Christian Felber Werde Magazin

„Gemeinwohl-Ökonomie ist menschlich“

Statt allein auf das Geld sollten Unternehmen mehr auf ihre Sinnhaftigkeit schauen, fordert Christian Felber, Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie. Ein Gespräch über Wirtschaft mit Haltung und warum Konsum nicht demokratisch ist.

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Unser Wirtschaftssystem basiert auf dem Prinzip Wachstum. Sie sagen, das
ist der falsche Anreiz. Warum?
Christian Felber Weil es kein grenzenloses Wachstum gibt. Für jeden Organismus existiert eine optimale Größe. Ist sie erreicht, geht Entwicklung auf einer anderen Ebene weiter. Wir Menschen entwickeln uns dann emotional, sozial, intellektuell und spirituell. Wir sind dann aber, nur weil wir nicht weiter wachsen, deshalb nicht weniger glücklich. Ganz im Gegenteil.

Warum sollte das in der Wirtschaft anders sein? Unternehmen sind auch Organismen, auch sie haben eine optimale Größe. Nur leider stellen sich die wenigsten Unternehmen die Frage nach ihrer optimalen Größe. Das Wachstum wird häufig zum Zweck. Das Produkt oder die Dienstleistung, aber eben auch Werte vom Betriebsklima bis zum Klimaschutz werden dann zur Nebensache.

Wie können Unternehmen ihre optimale Größe erkennen?
Christian Felber Dafür gibt es keine einfache Formel. Aber es gibt verschiedene Hinweise dafür, wenn sie überschritten wird. Etwa wenn sich die Beschäftigten nicht mehr kennen oder wenn die Zahl der Krankheitstage sich dem Marktdurchschnitt annähert; wenn innere Motivation und Sinnerfahrung zurückgehen. Oder wenn sich Mitarbeiter nicht mehr gesehen fühlen, sondern einem anonymen Unternehmen gegenüberstehen.

Anstelle der Wachstumsziele könnten Unternehmen Leitfragen stellen, die sich am Gemeinwohl orientieren, zum Beispiel: Wie erhalte ich die bestmögliche Produktqualität, wie erzeuge ich die bestmögliche Arbeitsatmosphäre, wie gestalte ich die empathischsten Kundenbeziehungen, wie erreiche ich einen minimalen ökologischen Fußabdruck?

Ein Motor für Wachstum ist der Wettbewerb. Sehen Sie den ebenfalls kritisch?
Christian Felber Wettbewerb wird oft mit Unternehmensfreiheit verwechselt. Letztere befürworte ich sogar stärker, als sie heute – in Anbetracht systemrelevanter Banken und globaler Oligopolbildung – verwirklicht ist. Doch dann würde ich Unternehmen, die gegeneinander agieren – das ist die Definition von Wettbewerb –, schlechterstellen als solche, die miteinander kooperieren, um das Wohl aller zu erhöhen.

Wachstum ist gar kein sinnvolles Ziel mehr. Wir sind übersättigt und leben im ökologisch destruktiven Überfluss. Wir brauchen nachhaltige Produkte und Lebensstile, da hilft eine generelle Haltung der Kooperation.

Die es Ihrer Meinung nach zu wenig gibt?
Christian Felber Ja, das liegt an der ökonomischen Bildung. An den Wirtschaftsfakultäten werden Studierende heute auf Selbstverwirklichung und auf Eigennutzenmaximierung getrimmt. Jeder muss sein eigenes Ding machen, sein eigenes Unternehmen gründen.

Konsum ist nicht demokratisch. Denn Konsumenten verfügen über unterschiedliche Kaufkraft und haben damit sehr unterschiedliche Stimmrechte

Was ist falsch an einer unternehmerischen Grundhaltung?
Christian Felber Sie sollte nicht in jedem Bereich selbstzweck gleich an erster Stelle stehen. Beispielsweise halte ich die Ökonomisierung des Gesundheitswesens oder der Bildung für eine grobe Verirrung. Menschen, die im Bereich Gesundheit arbeiten, sollten dafür belohnt werden, dass sie Gesundheit erhalten oder herstellen, und nicht dafür, dass sie Medikamente verschreiben oder Apparate anwenden.

Heute konzentriert sich Wirtschaft auf das, was für Märkte produziert und gegen Geldwerte gehandelt wird. Das ist eine Verstümmelung des Wirtschaftsbegriffs, in deren Folge nur noch ein Teil unserer Bedürfnisse befriedigt wird und die Befriedigung eines anderen Teils sogar unmöglich wird, seien es gelingende Beziehungen, sozialer Zusammenhalt oder intakte Ökosysteme wie trinkbare Flüsse. Märkte versagen auch total, wenn es um Gerechtigkeit geht. Die wertvollsten Arbeiten, wie Kinderbetreuung oder Krankenpflege, werden schlecht honoriert.

Dagegen sind gesellschaftlich nutzlose Tätigkeiten, wie das Betreuen von Anlagefonds, am höchsten dotiert. Der Kapitalismus bezieht seine Werte aus dem Patriarchat und dem Materialismus. Das schadet letztlich allen. Von daher strebt die Gemeinwohl-Ökonomie eine grundlegende Änderung des Wertefundaments der Wirtschaft an.

Was soll sich konkret ändern?
Christian Felber Unternehmen sind heute gesetzlich dazu verpflichtet, eine Finanzbilanz zu erstellen. Was sie gesetzlich nicht müssen, ist, darüber Auskunft zu geben, wie sie dem Gemeinwohl dienen. Es macht einen radikalen Unterschied, ob man primär über Finanzkennzahlen spricht oder über eine Gemeinwohlbilanz. Unternehmen müssen heute per Gesetz auf ihre Finanzkennzahlen starren. Alles ist darauf ausgerichtet.

Das ist eine Fehlerquelle im Systemdesign. Legten sie stattdessen das Hauptaugenmerk auf die Menschenwürde, gelingende Beziehungen, Sinnstiftung, Bedürfnisbefriedigung oder Umwelt- und Klimaschutz, könnten sie sich komplett neu verstehen. Als ethische Organismen, die miteinander kooperieren und dem Gemeinwohl dienen.

Unternehmen, die schon jetzt danach handeln, machen es freiwillig aus intrinsischer Motivation heraus. Sie handeln eigentlich system- und regelwidrig. Das erfordert eine viel größere Anstrengung und ethische Standfestigkeit, als wenn das Design der Marktwirtschaft die Akteure für ethisches Handeln belohnen würde.

Welche Verantwortung hat dabei der Konsument?
Christian Felber Im System hat immer derjenige die größte Verantwortung, der die meiste Macht hat. Formal sind das die Regelsetzer, also die Politik. Sie hat die größte Macht, aber sie ist sehr vereinnahmt von den Lobbys der großen Unternehmen. Diese haben finanziell die größte Macht. Bei der Politik und bei den Unternehmen liegt damit die größte Verantwortung.

Was gern übersehen wird: Konsum ist nicht demokratisch. Denn Konsumenten verfügen über unterschiedliche Kaufkraft und haben damit sehr unterschiedliche „Stimmrechte“. Konsumenten verfügen zudem oft über unvollständige Informationen.

Die höchsten Umsätze machen in der Regel diejenigen, die die meisten Werbegelder haben. Schließlich bedeutet es, selbst wenn die relevanten Informationen bekannt sind, oft einen logistisch oder zeitlich höheren Aufwand, um zu den guten Produkten zu kommen.

Die dann zudem teurer sind.
Christian Felber Das ist der zentrale Systemfehler im Design der Marktwirtschaft. Diejenigen, die Schaden anrichten, erlangen damit einen Wettbewerbsvorteil. Ökologische Landwirtschaft ist aufwendiger und somit teurer als konventionelle Landwirtschaft. Aber nur weil der Schaden, den die konventionelle Landwirtschaft für die Böden anrichtet, nicht berechnet wird.

Mit der Gemeinwohl-Ökonomie möchten wir diese Logik umkehren, sodass die nachhaltigsten, ethischsten und klimafreundlichsten Produkte und Dienstleistungen auch die preisgünstigsten sind. Das nennen wir ethische Marktwirtschaft. Dann haben die Konsumenten immer noch die Freiheit, unethische Produkte zu kaufen. Doch wenn diese dann teurer sind, bin ich mir sicher, dass sie niemand mehr kauft. Dieses Gedankenexperiment zeigt, wie ohnmächtig die Konsumenten im System sind. Letztlich ist das Preissignal entscheidend.

Warum befindet sich die Wirtschaft heute in dieser unethischen Lage?
Christian Felber Ein Problem besteht darin, dass die Wirtschaftswissenschaften einerseits so tun, als wäre die Wirtschaft nach Naturgesetzen geordnet. Sie sprechen von Marktgesetzen oder Marktmechanismen. Aber die gibt es gar nicht. Zum anderen sagt die heute dominante neoklassische Wirtschaftswissenschaft, dass Märkte grundsätzlich verteilungsneutral und wertneutral agieren. Sie spiegelten nur demokratisch den Willen der einzelnen Marktteilnehmer und deren Präferenzen wider.

Aber das ist Ideologie. Denn alle Transaktionen auf den Märkten geschehen innerhalb bestimmter Machtverhältnisse. Wenn nun die Marktteilnehmer von den Ökonomen dazu ermutigt werden, ihren eigenen Nutzen zu maximieren, kommt es zu systematischer Übervorteilung, Ausbeutung und Polarisierung. Auf diese Weise unterminieren Märkte das Vertrauen zwischen den Menschen, gelingende Beziehungen und den sozialen Zusammenhalt.

Ich hoffe, dass in Zukunft nur noch Unternehmen mit guten Gemeinwohl-Bilanzergebnissen Kredite und öffentliche Aufträge erhalten

Ihren Überlegungen liegt ein nicht gerade altruistisches Menschenbild
zugrunde.
Christian Felber Ich habe weder ein optimistisches noch ein pessimistisches Menschenbild. Menschen sind grundsätzlich frei, wir können morden und lieben. Worauf es ganz entscheidend ankommt, sind zwei Dinge: erstens dass wir das Morden negativ anreizen und das Füreinander-Sorgen positiv. Zum anderen dass auch in der ökonomischen Bildung die Erkenntnisse der interdisziplinären Wissenschaft vermittelt werden. Diese sind: Menschen helfen einander spontan, auch ohne dass wir einen Vorteil daraus erzielen; wir sind zu tiefem Mitgefühl fähig; wir haben ein angeborenes Unrechtsempfinden; und wir haben ein Gehirn, das auf komplexe Kooperation ausgerichtet ist.

In der ökonomischen Bildung wird heute aber stattdessen der egoistische Nutzenmaximierer gelehrt. In der griechischen Antike kennzeichneten Werte wie Fürsorge, Kooperation, Großzügigkeit, Teilen und Maß halten die „oikonomia“. Wenn wir diese Werte wieder in die wirtschaftswissenschaftliche Bildung integrieren, dann würden die Absolventen der Wirtschaftsstudien nicht glauben, dass Menschen die Konkurrenz in ihren Genen haben. Sie würden beitragen, die Welt zu retten, und gemeinwohlorientierte Unternehmen gründen.

Was passiert in Unternehmen, die eine Gemeinwohlbilanz erstellen?
Christian Felber Durch die Gemeinwohlbilanz erhalten Unternehmen einen 360-Grad-Blick auf ihre Strukturen, Prozesse und Ziele. Die Gemeinwohlbilanz ist ein Organisationsentwicklungsinstrument, das höheres Bewusstsein schafft. Oft entstehen dadurch auch logistische und prozessuale Verbesserungen.

Der Haupteffekt ist ein anderer: Die Aufmerksamkeit schwenkt auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die Menschenrechte und den Umweltschutz in der Zulieferkette, den Sinn von Produkten und die optimale Größe des Unternehmens, auf gerechte Verteilung und Mitbestimmung. Die Bilanz erlaubt Verbesserungen in kleinsten Schritten. So kann ein Unternehmen seine ethische Performance ein ganzes Leben lang verbessern. Viele Unternehmen bekommen umfassende positive Resonanz von der gesamten Öffentlichkeit.

Neue Kunden kommen, und der Anteil an Blindbewerbungen steigt, weil ethische Organisationen attraktivere Arbeitgeber sind. Ich hoffe, dass in Zukunft nur noch Unternehmen mit guten Gemeinwohl-Bilanzergebnissen Kredite und öffentliche Aufträge erhalten, Fachkräfte und Kunden anziehen oder Zugang zum Weltmarkt erhalten.

Zur Person

Christian Felber ist Tänzer, Hochschullehrer und Autor. 2010 gründete er den „Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie“, der sich für eine am Gemeinwohl sowie an Kooperation und Gemeinwesen orientierte Wirtschaft einsetzt. Mit dem Instrument der Gemeinwohl-Bilanz können sich Unternehmen bewerten lassen. Kriterien sind Menschenwürde und Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Transparenz. Nach eigenen Angaben unterstützen 2000 Unternehmen das Modell. 500 davon sind Mitglied oder haben sich bereits bilanzieren lassen.

Dieser Beitrag ist erschienen in Werde 01 / 2020

Kategorien Interviews