Hyazinthe

Die Entdeckung der Zeit

In einer hektischen Welt sind Hyazinthen nur scheinbar wie von gestern. Wer sie wie Reinhold Krämer über den Winter im Glas antreibt, lernt, was uns heute so oft fehlt: Beobachtungsgabe und ein Verständnis für Zeit

Ich weiß nicht, was mich mehr fasziniert: die Schönheit der Gläser, ihre Vielfalt, ihre Geschichten. Oder die Blumenzwiebeln, die dieses filigrane Wurzelwerk ausbilden und später dann die reiche Blüte mit ihrem betörenden Duft hervorbringen. Die Hyazinthen im Glas schenken mir jedes Jahr eine besondere Zeit. Wenn ich im Herbst die Zwiebeln auf die mit Wasser gefüllten Gläser setze, beginnt meine Vorfreude auf den nächsten Frühling. Und bei aller Hektik und Oberflächlichkeit in der heutigen Zeit geben die Hyazinthen die Möglichkeit, das Staunen neu zu lernen, und sich wieder bewusst Zeit für die Dinge des Lebens zu nehmen. Abgedunkelt unter einem kegelförmigen Hut, ruht die Zwiebel einige Zeit im oberen Kelch des Hyazinthenglases. Angetrieben vom Wasser am Grund des Glases, beginnt sie dann Wurzeln zu ziehen. Ein imposanter Vorgang, der in der Natur unter der Erde verborgen bleibt. So schön lässt sich die Entwicklung einer Pflanze nur hier beobachten: im Hyazinthenglas, das selbst eine wahre Schönheit ist.

Kraemer mit Glasvase

Ich erinnere mich, dass meine Großmutter uns Kindern ab und an einen Blick auf den Fortgang ihrer Hyazinthen gewährte. Sie bewahrte einige Exemplare in einer Vitrine auf. Und gerade in der Weihnachtszeit und in den Januarwochen war es für mich spannend zu beobachten, wie sich die Pflanzen Woche um Woche veränderten und endlich, irgendwann im Februar, ihre duftenden Blüten zeigten. Und tat sich einmal nichts, waren es die Gläser selbst, an denen ich mich nicht sattsehen konnte. Wie dieses orange­farbene Glas, das mir später meine Großmutter vererbte und das für mich das kostbarste Stück meiner Sammlung ist.

Bezaubernde Namen

Auch wenn mich die Hyazinthen in meiner Kindheit so verzauberten, bereits damals fand man sie nur noch selten in den Gärten und in den guten Stuben. Ihre Blütezeit hatte die Hyazinthe um 1850. Damalige Preisverzeichnisse und Kataloge von Blumenzwiebelhändlern führten unzählige, meist gefüllt blühende Sorten auf: die Chestnut Flower, „General Kohler“, „Prinz Murat“, „Prinzessin Eboli“, „Alida Catharina“, „Charlotte de Montmoency“, „Lord Catlereagh“. Heute existieren davon nur noch sechs.

Es ist eine herrliche Blume /
die sich so wohl der Gestalt nach
majestueuse praesentiret / als
auch einen höchst angenehmen
Geruch von sich dufftet / und
wann man deren eine Quantität
beysammen auf einem Bette
stehen hat / und des Morgens sich
zu ihnen nahet / so wird man
mit Vergnügen spühren / wie sie
die Lufft mit Lieblichkeit erfüllen /
und selbige einem auch schon von
fern und auf etliche Schritt weit
entgegen schicken.

Aus: Der Neuankommende holländische Gärtner

Ihren botanischen Namen (Hyacinthus orientalis) erhielt die Pflanze nach einem schönen Jüngling, dem Liebling Apolls. Dieser tötete ihn aus Ungeschicklichkeit beim Diskuswerfen. Zum Gedenken und zum Trost ließ er aus den Blutstropfen die Hyazinthe wachsen. Die Wildform gedeiht im westlichen Teil Asiens, in der Türkei, in Syrien und im Libanon. Über die Türkei, wo die Pflanzen in großen Mengen in den Gärten gezogen wurden, kamen die ersten Zwiebeln zu dem Botaniker Clusius nach Wien. Später bildeten sie, vom Leidener Universitätsgarten ausgehend, den Grundstock der Haarlemer Züchter. Zuerst wurden immer voller besetzte Blüten von blauen und weißen Formen ausgelesen. Der 1728 verstorbene „Blumist“ Pieter Voorhelm warf die ersten Pflanzen mit gefüllten Blüten als absonderliche Exemplare weg, da sie keine Samen ansetzten, aus denen er neue Sorten mit klaren Farben und gleichmäßig geschlossener Blüte auslesen konnte.

 

Als er für längere Zeit krank war und erst wieder nach seinen Pflanzen sehen konnte, als diese fast verblüht waren, entdeckte er eine Hyazinthe mit gleichmäßig angeordneten gefüllten Blüten, die ihm in ihrem etwas gedrungenem Wuchs ausnehmend gut gefiel. Er vermehrte sie über Brutzwiebeln weiter. Blumenliebhaber waren bereit, dafür einen sehr hohen Preis zu entrichten. 1702 entstand die „König von Gross-Britannien“, sie wurde mit mehr als 1000 Gulden pro Zwiebel gehandelt. Holland war zwischen 1713 und 1747 in keine Kriege verwickelt und erlebte eine ruhige Zeit, in der der Wohlstand durch Handel und Gewerbe zunahm. Das förderte auch die Liebhaberei für Pflanzen. Hyazinthen entwickelten ein größeres Farbspektrum. Jetzt gab es Hunderte gefüllte Sorten.

Stolze Preise für Hyazinthen

Die hohen Preise beschränkten die Anzahl derer, die sich eine umfangreiche Sammlung leisten konnten. Ende des 18. Jahrhunderts löste die Hyazinthe die Tulpe als neue Modepflanze in Europa ab. Die Vorliebe von Madame Pompadour für die Hyazinthe stärkte ihre Stellung weiter. Sie prägte den Geschmack der damaligen europäischen Herrscherhäuser. Die erste gelbe Sorte „Ophir“ wurde für 3600 Gulden pro Zwiebel verkauft. Kritische Stimmen warnten vor einer Neuauflage des Tulpenschwindels. In den ruhmreichsten Zeiten waren in den Gärtnereien rund um Haarlem 2000 Sorten bekannt.

Protokoll und Foto: Christoph Möldner


 Wie man Hyazinthen selbst zieht

Für das Antreiben der Hyazinthenzwiebeln auf Gläsern braucht die Pflanze naturnahe Bedingungen. Wichtig ist dabei, dass die Zwiebel genügend Halt im Glas hat. Hyazinthen bilden an ihrem Wurzelboden einen Kranz starker Wurzeln. Ist die Zwiebel so ausgewählt, dass der Wurzelboden gerade in die Öffnung des Glases passt, kann sich die Pflanze regelrecht „verdübeln“, und sie hat einen festen Stand. Die Zwiebel darf das Wasser im Glas riechen, aber nicht berühren, weil sie bei längerem Kontakt mit Wasser faulen kann. Oft ziehe ich die äußere, abgestorbene Zwiebelschale ab, weil darunter Schimmel stecken kann. Das Glas kommt zuerst in einen kühlen Raum (ca. 8–12 °C). Die kühle Temperatur gibt den „Startschuss“, und die Wurzeln treiben zügig aus.

Im Herbst kann das Glas bereits nach zwei Wochen mit der Wurzel ganz ausgefüllt sein. Ab Dezember dauert es länger, und Zwiebeln, die erst im Februar aufgesetzt werden, blühen manchmal, ohne dass sie eine Wurzel austreiben. Wenn die Wurzeln den Boden des Glases erreicht haben, kommt es in einen geheizten Raum. Nun wird das berühmte Hütchen aufgesetzt, um den Austrieb weiterhin vor Lichteinfall zu schützen. Wenn der Blütentrieb das Hütchen hochschiebt, kann es abgenommen werden. Die Zwiebel schwindet, wenn sie ihre Blätter und die Blüte bildet, und die Pflanze kann ins Kippen kommen. Oft hilft es, die Zwiebel durch Bruchstücke von Blähton, die zwischen Zwiebel und die Glasöffnung gesteckt werden, zu stabilisieren. Wenn die Hyazinthe abgeblüht ist, einfach die abgeblühte Blüte herausschneiden und die Blätter einziehen lassen. Diese Zwiebel kann nun weiterhin im Garten gehalten werden.

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