Malaysia The little farm on the hill

Ein Biogarten in Malaysia

In Malaysia ist ökologischer Landbau eher außergewöhnlich. Längst nicht mehr für Lisa Ngan und Pete Teo, die für „The little Farm on the Hill“ einen großen Biogarten in den Bergen angelegt haben.

Malaysia The little farm on the hill

Für Lisa Ngan ist der Besuch der Bienen in ihrem Garten eine mindestens so große Auszeichnung wie das Lob der Besucher, die sie am vergangenen Wochenende bewirtet hat. Sieben Jahre harte Arbeit haben sie und ihr Mann Pete Teo in diese 2,75 Hektar Land investiert, das sich über einen steilen Berghang erstreckt – rund 30 Kilometer nordöstlich Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia.

„Als wir die Farm 2013 übernommen haben, war hier nur ein Abhang, auf dem etwas Gemüse wild durcheinanderwuchs. Es sah nicht besonders gut aus, es gab mehr Löcher als Pflanzen“, erzählt Pete und denkt an die Anfangszeit zurück.

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Mit Landwirtschaft hatten die beiden früher nicht viel am Hut, nicht einmal einen Garten gab es. Die heute 53-jährige Architektin arbeitete für ein Londoner Büro an internationalen Bauprojekten, während der vier Jahre ältere Jurist in Hongkong und Südostasien auch als Musiker und Schauspieler bekannt wurde. Beide lebten in Wohnungen in verschiedenen Weltmetropolen und hielten nicht einmal Zimmerpflanzen, um sich nicht um deren Pflege kümmern zu müssen.

Alles begann mit der Farm von Lisas Eltern

Als sie sich 1999 kennenlernten, wäre es ihnen nie in den Sinn gekommen, gemeinsam einen Biohof in der Provinz von Malaysia zu bewirtschaften. Den ersten Schritt in diese Richtung gingen Lisas Eltern, als sie 2008 ein Stück Land im Titiwangsa kauften. Dieser bis zu 2000 Meter hohe Gebirgszug erstreckt sich über die westmalaiische Halbinsel bis nach Thailand.

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Rund eine Dreiviertelstunde dauert die Autobahnfahrt aus dem Zentrum der Hauptstadt bis ins Dörfchen Janda Baik. Auf den letzten Kilometern führt eine kurvige Straße in die Bergregion, deren Flüsse und Wälder beliebte Ausflugsziele für Städter sind.

„Es war keine Kurzschlusshandlung, sondern ist  sozusagen organisch gewachsen“

Dementsprechend voll sind an Wochenenden die einfachen Lokale in der Gegend, in denen frisch gefangene Welse oder knusprig gebratene Enten mit gedünsteten Süßkartoffelblättern und scharfem Tofu-Curry serviert werden. „Es war keine Kurzschlusshandlung, sondern ist sozusagen organisch gewachsen“, sagt Lisa über die Entscheidung, das Land ihrer Eltern zu übernehmen. „Wir hatten Glück, dass die Farm schon da war – wir mussten sie nur wieder in Gang bringen.“

Und Pete, der nicht so wirkt, wie man sich einen Landwirt vorstellt, meint: „Es war nie so, dass wir unser altes Leben unbedingt einpacken und in den Dschungel gehen mussten. Wir leben hier nur 40 Minuten von Kuala Lumpur entfernt und haben dort tatsächlich immer noch eine Wohnung.“

Das schlichte Holzgebäude

Wie kamen sie auf die Idee, einen Biohof mit „Farm-to-Table-Restaurant“ aufzubauen? Sie dachten darüber nach, wie sie später, im Alter, leben wollten. Entschleunigt, mit mehr Natur und weniger Hektik, sollte es sich anfühlen. Das ist in Großstädten nicht möglich. Lisa wollte unbedingt mit den eigenen Händen Nahrungsmittel anbauen, für sich selbst und für andere Menschen. Heute macht sie, was sie bereits als Schülerin gern hatte: am Herd experimentieren.

Ein konventionelles Lokal konnte sie sich nicht vorstellen, auch keine Hobbygastronomie. Sie träumte von einem Ort, an dem sich Besucher fast so wohlfühlen wie zu Hause. Ihr Mann Pete wollte einfach etwas Neues ausprobieren, körperlich arbeiten, eine Herausforderung meistern.

„Die Natur lässt sich nicht antreiben, es dauert so lange, wie es eben dauert. Und wer versucht, gegen das Klima anzukämpfen, wird immer verlieren.“

Während Lisa erzählt, bereitet sie einen Café Latte an ihrer Espressomaschine zu. In Jeans und T-Shirt, die langen dunklen Haare im Nacken zusammengebunden, strahlt sie eine Art warmherzige Autorität aus, vielleicht weil sie die älteste von drei Schwestern ist. Das Licht fällt durch die Fensterfront auf ein Regal mit Kräutern und Gewürzen in handbeschrifteten Gläsern. Von einem lang gezogenen Holzbalkon öffnet sich der Blick über das Gelände, über dem sich der morgendliche Nebel gerade lichtet.

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Gegenüber liegt ein schlichtes Holzgebäude mit einem verglasten Büro im Erdgeschoss, darüber ein an den Seiten offener Gastraum, in dem bis zu 60 Leute Platz finden. „Wir empfangen hier ganz unterschiedliche Gäste und freuen uns über jeden einzelnen. Einige wollen einfach die Natur erleben und gesund essen“, erzählt die ehemalige Städterin. Das Besondere: Alle sitzen gemeinsam an einer langen Tafel und bedienen sich aus denselben Schüsseln – völlig egal, welcher Kultur sie angehören.

Zutaten aus den eigenen Beeten

Schweinefleisch ist grundsätzlich tabu, andere Optionen werden vor der Reservierung geklärt. Das ist ein ungewöhnliches Konzept für Malaysia, wo Trennung nach ethnischer Zugehörigkeit ein großes Thema ist. „Unsere Vision ist, eine Gemeinschaft aufzubauen, die miteinander und nicht nebeneinander lebt“, sagt Lisa, die wie Pete aus einer chinesischstämmigen Familie kommt.

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Die meisten Zutaten für die mediterran-asiatischen Gerichte, die Lisa mit viel Sorgfalt zubereitet, hat sie in den eigenen Gemüsebeeten angebaut. Dafür ziehen sich symmetrisch angelegte Terrassen den Hang hinauf. Auberginen, Bohnen, Gurken und Kürbisse, Okra, Rote Bete und Maniok sind gerade erntereif.

Neben einem Gewächshaus, in dem Pete mit der Zucht von Tomaten experimentiert, liegt Lisas Kräutergarten, in dem Thymian, Rosmarin und Lorbeer viel üppiger wachsen als sonst in den Tropen üblich. Chilis und Zitronengras wuchern regelrecht, Roselle-Sträucher und lokale Wildkräuter wie Zwergpfeffer oder Betelblätter gedeihen prächtig.

Sie eignen sich als natürliche Medizin ebenso wie als Salatgewürz. „Wenn man Nahrungsmittel direkt von den Flächen nebenan isst, schmecken sie reiner, intensiver, frischer. Supermarktprodukte haben meiner Ansicht nach keinen Geschmack. Das ist uns erst hier oben wieder bewusst geworden.“ Pete ist der Sohn eines einfachen Händlers und hat seine Kindheit auf der Insel Borneo verbracht.

Von Dünger und Kompost

Das zweistöckige Wohnhaus der beiden versteckt sich hinter baumhohen Bananen- und Papayastauden. Unter der Woche leben hier auch einige ihrer Mitarbeiter. Überall im Garten wächst Obst: erfrischende Wasserrosenäpfel, riesige Jackfrüchte und ein stattlicher Durianbaum, dessen stachelige Stinkfrucht in Südostasien als Königin der Früchte gilt.

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Die neu gepflanzten Avocado-Bäume brauchen noch ein paar Jahre bis zur ersten Ernte, dafür ranken die Maulbeeren in diesem Jahr besonders üppig. „Als wir hier anfingen, wussten wir nichts über Landwirtschaft, wir kannten nicht einmal den Unterschied zwischen Dünger und Kompost“, erzählt Pete, der sich nach eigenen Worten immer dann besonders für eine Sache begeistert, wenn er sie erst noch verstehen muss. „Wir mussten viele romantische Vorstellungen über Bord werfen und stattdessen erst einmal lernen, wie man ohne chemische Hilfsmittel Erde anreichert und Schädlinge bekämpft. Also wurden wir Google-Farmer.“

Doch die meisten englischsprachigen Informationen zu Biolandwirtschaft stammen aus Australien und den Vereinigten Staaten, wo ein ganz anderes Klima als in Malaysia herrscht. Erst die indische Biolandwirtschaft gab ihnen Antworten. So haben sie etwa indische Neembäume im Garten gepflanzt, aus deren Früchten sie Öl gewinnen, das als natürliches Schädlingsbekämpfungsmittel gilt.

Weil in Malaysia Rinderfarmen rar sind, kam Kuhmist als Dünger nicht infrage. Stattdessen nähren sie den Boden mit Wurm-Mist. „Nun züchtet ein Bauer in der Nähe für uns Würmer“, sagt Pete. „Es gibt die puristische Denkweise der reinen Selbstversorgung bei manchen Biobauern. Uns geht es jedoch um eine Biogemeinschaft und um eine Versorgungskette. Alles alleine zu machen ist nicht immer ökologisch.“

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Sie wollen enger mit den lokalen Bauern zusammenarbeiten und einen gemeinsamen Direktvertrieb an Restaurants und andere Kunden in der Stadt aufbauen. „Das hier ist zwar ein ländliches Paradies – aber eben nur teilweise. Vieles dreht sich auch um Mittelbeschaffung und Vertrieb“, sagt Pete, der in Malaysia für seine sozialpolitischen Musik- und Filmprojekte bekannt ist. So bezieht die „little Farm on the Hill“ Geflügel, Ziegenfleisch und Käse von anderen Höfen, Bio-Rindfleisch stammt aus Australien.

Zu viel Matsch ist nicht gefragt

Die bislang einzige eigene Tierzucht sind einheimische Karpfen, Brassenbarben und Marmorgrundeln, die in einem klaren Teich hinter duftendem Fackel-Ingwer schwimmen. „Wir wollten anfangs Hühner halten, sind aber wegen der Vogelgrippe wieder davon abgekommen“, erzählt Lisa, der auf Schritt und Tritt mindestens einer ihrer vier Hunde folgt. „Außerdem lockt Geflügel Schlangen und Riesenwarane an. Gerade denken wir über eine eigene Ziegenhaltung nach.“

Das Restaurant profitiert von der Nähe zu Kuala Lumpur. Doch die urbane Mittel- und Oberschicht, die sich neuerdings in Malaysia für den Bio-Trend erwärmt, erwartet zwar rustikale Atmosphäre. Zu viel Matsch und Ungeziefer sind jedoch nicht gefragt. „Wir versuchen daher, die Wahrnehmung der Menschen zu ändern. Denn was sie hier sehen, ist ländlich und modern zugleich“, erklärt Pete.

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Wer ankommt, holt erst einmal tief Luft, denn sie ist klar und erfrischend kühl. In der Regenzeit rauschen zwei Bachläufe ins Tal, Vögel rufen, Bienen summen. Geräusche, die man in einer asiatischen Großstadt nicht mehr hört. „Am liebsten würde ich jedem noch viel mehr zeigen, zum Beispiel wie klar der Sternenhimmel hier oben ist. Oder wie intensiv die Naturgeräusche in der Nacht“, schwärmt Lisa. „Ich musste mir oft anhören, was für eine Verschwendung es sei, nach so vielen Jahren als Architektin Bäuerin zu werden. Doch wenn ich heute nach Kuala Lumpur fahre, nehme ich erst all den Lärm und die Lichter und den Gestank wahr. Und bin froh, wenn ich wieder hierher zurückkehren kann.“

Dieser Beitrag ist erschienen in Werde 01 / 2021

Text: Christina Schott    Foto: Uta Gleiser