Werde Magazin-Kugelmüller

Die Kugelmühle

Stefan Metzler ist Ingenieur und kennt sich ziemlich gut aus mit Kraft und Antrieb, mit Drehungen und Bewegungen, mit Scheiben und Rillen. Kein Wunder, schließlich beschäftigt er sich ständig mit einer idealen Form: der Kugel, genaugenommen der Marmorkugel, bekannt auch als Murmel. Er betreibt im süddeutschen Neidlingen die professionellste und produktivste Kugelmühle, wie er sagt. Und weltweit eine der letzten ihrer Art.

„Der Weltkongress der Kugelmüller hätte an einem Campingtisch Platz“, sagt Stefan Metzler, der sich intensiv mit der Geschichte von Kugelmühlen beschäftigt hat. Von den 3.000 Mühlen, die es einmal gegeben haben dürfte, betrieben von Wald- und Bergbauern während der Wintermonate, um mit der Murmelproduktion ihr Einkommen aufzubessern, sind nur noch eine Handvoll übrig geblieben. Es gab und gibt sie nur im deutschsprachigen Raum, dort, wo Marmor vorkommt.

Als junger Mann und Student war Stefan Metzler oft wochenlang im Gebirge unterwegs, übernachtete draußen ohne Zelt, sogar im Winter. Auf seinen Wanderungen traf er Kräutersammlerinnen und so genannte Strahler, die Mineralien aus den Felswänden schlagen. In den österreichischen Alpen begegnete ihm zufällig ein alter Kugelmüller, dessen Handwerk Metzler nicht mehr losließ. Heute berät Metzler als Sicherheitsingenieur Industrieunternehmen. Am Feierabend entwickelte er seine Maschinen, mit denen die Kugelrohlinge hergestellt werden, forschte zur Geschichte und Technik der Mühlen, suchte er einen Platz für die Kugelmühle und holte sich schließlich eine Genehmigung.

Kreise und Spiralen

Kugelmüller Metzler produziert seit 2005 im süddeutschen Ort Neidlingen mit Teilzeit-Angestellten und Helfern das ganze Jahr über. Vor allem in der kalten Jahreszeit, wenn der Bach ausreichend Wasser führt. Dann ist auch die Temperatur ideal: Denn kaltes Wasser hat eine höhere Dichte als warmes, fließt rascher und bringt mehr Kraft auf die Mühlenflügel. Nachts drehen sie sich am schnellsten, nur bei Vollmond verlieren sie an Fahrt.

Wenige Schritte bachabwärts der Werkstatt leitet Metzler das Wasser in vier Rinnen auf die vier Mühlen. Ihr unterer Teil ist eine feststehende liegende Scheibe aus hartem Sandstein. Man nennt sie Genger, mit ihren eingehauenen Rillen in konzentrischen Kreisen, in denen die Rohlinge wie in einem Kugellager im Kreis laufen, ohne sich gegenseitig zu berühren. Angetrieben werden sie vom aufliegenden hölzernen so genannten Läufer mit seinen Wasserschaufeln. Für die größten Kugeln ist in der Scheibe nur Platz für einen Rillenkanal, in dem sich drei bis fünf Kugeln bewegen. Von den kleinsten Kugeln legt der Kugelmüller höchstens 18 in die drei Rillen der Scheibe.

Zusätzlich zur Kreisbewegung in der Rille vollziehen die Steine eine „Drehung in sich“: bei dieser Doppeldrehung oder Spiralbewegung – vergleichbar dem Rollen eines Tonklumpens zwischen zwei Händen – schleifen sich die verbliebenen Kanten der Rohlinge am Sandstein ab.

Je öfter die Doppeldrehung eines Rohlings in seiner Rille stattfindet, umso präziser wird die Kugel. Unter idealen Bedingungen schaffen die Mühlen zwei Umdrehungen pro Sekunde, Rohlinge mittlerer Größe sind dann schon nach einem Tag rundgeschliffen. „Im Winter kann es manchmal auch nur einen halben Tag dauern, aber schneller geht es einfach nicht“, sagt Metzler.

Wo es nicht leuchtet sind Fossilien

In der Werkstatt erklärt er Besuchern gerne, wie er und seine Mitarbeiter zuerst zylinderförmige Stangen aus den Gesteinsblöcken bohren und daraus Gebilde herstellen, die sich allmählich der Kugelform annähern. „Es entsteht ein Würfel mit vielen Hörnchen, ein entkanteter Würfel, der fast schon rollen kann.“ Damit er noch besser in der Mühle rollt, werden dem Rohling an einer Schleifmaschine die Hörnchen entfernt. Die Kugelmühlen erledigen dann den Rest. Zuletzt müssen sie noch mit Schafwollfilz auf Hochglanz poliert werden.

Mit einer kleinen Taschenlampe fährt Metzler über die polierten Kugeln. „Sehen Sie den leuchtenden Kranz um die Lampe herum?“, fragt er, „das liegt an den Kristallen, die hell aufleuchten. Wo es nicht leuchtet, da sind Fossilien – Ammoniten, Schwämme, Gliedertierchen- eingeschlossen.“

„Wir produzieren hier so wenig Abfall wie möglich“, erzählt er, der selber in die Steinbrüche fährt und nur mitnimmt, was wirklich geeignet erscheint. Mit dem anfallenden Steinmehl kann man lehmhaltige Böden auflockern, und die großen Steine mit den Bohrlöchern dienen als Pflanzsteine im Garten.“

Die Werkstatt, eine ehemalige Molkerei, bezieht Strom aus Wasserkraft, geheizt wird sie mit Holz und Strauchschnitt aus dem Ort. Gründer und Inhaber Stefan Metzler versendet keine Kugeln und verkauft sie auch nicht über das Internet oder in Läden, sondern einfach nur in der Mühle selbst. Zu besichtigen ist sie fast das ganze Jahr über an Sonn- und Feiertagen zwischen 11 und 17 Uhr (außer am letzten Sonntag eines Monats).

Weitere Informationen unter: www.kugelmuehle-neidlingen.de