Werde Magazin-Kugelmühle

Stephan Metzler: Mit der Ewigkeit verbunden

Stefan Metzler ist Kugelmüller und Ingenieur und kennt sich ziemlich gut aus mit Kraft und Antrieb, mit Drehungen und Bewegungen, mit Scheiben und Rillen. Er betreibt im süddeutschen Neidlingen die professionellste und produktivste Kugelmühle, wie er sagt. Und weltweit eine der letzten ihrer Art.

Herr Metzler, haben Ihre Kugeln einen Sinn?
Stefan Metzler Manche Menschen verwenden sie als Massagekugeln, und früher trugen die Leute Kugeln als Glücksbringer in der Hosentasche – an diesen Zweck muss man glauben. In Büchern steht auch etwas über die heilende Wirkung von Steinen und Kugeln; ich schließe das nicht aus, aber ich persönlich konnte es für mich nicht nachvollziehen. Es gibt Dinge, die sind einfach nur zur Freude da.

Was kann man in den Kugeln erkennen?
Stefan Metzler Wenn man so eine Kugel in der Hand hält und betrachtet, kann man sich mit der Ewigkeit verbunden fühlen. Jeder Mensch hat seine Geschichte, die erklärt, warum er so geworden ist, wie er ist. So hat auch jede Kugel aus Marmor von der Schwäbischen Alb ihre Geschichte und macht ein kleines Fenster auf in eine Zeit vor Millionen von Jahren, als es noch keine Menschen gab. Die Kugeln erzählen von tropischen Meeren und Lagunen in unserer Heimat, von Muscheln, Schwämmen, Kleinstlebewesen, die darin schwammen. Man fragt sich, wie so etwas Schönes entstehen konnte, wo vorher nur Schlamm war. Und wird sich bewusst, wie klein doch alles ist angesichts der Jahrmillionen, die aus diesen Kugeln sprechen.

Was fasziniert Sie selber an den Kugeln?
Stefan Metzler Natürlich auch die Ästhetik. Als Ingenieur fasziniert mich aber auch die Kugel als geometrische Form in höchster Vollendung. Sie lässt sich mathematisch nicht restlos erfassen, schließlich ist die Zahl Pi als Verhältnis zwischen Kreisumfang und Durchmesser eine irrationale unendliche Zahl. Und dann begeistert mich, was man mit der natürlichen Kraft des Wassers formen kann – und wie unglaublich präzise. Die Kugeln sind auf dreißig μ genau rund, also auf drei Hundertstelmillimeter, das ist der Bruchteil eines menschlichen Haares. Trotzdem gleicht keine der anderen, jede ist ein absolutes Unikat.

Warum setzen Sie auf vier Kugelmühlen aus Sandstein und Holz in einem Bach?
Stefan Metzler Ich bin begeistert davon, wie man mit einer so uralten Vorrichtung so effizient arbeiten kann. Kein Mensch weiß, wer diese Technik erfunden hat, Kugelmüller waren ja in der Regel Bauern, die sich ein Zubrot verdienten. Trotzdem ist die Technik unglaublich ausgereift und raffiniert. Mich reizt es, die Produktion der Rohlinge und auch die Mühlen immer noch ein bisschen zu optimieren. Ja, ich könnte die Kugeln auch mit einem Fräsautomaten produzieren, mir einen Vertriebspartner suchen, der die Kugeln via Internetshop weltweit verkauft. Dann hätte ich sonntags frei – aber das Projekt würde ohne Kugelmühle seine Seele verlieren.

Geht es um Nostalgie?
Stefan Metzler Nein, so sehe ich das nicht. Früher hat man sogar so vermeintlich profane, rein funktionale Dinge wie Türklinken sehr detailreich, ästhetisch anspruchsvoll hergestellt und so, dass sie ihren Schöpfer lange überlebten. Das versuche ich auch: Dinge so zu gestalten, dass sie langlebig sind und schön. Es geht auch um das Handwerk und die damit verbundene Landeskultur und Geologie der Schwäbischen Alb. Ich will das erhalten.

Warum?
Stefan Metzler Die Erfindung der Kugelmühlentechnik ist genial. Dass ich da noch etwas verbessern, optimieren konnte, heißt ja nur, dass es schon als Potenzial in der Erfindung angelegt war und nur nicht ausgeschöpft wurde. Ich halte es für wichtig, dass wir aus der traditionellen Welt auch etwas in die zukünftige tragen. Auch der Natur kann man noch viel Neues abschauen, aber eben nur solange sie, weil wir sorgsam mit ihr umgehen, noch da ist. Und wenn ein Handwerk, eine Technik, ausstirbt, geht etwas Wertvolles verloren. Deshalb sind für mich solche Dinge erhaltenswert.