Grüne Startups Unsplash Noah Buscher

So grün ist unsere Wirtschaft

In Deutschland werden immer mehr grüne Startups gegründet:  Die Quote der Neugründungen aus dem Bereich Green Economy hat sich innerhalb eines Jahres von 21 auf 30 Prozent erhöht. Wir haben mit Björn Kaminski von der Green Startups Plattform des Bundesverband Deutsche Startups (Startup-Verband) über die inspirierenden Ideen der Gründer*innen aus der Green Economy gesprochen – und darüber, worauf es ankommt, wenn man selbst ein grünes Unternehmen aufbauen möchte.

Was genau macht ein grünes Startup aus?
Björn Kaminski Grüne Startups sind nach unserem Verständnis jünger als zehn Jahre, sehr innovativ und wachstumsorientiert. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit ihren Produkten, Technologien oder Dienstleistungen einen wichtigen Beitrag zu den ökologischen Zielen der Green Economy leisten. Das heißt, Green Startups entwickeln nicht nur wirtschaftlich erfolgreiche Geschäftsmodelle, sondern sie finden auch innovative Lösungen für die großen, ökologischen Zukunftsherausforderungen und können damit eine doppelte Dividende für die Gesellschaft erzielen.

Was waren die spannendsten grünen Ideen, mit denen Gründer*innen auf Sie zugekommen sind?
Björn Kaminski Das ist eine schwierige Frage – zum einen habe ich schon sehr viele Lösungen und Innovationen kennenlernen dürfen. Zum anderen ist die Bandbreite an Themen, mit denen sich grüne Startups beschäftigen, sehr groß. Ich finde neue Mobility-Lösungen spannend – der immense Autoverkehr in Städten ist einfach problematisch. Da gibt es zum Beispiel ONOMOTION. Die Gründer haben ein hochwertiges, führerscheinfreies E-Cargo Bike mit modularem Aufsatz entwickelt. Und das in ansprechender Design-Sprache und mit Komfort für den Fahrer. Das ist eine echte nachhaltige Innovation für die City-Logistik.

Grüne Startups Ono

Haben Sie noch mehr solcher Innovationen kennengelernt?
Björn Kaminski Ja, zum Beispiel das Startup right. based on science.  Das Gründerteam des Startus hat ein eigenes, mittlerweile anerkanntes Modell entwickelt, das Unternehmen dabei hilft, ihren Beitrag zum Klimawandel zu berechnen. Das ist vor allem für das Portfolio-Management in der Finanzwirtschaft interessant. Innovativ sind auch Made of Air  – ein Startup, das CO2-negative Materialien entwickelt – oder auch die Carbonauten GmbH. Das ist ein Hersteller von Biokohlestoff, der sehr vielfältig verwendet werden kann, etwa zur Verbesserung von Böden. Es gibt auch eine Vielzahl an Gründungen, die sich mit der Vermeidung von Plastik beschäftigen, wie beispielsweise Cirplus, Everwave oder Spoontainable.

Die Startups kommen also aus ganz unterschiedlichen Branchen zu Ihnen?
Björn Kaminski Genau, Grüne Startups decken wirklich eine große Bandbreite an Branchen ab – zum Beispiel Mobilität, Energie, Agrar und Food. Laut unserem Green Startup Monitor 2021 kommen die meisten aus der Informations- und Kommunikationstechnologie, da es sich häufig um Software-Unternehmen handelt. Innerhalb der Branchen sind grüne Startups jedoch am häufigsten im Agrarsektor zu finden: 69 Prozent der gegründeten Startups kann man dort als grün bezeichnen.

Wie können Sie den Gründer*innen weiterhelfen, die sich an Sie wenden?
Björn Kaminski Wir unterstützen unsere Mitglieder gerne über direkte Kontakte aus unserem sehr großen Netzwerk innerhalb des Verbandes. Die meiste Hilfe entfalten wir jedoch bei unserer politischen Arbeit, indem wir direkt in den Austausch mit Politik und Ministerien gehen, beispielsweise bei den zentralen Themen wie der Einrichtung eines Zukunftsfonds zur Finanzierung von Startups. Oder dem Thema der gerechteren Mitarbeiterbeteiligung bei Startups. Zudem entwickeln wir konkrete, praxisnahe Formate wie die Venture Week, eine Art Minikonferenz zu allen relevanten Finanzierungsthemen. Oder unsere Meet&Green-Reihe, ein Meetup mit speziellen Themen und Best Practices für nachhaltige Startups. Zudem lenken wir durch unsere Studien wie dem Green Startup Monitor, bei dem wir bis zu 2.000 Startups in Deutschland befragen, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Startup-Themen.

Was sollte man bei der Gründung eines grünen Startups unbedingt beachten?
Björn Kaminski Jeder Gründer*in macht andere persönliche Erfahrungen. Daher ist es meiner Meinung nach sinnvoll, sich mit mehreren Gründern*innen auszutauschen und im Kontakt zu bleiben. Ich selbst habe fünf Learnings aus meiner eigenen Gründung – das war allerdings kein grünes Startup – und meiner bisherigen Tätigkeit im Startup-Ökosystem mitgenommen, die ich gerne teile.

Welche fünf Tipps sind das?
Björn Kaminski Erstens: das Netzwerk. Ein stabiles Netzwerk ist nach meiner Erfahrung Gold wert für den Aufbau und das Wachstum des eigenen Unternehmens.

Zweitens: die Finanzierung. Man kann sich viele schlaflose Nächte sparen, wenn man sich rechtzeitig um eine Folgefinanzierung kümmert. Dazu sollte man wissen, dass eine erfolgreiche Finanzierung oft länger dauert, als man anfangs denkt. Wer sich wie ein großer Teil der grünen Startups, nämlich 48 Prozent, zu Beginn für die Finanzierung durch ein Förderprogramm entscheidet, dem empfehle ich, sich dabei fokussiert auf die Produktentwicklung und die Ausarbeitung eines stabilen Business Cases zu konzentrieren. Das erhöht die Chancen auf eine Folgefinanzierung.

Ein dritter Tipp: über den Impact des eigenen Unternehmens nachdenken. Wenn man ein grünes Startup gründet, dann ist ein eigenes Nachhaltigkeitsmanagement und ein Wirkungsmodell für das eigene Produkt wichtig, denn auch Investoren fragen immer häufiger danach. Es gibt mittlerweile sogar Startup-Investoren, die mit eigenen Metriken den Impact eines Startups messen, bevor sie investieren.

Viertens: Der Vertrieb ist neben der Finanzierung eine der größten Herausforderung für Startups. Daher sollte man Sales-Kompetenzen aufbauen. Auch hier hilft ein gutes Netzwerk weiter.

Und ein fünfter, auch sehr wichtiger Punkt: Das Stakeholder-Management nicht vergessen! Investoren wollen informiert werden, auch bei schlechten News. Meistens werden keine aufwendigen Reports verlangt. Aber ein regelmäßiges Update lohnt sich immer, um eine positive Kommunikation aufrecht zu erhalten. Das gilt natürlich nicht nur für Investoren, sondern auch für Kunden und andere wichtige Stakeholder.

Kann man überhaupt klimaneutral wirtschaften, und wenn ja wie?
Björn Kaminski Klimaneutralität ist ein Thema, über das man sehr intensiv diskutieren kann. Häufig gibt es auch unterschiedliche Definitionen. Durch reine Kompensation kann man theoretisch auch Benzin klimaneutral herstellen, aber so richtig sinnvoll ist das natürlich nicht. Ich würde mich schon sehr freuen, wenn wir es zeitnah in zentralen Sektoren schaffen, klimafreundlich zu wirtschaften, also schädliche Emissionen weitestgehend zu reduzieren – auch hier kommen wieder Innovationen von Startups ins Spiel – und zusätzlich intensiv daran zu arbeiten, die Aufnahme von CO2 aus der Atmosphäre zu erhöhen. Das kann etwa durch Aufforstungs- und Moorprojekte geschehen.

Gibt es bei den Startups spannende Ansätze dazu? 
Björn Kaminski Ja, etwa wenn es um das Erreichen eines 1,5 oder 2 Grad-Ziels geht. Das bereits erwähnte Startup right. based on science bietet hierzu ein interessantes Modell an, bei dem die CO2-Emissionen von Sektoren und Unternehmen in Relation zur Bruttowertschöpfung berechnet werden und in Form einer Temperaturgradzahl ausgegeben werden, um die sich die Erde bei gleicher Emissionsintensität erwärmen würde. Als konkretes Lösungskonzept finde ich den „Cradle-to-Cradle“ Ansatz spannend. Also Lösungen für einen möglichst perfekten Produktkreislauf zu entwickeln, bei dem Stoffe und Ressourcen weiter verwendet werden können oder am Ende im besten Fall in biologische Kreisläufe zurückgeführt werden können.

Was sind Ihre eigenen, ganz persönlichen Schritte zur Klimaneutralität?
Björn Kaminski Ich messe regelmäßig meinen CO2-Footprint mit dem umfangreicheren Tool des Umweltbundesamtes – momentan bin ich bei knapp unter sieben Tonnen. Ich fahre seit Jahren mit einem Lastenrad, habe also kein eigenes Auto und nutze Carsharing in bestimmten Situationen, wo die Entfernung zu weit ist für das Rad. Ich fliege seit zwei Jahren nicht mehr und versuche, neue Produkte in den Alltag zu integrieren, die weniger Plastik verwenden, etwa Bienenwachstücher oder Kosmetikprodukte wie Seifentabs, die man in Wasser auflösen kann.

Warum tun Sie das, was Sie tun?
Björn Kaminski Zum einen aus persönlichen Gründen. Ich habe mir 2016/2017 ein halbes Jahr Zeit genommen, um darüber nachzudenken, in welchem Umfeld ich arbeiten möchte. Ich hatte nach meiner eigenen Gründung nach wie vor einen Bezug zum Startup-Ökosystem, da ich nebenbei Startups gecoacht habe. Und ich wollte gerne im Nachhaltigkeitskontext arbeiten, auch weil ich persönlich einen engen Bezug zur Natur habe. Ich liebe es beispielsweise, ökologisch zu gärtnern.

Zum anderen finde ich die Transformation der Wirtschaft hin zu einer Green Economy unabdingbar. Mir persönlich ist die Bedrohung durch den Klimawandel, das rasant schwindende CO2-Budget und der Verlust von Biodiversität – um nur einige Probleme zu nennen – sehr bewusst. Eine nachhaltige, ressourcenschonende Wirtschaft ist weltweit einfach unverzichtbar, um einen lebenswerten Planeten zu erhalten. Ich bin überzeugt, dass Startups bei dieser riesigen Aufgabe eine große Rolle übernehmen können. Denn ein Aspekt ist daran besonders wichtig: Es handelt sich nicht nur um eine große Herausforderung, sondern auch um eine sehr spannende Chance!

 

Zur Person

Björn Kaminski Grüne Startups
Björn Kaminski, wohnt in Berlin und ist Vater zweier Kinder. Direkt nach dem Studium (Kommunikationswissenschaften und BWL) gründete er ein eigenes Games-Startup. Seit 2017 ist er Projektleiter für den Bereich Green Startups und Nachhaltigkeit beim Bundesverband Deutsche Startups e.V. (Startup-Verband). Die Green Startups Plattform versteht sich als Netzwerk für Gründer*innen, die mit ihren Produkten und Lösungen einen positiven Einfluss auf Umwelt und Klima haben. 

 

Interview Ulrike Bretz    Foto ONOMOTION GmbH, Janine Graubaum