Apfelbaum trägt noch Früchte, die sich der 51-Jährige täglich frisch für das morgendliche Frühstücksmüsli pflückt. In einer anderen Ecke gackern die hauseigenen Hühner.

Als Rob im September 2005 mit seiner Familie hierher zieht, hat er seine Transition- Idee bereits im Gepäck. Zuvor hat er mehrere Jahre lang als Privatdozent im irischen Kinsale gearbeitet und am dortigen College einen der weltweit ersten Studiengänge für Permakultur entwickelt. In seinem letzten Jahr dort stellt er seinen Studenten eine besondere Projektaufgabe: „Was wäre, wenn die Stadt einen konkreten Plan hätte, sich bis 2021 unabhängig von fossiler Energie zu machen? Wie könnte ein solcher Plan aussehen?“

Am Ende des Semesters stellen Rob und die Studenten den „Kinsale Energy Descent Action Plan“ vor, eine 55-seitige Broschüre, die detailliert beschreibt, welche Schritte die Stadt Jahr für Jahr unternehmen müsste, um bis 2021 eine Energiewende auf kommunaler Ebene umzusetzen. „In Totnes kannte ich anfangs niemanden. Aber ich hatte diese Broschüre aus Kinsale, die ich Leuten zeigen und sagen konnte: Ich habe da eine Idee“, erinnert er sich. Wie ein Pilz sei seine Idee zunächst in Totnes gesprossen und dann plötzlich an immer mehr Orten in der Welt aufgekeimt.

Transition Projekte

Mittlerweile gibt es in Totnes vielfältige Transition-Projekte: von kleinen Nachbarschaftsgruppen, die gemeinsam ihre Häuser isolieren und sich einen Rasenmäher teilen, bis hin zu millionenschweren Strukturprojekten wie dem Atmos-Projekt, in dessen Rahmen ein nachhaltiges Stadtquartier auf einem brachliegenden Fabrikgelände entstehen soll.

Längst prägt die Transition-Gemeinschaft in Totnes auch die Kommunalpolitik mit. Der Stadtrat hat sich kurzerhand selbst zum „Transition Council“ ernannt und unterstützt einen von „Transition Town Totnes“ auf den Weg gebrachten Stadtentwicklungsplan, der vorsieht, Totnes bis 2030 unabhängig von fossiler Energie zu machen.

Darüber hinaus haben Mitglieder viele eigenständige Organisationen und Firmen gegründet, darunter ein kommunales Energieunternehmen, das seit 2007 Dutzende Solardächer installiert und ein Wasserkraftwerk am Stauwehr der Stadt gebaut hat. Rob hat mit Freunden die erste Craftbier-Brauerei der Stadt eröffnet. Im Laufe des Jahres 2019 soll sie sich deutlich vergrößern und mit dem Bäcker aus der neuen Mühlen-Kooperative unter ein Dach ziehen. „Unser Traum ist, dass sich daraus neue Synergien ergeben und wir die Erzeugnisse aus Hollys Mühle gemeinsam nutzen können.“

Alles unter einem Dach

Mit der ersten Fuhre an Sauerteigbroten, die der 42-jährige Bäcker Daniel Mifsud am Morgen aus seinem Ofen zieht, ist er nicht zufrieden. Per Knopfdruck lässt er Wasserdampf in den 260 Grad heißen Ofen zischen. Die nächste Ladung seiner preisgekrönten Backwaren wird perfekt. Daniel macht – das sagen unter anderem Rob, Holly und die Jury der „Devon Life Food and Drink Awards 2015“ – das beste Brot in ganz Devon. Kein Wunder also, dass seine Artisan-Bäckerei „The Almond Thief“ („Der Mandeldieb“) seit ihrer Eröffnung vor vier Jahren zu einem der angesagtesten Frühstücks- und Lunch-Spots der Gegend geworden ist. Bald soll er, so der Plan, stolzer Mitbesitzer einer Mühle sein.

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Gemeinsam Nutzen

Nur fünf Autominuten von der Bäckerei entfernt steht Biobauer Jon Perkin auf einem seiner Äcker. Zu Füßen des 49-Jährigen sprießt noch kaum sichtbar eine neue Generation von Getreide aus dem Boden. Die noch winzigen grünen Halme sollen im kommenden Sommer die erste Ernte für die „Dartington Mill“-Kooperative einbringen, die Jon und Daniel gemeinsam mit einem weiteren Biohof gegründet haben. Das hier verwendete Saatgut war Hollys Idee. Es handelt sich um Urkorn, den mittelalterlichen Vorfahren des modernen „Hochleistungs-Getreides“.

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Diese heute sehr seltenen Mischsorten bringen in guten Jahren weniger Ertrag als die in Monokultur angebauten, modernen Züchtungen ein, sind dafür aber nährstoffreicher, widerstandsfähiger gegen Wetter, Krankheit und Schädlinge und damit krisensicherer. Vom ersten Anbauversuch im vergangenen Jahr seien alle Beteiligten auf Anhieb begeistert gewesen, erzählt Jon. Trotz des langen, heißen Dürresommers sei das Urkorn dank seiner längeren Wurzeln prima gewachsen, während Bauern andernorts die Ernten gnadenlos eingegangen seien.

„Je länger wir das Urkorn hier anbauen, desto besser wird es sich an unser Land und unsere Böden anpassen“, sagt Jon. Für ihn bietet die Mühlenkooperative vor allem Planungssicherheit. Mögliche Verluste in schlechten Jahren wollen die Partner künftig genauso wie Gewinnüberschüsse in guten Jahren gemeinsam nutzen.

Daniel wiederum bekommt die Möglichkeit, die Qualität und Beschaffenheit seines Mehls selbst zu beeinflussen und mit dem Urkorn neue Brotsorten zu entwickeln. „Die Mühle direkt in der Bäckerei zu haben, das wäre perfekt“, sagt Daniel. Die Menschen könnten zuschauen, wie aus Getreidekörnern Brote und vielleicht sogar Bier entstehen. Dass sein Betrieb im Sinne Hollys und der Transition-Bewegung gleich noch klimafreundlicher wird und den lokalen Wirtschaftskreislauf stärkt, sei natürlich auch ein guter Effekt, findet Daniel.

Mit Blick aufs Meer

Am Wochenende zieht es Holly Tiffen hinaus ans Meer. Die kleine Bucht mit Badestrand, die sie sich für ihren Ausflug ausgesucht hat, liegt gut eine halbe Stunde Autofahrt von Totnes entfernt. Zu beiden Seiten des Strandes türmen sich die beeindruckenden Felsklippen der südenglischen Steilküste auf. Die Wassertemperatur liegt heute bei zwölf Grad Celsius, und hier und da lässt sich sogar die Sonne blicken. Eine Handvoll Wagemutiger tummelt sich bereits in den Wellen, weiter draußen paddeln Surfer gegen die hereinkommende Flut an. Holly ist ebenfalls zum Schwimmen hergekommen. „Ich habe mir Anfang des Jahres vorgenommen, jeden Monat mindestens einmal im Meer zu schwimmen“, verkündet sie. Dann streift sie tatsächlich die warme Winterkleidung ab und springt im Badeanzug zu den anderen Badegästen in die Brandung.

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Sie möchte nun erst einmal Abstand von der Arbeit und ihrer bisherigen Rolle in der Transition-Town-Bewegung gewinnen. Ob die neue Kooperative erfolgreich sein wird und die Mühle tatsächlich zu einem Katalysator für lokalen Getreideanbau werden kann, so wie Holly sich das wünscht, wird sich frühestens im kommenden Spätsommer zeigen. Ihr „Grown in Totnes“-Projekt wird sie bis dahin abschließend evaluieren.

Bis zum Sommer soll eine interaktive Anleitung auf der Internetseite von „Transition Town Totnes“ entstehen, die anderen Initiativen die Möglichkeit bieten soll, das Projekt zu kopieren. Holly wird dann woanders unterwegs sein, vielleicht für einige Wochen nach Schottland verreisen. Die Stadt Totnes wird vorerst ohne ihre visionäre Müllerin auskommen müssen.

Interview mit Robert Hopkins, dem Gründer der Transition Town Bewegung
Drei Fragen an Müllerin Holly Tiffen