Werde Magazin-Polar Permakultur

Die Farben der Antarktis

Ein Koch aus Florida lebt in der eisigen Natur der Inselgruppe Spitzbergen. Wo fast nichts wächst, züchtet er nach Grundsätzen der Permakultur frisches Grün für ein besseres Leben der Menschen.

Schneeweiß, Betongrau und ein bisschen Gelbbraun – der erste Tag auf Spitzbergen reicht, um zu erkennen, dass die Farbpalette der dortigen Natur auf diese drei schlichten Töne beschränkt ist. Das Weiß von Schnee und Eis überzieht weite Teile der Inselgruppe sogar jetzt im arktischen Sommer. Aus der Luft ist das im Anflug prima zu erkennen. Dann sieht alles so schön harmonisch glatt aus.

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Grau sind die Granitfelsen und deren Geröll, die den nur 2000 Einwohner großen Hauptort Longyearbyen umgeben. Der Stein steht für die Dominanz und Härte der Natur, die hier oben in arktischen Gefilden so ausgeprägt ist. Die gleiche Farbe haben die paar Kilometer asphaltierte Straße im und um den Ort. Die traurigste Farbe Spitzbergens aber ist Gelbbraun. Über diesen tristen Ton kommen im kurzen Sommer die wenigen dort wachsenden Gräser kaum hinaus.

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Ben Vidmar ist das nicht genug. Der aus Florida stammende 39-jährige Amerikaner mit dem dicken, dunklen Haar sehnt sich nach saftigem Grün. Jene Farbe, die gesund wachsende Pflanzen haben. Er arbeitet daran, seine Wahlheimat bunter zu machen. Womöglich kommt auch Tomatenrot dazu. Vidmar möchte auf der Inselgruppe trotz widrigen Klimas nachhaltige Landwirtschaft etablieren, um teure und unökologische Transporte an das nördliche Ende der Welt zu reduzieren, und orientiert sich dabei zum Teil am Permakultur-Gedanken.

Der Duft von Zimtschnecken

Es ist nicht einfach, Benjamin Vidmar zu treffen, um von seinen farbigen Plänen zu hören. Im örtlichen Kulturhaus, im lichten Café Rabalder im skandinavischen Stil, ist einer seiner Arbeitsplätze. Es duftet nach Zimtschnecken, einer goldbraun gebackenen Spezialität.
Nach einiger Zeit taucht er hinter der Theke auf. Die weiße Jacke mit Emblem vom lokalen Hotel steht ihm bestens. Auf dem Kopf trägt er die zugehörige Mütze in Schwarz. In den Händen hält er ein Backblech mit Brötchen. Belegt mit Salat und Tomate sowie Käse, werden die für umgerechnet fast 10 Euro verkauft. Norwegen ist teuer, und Spitzbergen toppt die Festlandspreise vielfach noch. Vidmar legt die Waren in die Anrichte, bedient ein paar Kunden und verschwindet wieder in der Küche. Eine weitere Viertelstunde später hat er wenige Minuten Zeit, um von seiner Idee zu erzählen.

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„Es mag verrückt klingen, aber hier oben, auf einem kaum bewohnten, ewig weit vom norwegischen Festland entfernten Eiland mit Dauerfrost und jeder Menge Gletschern, möchte ich Gemüse anbauen. So will ich für ein Umdenken und ein klein wenig mehr Nachhaltigkeit sorgen. Wir müssen nicht alles importieren“, sagt er. Kerbel, wie er in den Niederlanden wächst, Tomaten wie aus Spanien und Erbsen, wie sie vor allem in Dänemark gegessen werden – wenn es nach ihm geht, wachsen Nutzpflanzen wie diese demnächst auf Spitzbergen, dem letzten Außenposten vor dem Nordpol.

Wo bleibt das ökologische Gewissen?

„Die Waren wären frischer und die Leute hier weniger abgekapselt von grüner Landwirtschaft“, sagt Vidmar. Er möchte Longyearbyen größtenteils belassen, wie es ist: Die Menschen sollen jedoch auch im Alltag mehr mit der Natur im Einklang leben – etwa wie die Großstadthipster. Bisher werden abgesehen von den paar lokal gejagten Rentieren alle Lebensmittel importiert. „Dass die Bewohner hier oben viel fliegen, ist aufgrund der Lage kaum zu vermeiden. Dass sie und die Besucher ihr ökologisches Gewissen bei der Landung in Longyearbyen am Flughafen abzugeben scheinen, ist nicht gut“, so Vidmar.

Bis vor Kurzem habe es im örtlichen Supermarkt nicht einmal mehr Öko-Waren gegeben, erzählt er weiter. Das ist längst nicht alles. Essensreste werden wie andernorts vor hundert Jahren auf Spitzbergen auch heute noch im Meer versenkt, Abfälle aufs Festland verschifft. Die Touristen, von denen immer mehr einfliegen, bekommen davon nichts mit. „Das ist doch absurd“, sagt Vidmar. „Ich habe in den USA und Malaysia gelebt, aber nirgends wurde so viel weggeschmissen wie hier – leider auch Nahrungsmittel.“

Wegen des harschen, kalten Klimas gibt es auf der Inselgruppe weder Bäume noch eine nennenswerte Anzahl an Blumen. Deshalb fehlen nicht nur natürliche bunte Farben, sondern es duftet auch nicht. Abgesehen von den Bergen, die den Ort umgeben, ist der Gang durch Longyearbyen für die Sinne in etwa so interessant wie ein Spaziergang durch ein zubetoniertes Wohngebiet – mitsamt den Autoabgasen.

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Diese leichte Beklemmung dauert an, bis Vidmar am Tag nach dem ersten Treffen im Café das dünne, hölzerne Tor zu seinem Reich öffnet. Am Ende von Longyearbyen steht hinter dem Hauptgebäude des Hotels Coal Miners’ Cabin auf dem für den Ort so typischen Brachland und mitten zwischen stehen gelassenen Schneemobilen und anderem Schrott ein vielleicht fünf Meter hohes Oktogon, der Dome, wie ihn Vidmar nennt. Mit dem kuppelförmigen, aus Dreiecken zusammengesetzten und mit halbdurchsichtiger Folie überspannten Dach erinnert der schlichte Bau an geheimdienstliche Abhörstationen. Doch innen drin gibt es gibt weder Stromanschluss noch Bewässerung.

Ein Traum so grün

Vidmar stößt die Tür auf und macht damit den Weg frei zu ein paar Quadratmetern Spitzbergen, auf denen sein grüner Traum schon Wirklichkeit ist. Das Oktogon ist sein erstes Gewächshaus. Hier zieht er seit zweieinhalb Jahren in kleinem Stil, was hoffentlich in ein, zwei Jahren auf viel größerer Fläche angebaut werden kann. Vorne stehen Töpfe mit Erbsen, an denen kleine Schoten hängen und die so filigran in die Höhe wachsen wie auf einem Jugendstilgemälde, dahinter Tomaten, die noch nicht tragen, und Senfpflanzen.

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Grün! Endlich! Nach mehr als einem Tag auf der nahezu pflanzen- und farblosen Insel ist das Eintauchen in Vidmars Gewächshaus überaus sinnlich. Es ist nur schlichtes saftiges Grün, aber für Augen und Seele an diesem Ort so erfrischend wie ein großes Glas Wasser nach einer langen Durststrecke. Nicht nur das: Es riecht tatsächlich auch – nach Natur, nach fruchtbarem, warmem Boden. „Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind hier drinnen höher, nur deshalb kann etwas gedeihen“, sagt Vidmar.

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Weil die Erde auf Spitzbergen ebenfalls nicht ausreicht und Dünger zu importieren teuer ist, produziert Vidmar selber. Beziehungsweise er lässt produzieren. Weiter hinten im Gewächshaus steht eine braune Tonne. Vidmar zieht sich Handschuhe an, macht den Deckel auf, greift mit beiden Händen rein. Dann lässt er, was er eingesammelt hat, auf ein Sieb fallen. Sofort riecht es noch stärker nach frischer Erde. Feiner Kompost rieselt durch die Maschen. Was oben hängen bleibt, bewegt sich. Es sind Regenwürmer. „Die habe ich eigens importiert, denn hier oben gibt es keine“, sagt er.
Das klingt leichter, als es war. Denn um selbst kleine Lebewesen nach Spitzbergen einführen zu dürfen, bedarf es einer Genehmigung. Vidmar musste sich ein Gutachten schreiben lassen, um die Würmer übers Internet kaufen und im Dome sowie einem Keller unter Coal Miners’ Cabin züchten zu dürfen.

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Frische Kräuter für alle

Später, bei einer Autofahrt ins kleine Industriegebiet, erzählt er, dass er dort gerne ein großes Gewächshaus mit mehreren Hundert Quadratmeter Fläche bauen würde. Die lokale Brauerei hat sich hier bereits niedergelassen. „Wir werden nicht alle Lebensmittelimporte ersetzen können, aber warum nicht endlich anfangen?“, fragt er rhetorisch. Schon jetzt verkauft er palettenweise Kräuter an örtliche Küchen.

Das beste Restaurant, Huset, züchtet in noch kleinerem Stil selber. „Auf die Idee hat uns Benjamin gebracht, und manchmal beziehen wir auch noch von ihm“, sagt Geschäftsführer Bartosz Tarczyk. Seine Köche legen beispielsweise auf das Amuse-Gueule aus frittierter Kartoffelschale mit Crème fraîche und gehobeltem luftgetrocknetem Rentierfleisch ein Blättchen Kerbel von Vidmar.

Es kann gelingen

Um zu verstehen, dass auch hier im äußersten Norden Pflanzen in großem Stil angebaut werden können, muss man nach Russland fahren. Genauer genommen zur russischen Bergbausiedlung Barentsburg auf Spitzbergen, mehrere Bootsstunden entfernt von Longyearbyen, vorbei an einer 80 Meter hohen Eiswand. Der kleine Ort wird hauptsächlich von Russen und Ukrainern bewohnt, die hier im Bergbau arbeiten.

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Uns interessiert das gemauerte Gewächshaus mit dem gläsernen Dach. Das von oben kommende Licht hat gereicht, um in der Arktis für ein pflanzenfreundliches Klima zu sorgen. Nach dem Ende der Sowjetzeit wurde das Projekt aufgegeben, weil es zu teuer war. Obwohl sich seit Jahren niemand mehr um das Gebäude kümmert, ist es in dessen Inneren so saftig grün wie in Vidmars Dome.

Für diesen ist der verlassene russische Bau ein Beweis dafür, dass sein Plan funktionieren könnte. Auch weil im reicheren und von viel mehr Touristen besuchten Longyearbyen Geld eine geringere Rolle spielt. Dort sollte es genug Menschen geben, die bereit sind, etwas mehr zu zahlen, um Gemüse und Kräuter zu kaufen, die nicht nur lokal sind, sondern vor allem eins: grün. Was bleibt, ist das Problem, dass die Besucher mit Fliegern nach Spitzbergen reisen und dafür sorgen, dass eine Farbe an den Polen immer weiter abnimmt: Weiß.