Der Wald in meinem Garten

Waldgärten zeigen, dass eine neue Welt pflanzbar ist. Wer selbst einen anlegen will, setzt als Erstes einen Baum. Denn ein Garten im Wald ist längst kein Waldgarten. Zu Besuch bei drei Orten der Permakultur.

Auf dem Papier war alles genau skizziert. Wo welcher Baum stehen soll, wie sich die Wasserverläufe durch das Gelände schlängeln werden und welche Elemente ineinandergreifen. Im Herzen des zehn Hektar großen Geländes des gemeinnützigen Vereins „Wir bauen Zukunft“ (Werde Herbstausgabe 2020) in Nieklitz am Schaalsee entsteht seit 2017 nach dem Vorbild der Natur ein Waldgarten. Das Ziel ist ein möglichst stabiles Ökosystem, das sich selbst erhalten, den Boden regenerieren und trotzdem Nahrung für Mensch und Tier abwerfen kann.

Robin Lückert im Gartenhaus

Wir bauen Zukunft

„Der Mensch neigt dazu, alles zu separieren und in Bereiche aufteilen zu wollen. In der Permakultur werden Brücken geschaffen und die einzelnen Bereiche so sinnvoll miteinander verbunden“, erklärt der 35-jährige Robin Lückert, der zum Abschluss seines Studiums der Ökologischen Landwirtschaft den Waldgarten als Nutzfläche, Experimentierfeld und Lernraum geplant hat. Heute wird dieser als Gemeinschaftsprojekt umgesetzt.

Bereits vor 20 Jahren plante der deutsche Biologe Berndt Heydemann hier ein Zukunftszentrum (ZMTW), in dem der Mensch von der Natur lernen kann, gestaltete einen Ort der Vielfalt und schuf damit die Grundlage für den aktuellen Waldgarten. Sein Projekt musste aus wirtschaftlichen Gründen wieder schließen, doch die Brachfläche von damals gibt es nicht mehr. Inzwischen ist an diesem Ort Grün kein Farbton, sondern zeigt die ganze Farbpalette der Natur, und man kann sehen, was innerhalb von zwei Jahrzehnten alles möglich ist.

Wir bauen Zukunft
Blick auf Dachgarten

Der Waldgarten ist mit 500 qm das Herzstück des Biotops am Schaalsee. Seit 2017 wurden zu den 40 Bäumen weitere 80 neu gepflanzt, insgesamt sind es 100 verschiedene Sorten. Angelegt ist der Waldgarten als Schichtsystem auf mehreren Ebenen, die alle verbunden sind.

Ziel im Waldgarten ist eine möglichst große Vielfalt

Ein ganzheitlicher Denkansatz fördert das funktionierende resiliente Ökosystem. Der Baumbestand wirkt als riesige Sonnenfalle: Kleinwüchsige Sträucher und Bäume wie Aroniabeere, Birne und Apfel im Süden bilden ein Tor für die Sonnenstrahlen, eine natürliche Barriere aus hohen Bäumen wie Kastanien- und Nussbäumen im Norden hält die Wärme im Garten.

Bei der Sortenauswahl wurden typische Kriterien wie der Bedarf an Licht, die Ansprüche an den Boden und der Nutzen bedacht. Wichtiger war es allerdings, im Hinblick auf Schädlingsbefall und Baumkrankheiten eine möglichst große Vielfalt zu erzeugen. Auch die Zukunftsfähigkeit spielte eine große Rolle: „Sind wir in zehn Jahren noch gut angepasst, wenn sich das Klima weiter ändert?“, fragt Christoph Enz aus dem Waldgarten-Team und deutet auf eine Papau, eine Indianerbanane, die ursprünglich in Nordamerika beheimatet ist.

Strauch

Sobald ein Baum gepflanzt wird, legen die jungen Gärtner eine sogenannte Baumscheibe an. Daneben gibt es Sitzplätze zum Verweilen und Versuchsflächen. Steinhügel bieten Wohnraum für Reptilien, Teichgruben, von bunten Blumen eingerahmt, sind zugleich Sonnenreflektor und Wasserspeicher. Darüber tummeln sich Schmetterlinge, Wildbienen und Hummeln. Im Gewächshaus warten Setzlinge auf ihren Umzug, in einer dunklen Ecke am Rande des Gartens werden Pilze gezüchtet. Daneben: eine eigene Baumschule.

Der Waldgarten als Inspirationsquelle

Alles ist ein Ausprobieren und Experimentieren, ein sich dauerhaft veränderndes System. „In der Permakultur gibt es keinen Endzustand, sondern immer nur die Annäherung daran“, beschreibt Robin den Prozess. „Der Waldgarten ist ein Entwurf und eine Inspirationsquelle für das eigene Leben“, so Robin. Heute ist er nur noch unregelmäßig im Waldgarten. Er weiß, dass er einen wichtigen Grundstein gelegt hat, und kann nun an einem anderen Ort weiterwirken. Nur den Baumschnitt, den lässt er sich nicht nehmen.

Mienbacher Waldgarten

Vor 18 Jahren war das 1,5 Hektar große Gelände ein konventionelles Feld. Heute leben Mensch, Tier und Natur harmonisch miteinander im Mienbacher Waldgarten im bayerischen Reisbach-Mienbach. In nicht einmal zwei Jahrzehnten ist hier ein Ort der Vielfalt und Pracht entstanden. Die Verwandlung von leblosem Boden in ein funktionierendes Ökosystem hat die Leiterin des Gartens Hannelore Zech, auch Hanne genannt, von Anfang an begleitet.

2002 kaufte ihre Freundin Claudia mit ihrer Familie das Land und terrassierte es nach dem Vorbild Sepp Holzers, eines österreichischen Beraters für ökologische Landwirtschaft und auch bekannt als „Agrarrebell“. Gemeinsam pflanzten sie 45 Obstbäume und 200 Beerensträucher. Danach passierte erst einmal nichts mehr. Bis Hanne 2010 wieder zu dem Garten oder er wieder zu ihr fand.

Hanne Zech

„Als ich die Grundausbildung der Permakultur absolviert hatte, wollte ich mehr, als mein damals kleines gemietetes Grundstück bewirtschaften.“ „Es ist doch alles da, mach einfach!“, sagte Claudias Mann und bot ihr die Arbeit im Mienbacher Garten an. Das passte. Zwei Jahre lang prüfte sie den Bestand, schlug sich mit der Sense Wege frei, drehte vieles von Hand um. Oben im Gelände hatte sich Kanadische Goldrute ausgebreitet, unten Topinambur.

Hanne schaffte Kofferräume voller Mist und Laub in den Waldgarten, um damit den Boden zu aktivieren. Als Mulch verteilt, brachte die organische Masse alles zum Wachsen. Heute ist der Mienbacher Waldgarten eine Selbstversorgerakademie.

Vom Waldgarten ein ganzes Dorf ernähren

Für die lebenslustige Hanne ist er ein Lehr- und Versuchsgarten im Rahmen eines umfangreichen Kursangebotes. Aber auch Ausgangspunkt einer eigenen Kräuter- und Gemüsepflanzengärtnerei und gleichzeitig die Grundlage für ihren Lebensunterhalt. Ihre Familie kann sich größtenteils von dem Waldgarten ernähren. Was Hanne dazukaufen muss, ist Getreide, Salz, Zucker, Öl und Karotten, denn „da habe ich einfach kein Händchen für“, wie sie lachend sagt. Auch Claudias Familie lebt zum Teil von den frischen Zutaten. Hanne: „Wenn man hier mehr Energie reinstecken würde, könnte man locker das ganze Dorf ernähren.“

Baumstämme

In der Nutztier-Arche bewahren die beiden Freundinnen bedrohte Arten wie Wollschweine, Waldschafe und Sperber vor dem Aussterben. Die Tiere liefern Mist, der als Trockenmasse in den Häcksler und als Mulch zurück auf die Beete kommt. Das Ergebnis: ein gesunder Boden, der wiederum Nahrung für die Tiere produziert. „Somit sind die Kreisläufe im Garten alle geschlossen“, sagt Hanne. Der Hühnerstall, wo die Junghühner vor dem Fuchs geschützt leben, fungiert als automatische Düngeanlage und wird einmal wöchentlich zwischen den Beerensträuchern versetzt. Bald sollen Ziegen das Mähen der Wiese unterstützen.

„Wir sollten akzeptieren, dass die Natur an sich ihrer eigenen Ordnung folgt, unabhängig von unserer Auffassung von Ordnung. Und dass wir uns auf die Naturgesetze verlassen dürfen.“

Die Arbeit in einem Waldgarten wird mit der Zeit weniger. Doch würde man gar nicht mehr eingreifen, wäre das Gelände innerhalb von drei Jahren eine verbuschte Waldlandschaft, erklärt Hanne die natürliche Sukzession. Also legt sie Hand an, wo es nötig ist, um die Vielfalt zu vergrößern.

An anderer Stelle darf die Natur ihren Weg gehen. Ganz oben im Gelände befindet sich ein verwilderter Bereich mit Schlehen, in dem Rebhühner und Fasane ungestört brüten können. Der Traum von zukunftsfähigen Lebensräumen ist auch hier wahr geworden. Der Mienbacher Waldgarten wirft mittlerweile nicht nur Nahrung für Mensch und Tier ab, sondern ernährt auch sich selbst.

Die Natur folgt ihrer eigenen Ordnung

Der Boden als wichtigste Grundlage allen Lebens bleibt erhalten. Hanne will Menschen gerne zu mehr Natürlichkeit inspirieren. „Wir sollten akzeptieren, dass die Natur an sich ihrer eigenen Ordnung folgt, unabhängig von unserer Auffassung von Ordnung. Und dass wir uns auf die Naturgesetze verlassen dürfen. Lernt wieder richtig hinzusehen und die Sprache der Natur zu deuten, dann könnt ihr euch selbst versorgen und bleibt gesund!“

Schwein
Huhn

Hof Gudhorst

Mehr als einmal wurde Gudrun Leinweber vor 30 Jahren ungläubig gefragt: „Wieso willst du einen Wald pflanzen, den erlebst du doch eh nicht mehr.“ Ihre Antwort: Weil es Spaß macht. Damals wie heute beschreibt sie das Lebensgefühl von Gudrun und Horst Leinweber, die inzwischen über 80 Jahre alt sind. Der Wald, den sie angeblich nicht mehr erleben sollte, wächst als essbare Landschaft vor ihrer Haustür. Zwölf Hektar tot geglaubtes Land hat das Ehepaar in ein lebendiges Biotop verwandelt: Hof Gudhorst bei Wolfsburg.

Waldgarten

Gudrun und Horst waren mit ihrem Traum eindeutig ihrer Zeit voraus. Die Idee, ein Niedrigenergiehaus zu errichten und mittels Wärmepumpe, Anlagen für Windkraft, Solarenergie und Fotovoltaik weitestgehend autark zu leben, hielt Anfang der 90er kaum jemand für realistisch. Von Gegenwind ließ sich das Paar nicht beirren, zu groß war Gudruns Euphorie seit einem Besuch im Lebensgarten Steyerberg, einem Ökodorf mit Seminarhaus, wo sie sich nach einer Krebsdiagnose für einige Zeit aufgehalten hat. Ein ökologisches Projekt, gesund für Menschen und Natur, das war es, was Gudrun ab sofort wollte, und Horst ließ sich schnell von ihrer Energie anstecken.

Geduld zahlt sich im Waldgarten aus

Nach langer Suche fanden sie in Rennau-Rottorf ein passendes Gelände und errichteten ein Wohnhaus in ökologischer Bauweise. Das umgebende Land sollte ohne den Einsatz von Pestiziden, ohne Düngemittel und ohne Umgraben wiederbelebt werden. Dass der Boden, auf dem heute Obstbäume, Beerensträucher, Kräuter, Blumen und Weinreben wachsen, nach jahrelanger industrieller landwirtschaftlicher Nutzung so gut wie tot war, ist kaum noch vorstellbar. „Die ersten Erfolge unserer Mühen beim Mulchen spürten wir nach etwa fünf Jahren am Boden“, erinnert sich Gudrun. Geduld, die sich auszahlt.

Gudrun im Garten
Waldgarten Gudhorst

Die Obstbäume wählten sie nach dem Prinzip der langen Blüte aus. Horst erreicht heute nicht mehr alle Zweige und Äste. Doch jeder Baum habe seine Berechtigung, sagt er. Wo er nicht hinkomme, fänden Insekten Blüten und Vögel Nahrung und einen sicheren Lebensraum. Sie bauten Sonnenfallen, die als Speicher von Sonnenwärme dienen, direkt ins Gelände, richteten Schutzzonen für Tiere ein, schafften Kleinklimazonen.

Gedankenmedizin in die Welt tragen

Die geleistete Pionierarbeit war so beeindruckend, dass selbst die Begründer der Permakultur, die Australier Bill Mollison und David Holmgren, während der Entwicklungszeit kamen, um sich den entstehenden Waldgarten persönlich anzusehen. Lange Zeit war Hof Gudhorst eine ökologische Gärtnerei mit Café und Seminarzentrum, die erst Skeptiker, dann Nachahmer anlockte. Gudrun praktizierte und unterrichtete Permakultur, veranstaltete Kräuterführungen durch den Waldgarten, machte auf die Einfachheit der Natur aufmerksam.

Ihre Gedankenmedizin, wie sie es nennt, möchte die entschlossene Frau in die Welt tragen. „Das ist es, was ich lehren möchte“, sagt sie und hält vor den Brennnesseln inne. „In der Natur gibt es kein Dagegen, sondern nur ein Dafür. Es gibt auch keine Schädlinge, sondern nur Nützlinge.“ Für andere mag die Brennnessel ein Unkraut sein, aber für Gudrun ist sie ein wichtiges Heilkraut.

„In der Natur gibt es kein Dagegen, sondern nur ein Dafür. Es gibt auch keine Schädlinge, sondern nur Nützlinge.“

Ihre Liebe zur Natur und ihr Wissen gibt sie immer noch voller Überzeugung weiter, auch wenn es ruhiger geworden ist auf Gudhorst. Interessierte können den Waldgarten nach vorheriger Anmeldung (info@gudhorst.de) und mit einem vereinbarten Termin besuchen oder einen Flyer anfordern. Auf Hof Gudhorst gibt es immer wieder Kindererlebnis führungen, Kräuterführungen, Kräuterküche, den Gudhorst Permakultur-Treff, Vorträge und Gesundheitsberatungen.

Pflanze
Fenchel

Beim Rundgang durch den Waldgarten berührt Gudrun ihre grünen Zöglinge im Vorbeigehen, atmet deren Duft tief ein, nennt sie beim Namen und beschreibt liebevoll die individuellen Eigenschaften und Heilkräfte. Beinwell sei gut für die Gebeine, Johanniskraut bringe Sonne ins Gemüt.

Besonders gesunde Pflanzen

Ableger von Lavendel, Eisenkraut und Bergbohnenkraut sprießen aus den Steinritzen am Weg vor dem Wohnhaus. „Das ist meine Baumschule“, freut sich Gudrun. „Wenn sich Pflanzen von alleine an einem Standort verbreiten, dann sind sie ganz besonders gesund“ – so ihre Meinung. Die beiden Leinwebers kümmern sich selbstständig und allein um ihren Waldgarten. Fossile Energie nutzen sie einzig für den Aufsitz-Rasenmäher.

Gudrun Leinweber


Drei Fragen an Gudrun Leinweber

Warum machst du diese Arbeit?
Bei einem Vortrag über Permakultur lernte ich Declan Kennedy kennen und erzählte allen: So etwas möchte ich tun! Ich machte die Ausbildung zur Diplom Permakultur-Designerin, fand mit meinem Mann ein Grundstück, und wir fingen an, Permakultur anzuwenden, zu gestalten, zu leben.

Was waren deine Visionen?
Die durch mein Biologiestudium verstandenen Gesetze der Natur wollte ich nach Permakultur-Prinzipien anwenden, studieren und leben. Mich begeistert vor allem dieses Gesetz der Natur: die Einfachheit.

Was möchtest du teilen?
Ich möchte meine Erkenntnisse, Erfahrungen und die Liebe zur Einfachheit der Natur an viele Menschen weitergeben. Auch wenn ich oft gehört habe: Na, so einfach kann’s doch nicht sein.

Dieser Beitrag ist erschienen in Werde 04 / 2020
Text: Lotta Repenning
Fotos: Robert Schloßnickel