Klimawandel, trockener Boden Unsplash

„Erst vermeiden, parallel reduzieren, Rest kompensieren“

Tanja Loitz ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft co2online. Sie berät Menschen, die ihren CO2-Fußabdruck reduzieren und so einen Beitrag zum Klimaschutz leisten möchten. Im Interview erklärt sie, was es mit Tippingpoints auf sich hat, und warum es so wichtig ist, dass jede*r selbst handelt.

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Können wir den Klimawandel überhaupt noch aufhalten – und wenn ja, wie?
Tanja Loitz Deutschland hat sich dazu verpflichtet, den Temperaturanstieg auf 1,5 Prozent zu begrenzen, um die Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren. Stoppen lässt er sich nicht mehr. Wir spüren ihn schon jetzt deutlich, aber wir müssen mit allen Mitteln vermeiden, sogenannte Tippingpoints anzusteuern. Also Momente, wo der Wandel nicht mehr aufzuhalten ist, sich extrem beschleunigt und wir unsere Lebensgrundlage unaufhaltsam zerstören. Hierzu müssen wir ab sofort und mit aller Entschiedenheit Treibhausgase drastisch reduzieren. Also neben CO2 auch weitere Gase, wie beispielsweise Methan. Global betrachtet brauchen wir einen wirksamen CO2-Preis, den Ausstieg aus fossilen Energiequellen, konsequente Reduzierung des Fleischkonsums und intelligente Mobilitätskonzepte.

Wie können Sie den Menschen helfen, die selbst etwas dazu beitragen wollen?
Tanja Loitz Unsere Nutzer*innen haben sehr unterschiedliche Gründe, warum sie unsere Klimaschutzberatung co2online in Anspruch nehmen. Einige möchten wissen, wie sie am besten anfangen, um wirksam CO2 zu reduzieren. Andere haben ganz konkrete Detailfragen. Das reicht von „Warum ist meine Heizkostenabrechnung höher als voriges Jahr?“ über „Gibt es Fördermittel für meine neuen Fenster?“ oder „Sollte ich meinen alten Kühlschrank jetzt schon austauschen?“ bis hin zu „Worauf muss ich bei einer Solarthermie-Anlage achten und wie finde ich einen passenden Handwerker?“.

Und was raten Sie da?
Tanja Loitz Wir zeigen mit verschiedenen Online-Tools und Themen-Dossiers die Bereiche auf, wo am meisten gespart werden kann, schlagen Maßnahmen vor und liefern Vergleiche mit anderen. Außerdem zeigen wir Fördermöglichkeiten und vermitteln Expert*innen vor Ort. Uns suchen auch Nutzer*innen auf, die wissen wollen, ob ihre Maßnahmen den gewünschten Erfolg gebracht haben.

Kann man selbst überhaupt klimaneutral leben?
Tanja Loitz Ja. Klimaneutral bedeutet in dem Zusammenhang nicht, dass ich persönlich gar keine CO2-Emissionen mehr emittieren darf. Bereits jetzt besteht die Möglichkeit der Kompensation an anderer Stelle. Dies sollte aber nicht als „Ablass“-Handel missverstanden werden, sondern weiter dem Prinzip folgen: Erst vermeiden, parallel reduzieren, Rest kompensieren.

Was sollte jede*r Einzelne von uns dafür tun?
Tanja Loitz Wir empfehlen, die sogenannten „Big Points“ anzugehen: die persönlichen Handlungsfelder, in denen man selbst am meisten bewegen kann. Das sind die eigenen vier Wände, wie man von A nach B kommt und was man täglich isst. Das sind sowohl investive Maßnahmen als auch Veränderungen an meinem Verhalten.

Was ist die größte Herausforderung für die meisten Menschen auf dem Weg zur eigenen Klimaneutralität?
Tanja Loitz Es gibt mehrere Herausforderungen, die parallel auf uns einprasseln. Einige der Maßnahmen sind mit Ausdauer, Zeit und auch Geld verbunden. Aktuell ist es nicht immer einfach, passende Handwerker*innen zu finden, die dann auch noch Zeit haben. Das sollte aber nicht entmutigen. Oder wir sind absolut damit überfordert, aus der Menge an super energieeffizienten neuen Kühlschränken den passenden zu finden und vertagen die Entscheidung. Außerdem gibt es Maßnahmen, die für das Klima sehr sinnvoll sind, sich bei den aktuellen Energiepreisen aber für den Haushalt nicht rechnen. Oder ich bin Mieter*in einer schlechtsanierten Wohnung. Dann habe ich zwar den hohen Heizenergieverbrauch, aber kann daran schlichtweg wenig ändern.

Wie vielen Menschen haben Sie schon geholfen – und wieviel CO2 wurde damit wohl bereits eingespart?
Tanja Loitz  Monatlich schließen rund 50.000 User eine Klimaschutzberatung ab. Im Schnitt stößt eine Beratung die Vermeidung von 0,7 Tonnen CO2 an. Also pro Monat 35.000 Tonnen CO2. Das entspricht den jährlichen Emissionen von mehr als 3.000 Bewohner*innen Deutschlands.

Gibt es noch andere Möglichkeiten den Erfolg Ihrer Arbeit zu messen?
Tanja Loitz Neben der Klimaschutzberatung haben wir noch viele weitere Projekte und Aktionen, die einen wichtigen Klimaschutz-Beitrag leisten und etwas andere „Messkriterien“ anwenden. So organisieren wir zum Beispiel den Energiesparmeister-Wettbewerb. Schulen können sich mit ihren Klimaprojekten bewerben. Dieses Jahr haben wir mit 330 Bewerbungen einen absoluten Rekord. Dahinter verbergen sich viele tausend Schüler*innen, die wir mit dieser Auszeichnung nachhaltig motivieren.

Wie groß ist ihr eigener CO2-Fußabdruck – und wie zufrieden sind Sie damit?
Tanja Loitz Für das Jahr 2020 lag ich laut eines Rechners bei 4,5 Tonnen CO2, die ich dann über atmosfair kompensiert habe. 2020 ist natürlich nicht repräsentativ, da ich komplett auf Flugreisen verzichtet habe. Bezogen auf meine Lebenssituation ist meine Bilanz gut. Ich fahre kaum Auto, esse kein Fleisch, nutze Öko-Strom, investiere in grüne Finanzprodukte und bin Mieterin eines sanierten Hauses. In Sachen Stromverbrauch ist bei mir noch Luft nach oben, und sicherlich könnte ich andere noch mehr auf die Reise mitnehmen. Mit anderen Worten: Es gibt immer was zu tun.

Reduziere deinen CO2-Fußabdruck – mit diesen fünf Tipps von Tanja Loitz für wirksamen Klimaschutz.

Tanja Loitz

Zur Person
Tanja Loitz ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft co2online, die Verbraucher*innen zu den Themen Klimaschutz und Energieeffizienz berät. Dabei setzt die studierte Politologin und Journalistin auf die Messung von tatsächlichen Energieverbräuchen, Feedback-Möglichkeiten und den regelmäßigen Dialog mit Verbraucher*innen. Tanja Loitz lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Interview Ulrike Bretz   Portraitfoto Marc Beckmann  Foto Unsplash