Friederike Otto

„Wir können Klimaschäden einzelnen Ländern oder Konzernen zuordnen“

Das Wetter tobt immer häufiger und extremer. Welchen Anteil hat der Klimawandel an Hitzewellen und Starkregen? Die Physikerin und Philosophin Friederike Otto über Zuordnungen, die Zukunft und darüber, warum Selbstwirksamkeit ihr so wichtig ist.

Friederike Otto - Werde Magazin

Frau Otto, Sie leiten das Environmental Change Institute der Universität Oxford und haben die sogenannte Zuordnungswissenschaft mitentwickelt. Was kann man sich darunter vorstellen?
Friederike Otto Mein Team und ich versuchen die Frage zu beantworten, die sich aktuell viele Menschen stellen, wenn sie die Berichterstattung über Hitzewellen, Überschwemmungen oder Buschfeuer verfolgen: Ist das noch normal oder schon der Klimawandel? Oder anders formuliert: Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf konkrete Wetterereignisse?

Dafür vergleichen wir das tatsächlich beobachtete Ereignis in zwei Wettersimulationen: in der heutigen Welt mit Klimawandel und in der gleichen Welt, aber ohne die zusätzlichen Treibhausgase vom Verbrennen fossiler Energieträger. So können wir innerhalb von nur wenigen Tagen für einzelne Ereignisse die Frage beantworten, ob der Klimawandel deren Wahrscheinlichkeit erhöht, verringert oder überhaupt nicht verändert hat. Deshalb nennt sich unser Forschungsfeld Zuordnungswissenschaft (Event Attribution Science).

Sie vergleichen also unsere heutige Welt mitsamt dem Klimawandel mit einer Modellwelt ohne den Menschen?
Friederike Otto Nicht ganz, denn unsere Frage ist nicht, wie wahrscheinlich ein Wetterereignis in einer Welt ohne den Menschen wäre, sondern: Wie wahrscheinlich wäre ein Wetterereignis in einer Welt wie der unseren, aber ohne den menschengemachten Klimawandel? Denn würde die Erde nicht von Menschen bevölkert, sähe sie heute gänzlich anders aus.

Nicht nur die Atmosphäre wäre um jene Treibhausgase ärmer, die wir seit Beginn der industriellen Revolution ausstoßen, auch die Vegetation wäre kaum wiederzuerkennen. Es gäbe sehr viel Urwald. Unsere Modellwelt ist also kein unberührter Planet, sondern eine Menschenwelt, nur eben ohne zusätzliche Treibhausgase. Städte und die Flächennutzung durch die Landwirtschaft gibt es in unserem Modell.

Und dann legen Sie die Beobachtungsdaten und das errechnete Modell übereinander wie zwei Schablonen und gucken, wo sie voneinander abweichen?
Friederike Otto Das kann man sich ungefähr so vorstellen, ja. Wo die Umrisse nicht deckungsgleich sind, sehen wir, ob und wie der Klimawandel Einfluss genommen hat. Verstärkend, abschwächend oder eben gar nicht.

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Sie und Ihr Team haben auch eine Zuordnungsstudie für die Regenfälle im US-amerikanischen Bundesstaat Texas während des Hurrikans Harvey 2017 erstellt. Würden Sie kurz umreißen, was die einzelnen Schritte waren?
Friederike Otto Zunächst mussten wir herausfinden wie viel Regen in Houston normalerweise im Durchschnitt fällt? Wie intensiv ist Extremregen, der dort alle zehn Jahre niedergeht? Wie intensiv alle 50 Jahre? Alle 100 Jahre? Wie wahrscheinlich ist es, dass es so heftig regnet, wie wir es beobachtet haben? Anschließend stellen wir genau die gleichen Fragen, nur simulieren wir jetzt am Computer das mögliche Wetter einmal für eine Welt mit und einmal ohne Klimawandel.

Ist in dem einen Fall die Wahrscheinlichkeit für das Wetterereignis größer oder kleiner als in dem anderen, dann ist der Unterschied auf den Klimawandel zurückzuführen. Schließlich ist das der einzige Unterschied zwischen den beiden Welten. Ist ein Extremereignis also alle zehn Jahre im heutigen Klima zu erwarten, aber nur alle 100 Jahre in der klimawandelfreien Welt, dann hat der Klimawandel das Ereignis zehnmal wahrscheinlicher gemacht. Für Houston konnten wir feststellen, dass der Klimawandel derart große Regenmengen – es regnete in drei Tagen mehr als in Kiel im ganzen Jahr – etwa dreimal wahrscheinlicher gemacht hat.

Indem wir schnell reagieren, stellen wir die Klimawissenschaft vom Kopf auf die Füße. Wir holen sie von der Zukunft in die Gegenwart, indem wir uns mit dem Wetter beschäftigen, das uns aktuell umgibt.

Eine Besonderheit Ihrer Arbeit ist, dass Sie ein konkretes Wetterereignis praktisch in Echtzeit zuordnen können. Bei der Hitzewelle 2018 konnten Sie beispielsweise innerhalb einer Woche sagen, dass der Klimawandel diese doppelt so wahrscheinlich gemacht hat. Für derartige Berechnungen sind sicher Supercomputer nötig, richtig?
Friederike Otto Als wir vor rund zehn Jahren mit der Zuordnungswissenschaft angefangen haben, wäre die Nutzung von Supercomputern praktisch unbezahlbar gewesen. Und auch heute würden die Kalkulationen sehr vieler Modelljahre auf einem solchen Rechner noch sehr viel Geld kosten. Wir nutzen deshalb eine alternative Technologie, die eigentlich für die Suche nach Aliens entwickelt wurde.

Eine Technologie für die Jagd nach Außerirdischem hilft der Klimawissenschaft?
Friederike Otto Tatsächlich, ja. Das Weltraumlabor der Universität Berkeley sah sich nämlich in den Neunzigerjahren mit dem Problem riesiger Mengen von Tonaufnahmen aus dem All konfrontiert, die möglicherweise Hinweise auf außerirdisches Leben beinhalteten. Weil man aber nicht weiß, wie sich außerirdisches Leben anhört, konnte man keine Maschinen darauf trainieren. Zudem war das Team sehr klein. So entwickelten sie eine Software, mit der Tonaufnahmen an private Rechner weltweit verschickt wurden. Dort konnten sich Menschen die Aufnahmen anhören und berichten, wenn ihnen etwas auffiel. Wir benutzen dieselbe Software, die in Berkeley entwickelt wurde. Nur schenken uns unsere Unterstützer*innen nicht ihre Arbeitszeit, sondern Rechenzeit auf ihren PCs. Die Software, die sich jeder unter climateprediction.net herunterladen kann, läuft im Hintergrund und rechnet unsere Simulationen. Durch aktuell 40.000 Unterstützer*innen weltweit steht uns ein riesiger Computer zur Verfügung.

Anfangs reagierten andere Klimaforscher*innen skeptisch auf Sie, weil sie der Geschwindigkeit Ihrer Forschung misstrauten. Hat sich das mittlerweile gerändert?
Friederike Otto Über das aktuelle Wetter zu reden war unter Wissenschaftler*innen tatsächlich lange verpönt. Das hat sich aber verändert. Zum einen liegt es sicher daran, dass die Frage nach dem Zusammenhang von Wetterereignissen und Klimawandel heute viel mehr Menschen interessiert als noch vor einigen Jahren. Zum anderen leisten wir auch einfach gute Arbeit. Wir veröffentlichen all unsere Daten frei zugänglich und machen transparent, wie wir auf unsere Ergebnisse kommen. Auch ist heute vielen bewusst, dass man mit wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen an die Öffentlichkeit gehen muss, um nicht denjenigen das Feld zu überlassen, die mit falschen Aussagen und wilden Mutmaßungen ihre Agenda zementieren wollen. Indem wir schnell reagieren, stellen wir die Klimawissenschaft vom Kopf auf die Füße. Wir holen sie von der Zukunft in die Gegenwart, indem wir uns mit dem Wetter beschäftigen, das uns aktuell umgibt.

Von der Zukunft in die Gegenwart holen, sagen Sie. Der französische Philosoph Albert Camus hat mal gesagt: „Die wahre Großzügigkeit gegenüber der Zukunft besteht darin, der Gegenwart alles zu geben.“ Würden Sie dem zustimmen?
Friederike Otto Wenn ich den Satz richtig verstehe, dann meint Camus ja, dass wir in der Gegenwart alles dafür tun sollten, dass die Zukunft eine lebenswerte wird. In diesem Fall würde ich als Klimaforscherin und als politischer Mensch auf jeden Fall zustimmen. Als Privatperson und auf mein persönliches Leben geblickt, würde ich den Satz ein bisschen anders interpretieren.

Das müssen Sie erklären.
Friederike Otto Ich glaube, dass wir in unserem täglichen Leben zu viel Zeit mit Gedanken an eine Zukunft verschwenden. Persönlich versuche ich im Hier und Jetzt zu leben. Im Moment zu sein. Ganz da, wenn ich Zeit mit meinem Sohn verbringe. In meinen Zwanzigern habe ich mir immer gesagt: „Ich mache jetzt diese nervige Sache, weil sie mir ermöglicht, etwas Tolles in der Zukunft zu machen.“ So versuche ich heute nicht mehr zu denken. Ich arbeite beispielsweise nicht mehr mit Leuten zusammen, die ich nicht leiden kann. Natürlich lässt sich das nicht immer vermeiden. Aber das Jetzt als Trittstein für eine eventuell großartige Zukunft anzusehen ergibt für mich keinen Sinn.

Die Philosophie hat mir beigebracht, dass Wissenschaft sich durch Transparenz und Kontrolle auszeichnet.

Sie haben nicht nur ein Diplomstudium in Physik absolviert, sondern auch ein Promotionsstudium in Philosophie. Würden Sie sagen, dass Ihnen Philosophie auch in Ihrer heutigen Arbeit noch hilft?
Friederike Otto Auf jeden Fall. Eines der wichtigsten Dinge, die ich im Studium gelernt habe, war, wie Wissenschaft funktioniert. Sprich, dass es reine Objektivität nicht gibt. Daten sind nie unschuldig. Sie werden auf ganz bestimmte Weise erhoben und interpretiert. Ebenso wichtig ist aber auch zu sagen, dass das nicht bedeutet, dass deshalb alle Daten gleich verlässlich oder unverlässlich sind. Die Philosophie hat mir beigebracht, dass Wissenschaft sich durch Transparenz und Kontrolle auszeichnet. Ohne die Philosophie wäre ich wahrscheinlich jemand geblieben, der mit physikalischen Modellen herumspielt und Gleichungen löst, aber eben nicht diesen Schritt zurück macht und sagt: „Okay, aber was ist denn eigentlich die Frage dahinter? Was müssen wir denn eigentlich in der echten Welt wissen?“ Eigentlich hat mich die Philosophie erst zur Klimawissenschaft gebracht.

Das hört sich fast so an, als wären Reflexionsvermögen und Kreativität wichtiger in Ihrem Beruf als das Errechnen von Klimamodellen.
Friederike Otto Das ist nicht falsch. Manchmal fragen mich Studierende, was man eigentlich machen muss, um eine Führungsposition in der Klimawissenschaft zu bekommen. Und sie denken dann immer, dass man besonders gut rechnen und programmieren können muss. Und auch wenn das natürlich nicht schadet, ist die wichtigere Fähigkeit, gut begründete und verständliche Geschichten erzählen zu können. Das geht schon vor einer Zuordnungsstudie los, wenn man entscheiden muss, was denn das Extremwetterereignis überhaupt ist. Da spielen Fragen nach dem Zeitraum, den Beobachtungskriterien, der Relevanz des Ereignisses eine Rolle. Man klärt Begriffe. Und das ist genau der Teil der Arbeit, den man nicht automatisieren kann und der mir auch am meisten Spaß macht.

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Das Gegenteil von Spaß fordert die Fridays-for-Future-Bewegung. Dort ist die Rede von Panik und einem Aufwachen, um endlich zu handeln. Würden Sie sagen, dass derartig drastische Appelle zielführend sind?
Friederike Otto Zunächst einmal ist mir wichtig klarzustellen, dass die Fridays-for-Future-Bewegung nichts Radikales fordert. Gestützt von den Erkenntnissen der Wissenschaft, pocht sie lediglich auf die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens. Das ist nicht radikal und auch im Ton absolut legitim. Allerdings würde ich sagen, dass anderweitig geäußerte und zu überspitzte Aussagen nicht nur keine, sondern sogar eine gegenteilige Wirkung haben können. Absolute Worst-Case-Szenarien, in denen die Welt in 20 Jahren unbewohnbar ist, mobilisieren die Leute nicht, sondern lähmen sie geradezu. Der Klimawandel ist wirklich schlimm genug, wenn wir bei den Tatsachen bleiben.

Und was sagen die Tatsachen? Auf wie viel Grad Erwärmung steuern wir nach Ihren Berechnungen aktuell zu?
Friederike Otto Rein physikalisch besteht die Möglichkeit, dass wir die Erhöhung der globalen Mitteltemperatur auf 1,5 Grad beschränken können.

Und eingedenk politischer und gesellschaftlicher Dynamiken?
Friederike Otto Das ist extrem schwer einzuschätzen, weil sich hier Ansichten und Handlungsweisen oft sehr schnell verändern. Als ich Kind war, gab es in der öffentlichen Wahrnehmung beispielsweise keine Schwulen. Und kürzlich kam mein Sohn mit dem Bild eines Familienstammbaums in einem Schulheft an und meinte, dass da doch irgendwas falsch sei. Da seien ja immer nur Männer mit Frauen und keine Männer mit Männern und Frauen mit Frauen verheiratet. Manchmal wandelt sich die öffentliche Meinung innerhalb weniger Jahre vom No-Go zu breitenwirksamer Akzeptanz. Zudem besteht auch ab einem bestimmten Punkt ein wirtschaftliches Interesse am Klimaschutz. Denn auch wenn Sommer wie 2018 das neue Normal sind, eine Welt mit fünf Grad Erwärmung will niemand bezahlen. Das muss man auch sehen.

Wen sehen Sie in der Verantwortung, wenn es um Maßnahmen des Klimaschutzes geht? Eher das Individuum oder die großen Konzerne?
Friederike Otto Ich glaube, dass wir ganz dringend beides brauchen. Denn auf nationaler und internationaler Ebene wird sich nur etwas tun, wenn es Druck aus der Bevölkerung gibt. Großbritannien hat beispielsweise beschlossen, dass es bis 2050 CO2-neutral sein will. Allerdings sind dem bis dato noch keine Gesetze gefolgt. So ist es heute beispielsweise für eine normal verdienende Person sehr schwer, ein Haus zu bauen, das CO2-neutral ist, weil klimaschädlichere Alternativen noch immer wesentlich günstiger sind. Hier muss der Staat eingreifen. Ebenso beim Transport, damit Klimaschutz kein Privileg der reicheren Bevölkerung bleibt.

Der vollständige Titel Ihres Buches lautet „Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme“. Kann Ihre Arbeit also dabei helfen, Konzerne und Staaten für die Schäden haftbar zu machen, die sie durch den Ausstoß von Treibhausgasen verursacht haben?
Friederike Otto Noch ist die Liste der erfolgreichen Klimaklagen recht überschaubar – im Vergleich zu denen, die gescheitert sind oder gar nicht erst zugelassen wurden. Bislang konnten die Klagen, wenn überhaupt, nur die Politik einzelner Länder beeinflussen, nicht aber die internationale Politik. Und auch die Manager*innen der größten Treibhausgasemittenten haben deshalb ihr Geschäftsmodell nicht geändert und ihre Konzerne umstrukturiert. Die ersten kleinen Erfolge sind aber womöglich erst der Beginn einer Welle von Klagen, die im größeren Maßstab tatsächlich das Zeug dazu haben, die Welt aufzurütteln. Denn inzwischen hat sich der Charakter der Klagen verändert.

Was genau hat sich getan?
Friederike Otto Lange drehten sich die Klagen lediglich um die Rechte zukünftiger Generationen, um Falschinformationen von Konzernen, um Regierungen, die ihre eigenen Gesetze und Ziele nicht einhalten. Nun aber konzentrieren sich viele von ihnen auf konkrete Schäden durch Extremwetterereignisse und den Meeresspiegelanstieg.

Was wäre ein Beispiel für eine solche Klage?
Friederike Otto 2015 klagte ein Mann in Deutschland, der selbst kein Wort Deutsch spricht und bis zu seiner Klageeinreichung im Dezember jenes Jahres vor dem Landgericht Essen noch nie in Deutschland gewesen war. Saúl Luciano Lliuya. Sein Fall ging und geht, da er noch immer nicht abgeschlossen ist, auch durch die Medien. Ein Bauer aus den peruanischen Anden, der am Rande der Stadt Huaraz in einem Bergdorf 3100 Meter über dem Meeresspiegel lebt. Von seinem Acker aus kann er auf die Gebirgskette Cordillera Blanca blicken. „Blanca“ bedeutet weiß, was jedoch immer weniger der Fall ist, da der Gletscher im Zuge der Erderwärmung schmilzt. Das Wasser fließt in einen Gletschersee, der etwa 1000 Meter über Huaraz liegt und prall gefüllt ist. Würde ein großer Eisbrocken abbrechen und in den See kippen, könnte eine Welle weite Teile der Stadt überfluten und damit auch den Hof von Lliuya. Jeden Tag muss Lliuya mit der drohenden Gefahr über ihm leben. Schützen könnte ihn und die Stadt ein Staudamm, aber der wäre teuer, und Huaraz kann oder will ihn sich nicht leisten.

Und so kam die Idee, die Schuldigen für die Kosten aufkommen zu lassen?
Friederike Otto Die Verursacher dieses ja tatsächlich Furcht einflößenden Szenarios sollten bezahlen, richtig. Zu ihnen gehört auch der Essener Energiekonzern RWE. Mithilfe der deutschen Umweltorganisation Germanwatch hat er Klage gegen den größten Kohlenstoffemittenten Europas eingereicht. RWE, so Lliuya, habe mit seinen Emissionen dazu beigetragen, dass Gletscher in den Anden geschmolzen seien und der Gletschersee nun seinen Hof zu überschwemmen drohe. Da RWE für knapp 0,5 Prozent aller Treibhausgasemissionen in der Welt verantwortlich sei, müsse der Konzern auch 0,5 Prozent der Kosten übernehmen, mit denen sich Lliuyas Heimatstadt nun vor den möglichen Überschwemmungen schützen müsse: 17.000 Euro.

Wir können schließlich den Anteil des Klimawandels an einzelnen Extremereignissen berechnen und die Klimaschäden einzelnen Ländern oder Konzernen zuordnen.

Das klingt nach nicht besonders viel Geld für einen Konzern wie RWE.
Friederike Otto Ein Erfolg für Lliuya hätte auch eine weit größere Bedeutung als diese Summe: Mit einem positiven Urteil könnte das Gericht einen Präzedenzfall schaffen – und viele solcher Klimaklagen auf der Welt anstoßen. Doch ob es dazu kommt, hängt von vielen juristischen Fragen ab, aber vielleicht auch davon, ob sich nachweisen lässt, dass die CO2-Moleküle, die RWE ausgestoßen hat, tatsächlich dazu beigetragen haben, den Gletscher oberhalb von Lliuyas Hof abzuschmelzen. Grundlage der Klage ist Paragraf 1004 des Bürgerlichen Gesetzbuchs, nach dem „der Eigentümer von dem Störer die Beseitigung der Beeinträchtigung verlangen“ kann – ein Paragraf, der heute vor allem in Nachbarschaftsstreitigkeiten zum Zuge kommt, in denen die Kausalität leicht zu belegen ist. Im Fall „Lliuya vs. RWE AG“ besteht der kausale Zusammenhang aus mehreren Schritten, und natürlich ist RWE auch nicht der einzige Emittent.

Wurde der Klage denn stattgegeben?
Friederike Otto Das Essener Gericht lehnte die Klage in erster Instanz ab. Und zwar mit der Begründung, dass eine „lineare Verursachungskette“ von RWE zum Gletscher nicht festzustellen sei. Aber das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Aktuell prüft in zweiter Instanz das Oberlandesgericht Hamm, ob ein Ortstermin in Peru für die Beweisaufnahme möglich ist. Schließlich sei aber noch mal daran erinnert, dass es die Schäden, die der Klage zugrunde liegen, tatsächlich gibt. Das steht schwarz auf weiß im Pariser Abkommen. Und mehr noch: Die Kausalitätskette vom Verursacher RWE bis hin zur Gefahr des volllaufenden Gletschersees lässt sich heute durchaus schließen. Und zwar mithilfe von Zuordnungsstudien. Wir können schließlich den Anteil des Klimawandels an einzelnen Extremereignissen berechnen und die Klimaschäden einzelnen Ländern oder Konzernen zuordnen.

Sehen Sie kein Problem darin, wenn Ihre Studien für handfeste juristische Zwecke verwendet werden und nicht allein dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn dienen?
Friederike Otto Absolut nicht. In meinem Verständnis hat Wissenschaft die Aufgabe, mithilfe wissenschaftlicher Methoden Fragen zu beantworten, die gesellschaftlich relevant sind. Und da die Zuordnungswissenschaft Erkenntnisse liefern kann, die für einen wachsenden Teil der Bevölkerung wichtig werden, sehe ich das als gerechtfertigt an. Es ist entscheidend, dass wir die Erkenntnisse so formulieren, dass sie eben auch in Klimaklagen verwendet werden können, und wir nicht einfach in sich geschlossene Modelle bauen, die richtig und schön sind, aber nichts mit der Welt zu tun haben. Das kann man auch machen, das wäre dann aber vermutlich eher Kunst als Wissenschaft. Wissenschaft hat eigentlich schon immer Fragen beantwortet, die Menschen hatten, weil sie auf irgendeine Art etwas erreichen oder verändern wollten. Wissenschaft schwebt nie im luftleeren Raum und hat immer etwas mit der Welt und den Menschen in ihr zu tun.

Wie empfinden Sie die Berichterstattung über Extremwetterereignisse in den Medien?
Friederike Otto An einigen Stellen würde ich mir mehr Differenzierung wünschen. Der Klimawandel ist nicht an allem schuld, aber manchmal spielt er eine erhebliche Rolle, jedes Wetterereignis hat immer verschiedene Ursachen. Allerdings ist die Berichterstattung sehr viel besser geworden in den letzten Jahren.

Sie sind in einer Stadt geboren, die für viel Regen bekannt ist: Kiel. Erinnern Sie sich noch an den Moment, an dem Sie das erste Mal über Wetter und Klima nachgedacht haben?
Friederike Otto Ich glaube, so richtig über das Wetter nachgedacht habe ich erst sehr spät. Das erste Mal vermutlich, als ich nach Berlin gezogen bin und dachte, dass es ja dort nie regnet – was im Vergleich zu Kiel ja auch fast stimmt. Generell kam meine Beschäftigung mit dem Klima wie gesagt erst durch das Philosophiestudium. Wir haben in den Seminaren viele politische Diskussionen geführt und unter anderem auch über das Klima gesprochen. Erst ganz am Ende habe ich dann zu Klimamodellen geforscht und bin dabei geblieben.

Einem Wirbelsturm hinterherzujagen oder eine Expeditionen in die Antarktis zu leiten war also nie ein Traum von Ihnen?
Friederike Otto Nein, das war nie der Plan, und da sehe ich mich auch heute noch nicht. Wichtiger als das dezidierte Feld der Klimaforschung war und ist mir tatsächlich meine Selbstwirksamkeit. Hätte ich zum Beispiel im Studium gemerkt, dass ich durch meine Fähigkeiten signifikant etwas gegen Rassismus hätte bewirken können, dann wäre ich sicher dem nachgegangenen. Ich glaube, es ist meine soziale und politische Einstellung, die dazu führt, dass ich heute tue, was ich tue. Weniger die Sache an sich. In dieser Karriere, die Sie ja aber nun verfolgen, haben Sie bisher über 70 Studien, die meisten davon Zuordnungsstudien, veröffentlicht. Können Sie denn noch in den Himmel sehen, ohne an den Zusammenhang von Wetter und Klima zu denken? FO O ja, glücklicherweise kann ich Wetter ganz gut ignorieren. Gerade in Oxford, wo ich lebe und arbeite, ist es ja oft relativ unspektakulär und dadurch recht leicht auszublenden. Zudem glaube ich, dass es sehr wichtig ist, sich von seinem Gegenstand distanzieren zu können. Und ja, das kann ich glücklicherweise doch ganz gut.

 

Zur Person
Friederike Otto, geb. 1982 in Kiel, ist Klimawissenschaftlerin, Physikerin und promovierte Philosophin. Sie leitet das Environmental Change Institute an der Universität Oxford und hat die Attribution Science (Zuordnungswissenschaft) mitentwickelt. Sie zählt zu einer Handvoll Wissenschaftler weltweit, die in Echtzeit berechnen können, wie viel Klimawandel in unserem Wetter steckt.

Ihr aktuelles Buch: „Wütendes Wetter“ (Ullstein, 2019)

Kulturtipps von Friederike Otto
Musik The Parlotones: „Suitcase For A Home“ Mich als Wissenschaftlerin erinnert der Song immer daran, dass ich den besten Job der Welt habe: Mehr Freiheit und Einfluss geht nicht. „I guess the world’s in fact my home, my dreams, my bed / There’s nothing in this world I’d rather do instead“

Lesen Sarah Henstra: „The Red Word“ Für mich ein fesselndes Buch, das mich immer wieder grübeln lässt, wie ich an der Stelle der Figuren handeln würde. Denn Fragen, von denen man eigentlich denkt, dass man sie klar beantworten könnte, werden im konkreten Fall doch wieder knifflig.

Sehen Matthew Lopez: „The Inheritance“ Das Stück überträgt E. M. Forsters Roman „Wiedersehen in Howards End“ auf meisterhafte Weise in unsere Zeit und wirft die Frage auf, was wir denen schulden, die vor uns gelebt und geliebt haben und was unsere Rolle im Hinblick auf die ist, die nach uns kommen.

Dieses Interview ist erschienen in Werde 01/2020
Text: Dominik Erhard  Foto: Andrea Artz