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Wie geht es den Bienen, Tobias Miltenberger?

Berufsimker Tobias Miltenberger im Gespräch über das Wesen des Biens, wesensgemäße Bienenhaltung und wie es um die Bienen steht.

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Herr Miltenberger, wie beschreiben Sie das Wesen der Bienen?
Tobias Miltenberger Obwohl ich einiges über Bienen weiß, sind sie auch für mich immer noch geheimnisvoll, faszinierend. Zu ihrem Wesen gehört, dass sie Wärme geben – ganz physikalisch betrachtet, wenn man an die Wärme in einem Bienenstock denkt oder auch an die Hitze, die ein Stich auslöst; aber auch emotional, wenn man bedenkt, welche Sympathien Menschen für Bienen entwickeln.

Sie leben vom Honig der Bienen. Sehen Sie sie als Nutztiere?
Tobias Miltenberger Ja, wir wollen ihren Honig, aber wir versuchen gleichzeitig, die natürlichen Lebensäußerungen der Bienen zu respektieren und mit, nicht gegen sie, zu arbeiten. Es geht bei unserer Arbeit darum, die Beziehung zueinander so positiv zu gestalten, dass auf beiden Seiten ein Wohlbefinden entsteht. So gesehen nutzen wir uns gegenseitig. Beziehung ist für uns der zentrale Begriff, ob zwischen Imker und Biene oder zwischen Menschen untereinander. Wenn sie gut gelebt wird, entsteht Qualität, die sich letztlich auch beim Honig zeigt.

Wie geht es den Bienen?
Tobias Miltenberger Weltweit nehmen die Bestände noch zu, auch in Deutschland. Allerdings muss man wissen, dass es hierzulande vor sechzig Jahren noch zwei Millionen Bienenvölker gab, heute nur noch knapp die Hälfte, auch wenn die Zahl jetzt wieder steigt. Und wachsende Zahlen allein sagen nichts aus über ihr Wohlbefinden. Generell lässt sich sagen, dass es den Bienen dort besser geht, wo sie und die Natur weniger stark genutzt werden, wie etwa in Afrika. Dort haben sie auch eine gewisse Resistenz aufgebaut gegen Schädlinge wie die Varroamilbe, die weltweit ein großes Problem ist.

Die Biene wurde jahrzehntelang züchterisch so bearbeitet, dass sie zur Hochleistungsbiene wurde: Honig, Honig, Honig. Man muss die heutigen Bienen mit Hochleistungskühen vergleichen, die im Jahr 10.000 Liter Milch abliefern müssen und dies in Landschaften, die ausgeräumt sind durch die industrialisierte Landwirtschaft. Die permanente Hochleistung hat ihren Preis: Die Biene hängt wie auf einer Intensivstation am Tropf, muss immer intensiver gepflegt werden, damit sie den widrigen Umstanden standhält.

Warum lassen sich die Bienen das gefallen?
Tobias Miltenberger Man geht davon aus, dass es Bienen seit etwa 100 Millionen Jahren gibt. Dass sie derart lange überdauert haben, zeugt von ihrer unglaublichen Evolutionsintelligenz: Die Spezies passte sich sehr erfolgreich wechselnden Bedingungen in allen Regionen der Welt an. Diese extreme Anpassungsfähigkeit und -bereitschaft werden jetzt zu ihrem Nachteil: Bienen lassen unheimlich viel mit sich machen. Unsere konventionellen Kollegen, aber leider auch Imker, die nach Ökostandards arbeiten, versuchen Bienen in eine Art industrielles Baukastensystem zu zwängen. Eine individuelle Betrachtung des Bienenvolks findet nur noch bedingt statt.

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Was machen Sie anders?
Tobias Miltenberger Zum Beispiel unterdrücken wir nicht den natürlichen Schwarmtrieb des „Biens“, wie wir ein Volk nennen. Ein Volk, das sich nicht durch Ausschwärmen mit der alten Königin selbst teilt, ist natürlich leichter zu handhaben. Bei der konventionellen Bienenhaltung kauft man vor dem Schwärmen eine neue Königin im Internet und bringt sie mit einem abgetrennten Teil des Volkes zusammen. Viele Imker töten die Königin trotz einer Lebenserwartung von drei bis vier Jahren schon nach dem ersten Jahr und ersetzen sie durch eine neue, leistungsstärkere. Die Bienen machen das mit, aber das Beziehungsgeflecht wird dadurch gestört. Wenn man das Volk schwärmen lässt so wie wir, kann es passieren, dass man es nicht mehr einfängt, was natürlich einen Verlust darstellt. Und der zurückgelassene Teil des Volks braucht Zeit, bis die neue, selbst geschaffene Königin zur Reife für den Hochzeitsflug kommt und Eier in die Waben legt. Das geht zulasten des Honigertrags.

Ein weiterer Unterschied ist die Fortpflanzung. Zur konventionellen Imkerei gehört die künstliche Befruchtung der Königin: Sie wird in einen Schlauch gesteckt und begast, dann klappt man ihr Hinterteil auf und bringt den Samen von ein oder zwei Drohnen ein. Beim natürlichen Hochzeitsflug hingegen sammelt sie den Samen von zehn bis zwanzig Drohnen; deshalb gibt es wohl kein anderes Tier, das sein genetisches Material so stark neu kombiniert – daher die hohe Diversität und Anpassungsfähigkeit der Bienen. Im Gegensatz dazu erzeugt die konventionelle Imkerei einen genetischen Flaschenhals mit der Folge, dass die Anpassungsfähigkeit schwindet.

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Gibt es weitere Unterschiede?
Tobias Miltenberger Ja, das Beschneiden der Flügel der Königin ist für uns tabu. Wir lassen die Bienen ihr Brutnest auch komplett selber mit Naturwaben bauen. Die meisten Imker setzen vorgeprägte Platten aus Kunststoff oder Fremdwachs ein, auf denen die Bienen nur noch die sechseckigen Zellen hochziehen müssen. Zudem wird in der klassischen Imkerei das Wachs zur Wiederverwendung mehrmals eingeschmolzen, so können sich schädliche Rückstände im Wachs anreichern. Wir ernten nur etwa 20 Prozent des Honigs und lassen alles andere den Bienen für sich selbst, deshalb müssen wir nur in Ausnahmesituationen Zuckerwasser zufüttern. Und wir erwärmen den Honig auch nicht; er ist durch die Biene ein Produkt, das den Zenit der Veredelung erreicht hat. Daran wollen wir nichts mehr verändern.

Sie betreiben eine Imkerei in der Großstadt. Wie kann das für die Bienen funktionieren?
Tobias Miltenberger Summtgart besitzt heute 70 Völker, die auf nicht eigenen Flächen in und um Stuttgart stehen. Nektar und Pollen sammeln die Bienen auf den Tausenden von Linden im Stadtgebiet, auf den Blumen und Sträuchern in Garten, Parks und auf Brachflächen. Hier finden sie oft mehr Nahrung als in manchen ländlichen Regionen, in deren Monokulturen sie hungern und zudem zahlreichen Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln ausgesetzt sind.

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Seit Mitte Mai läuft ein von ProBiene initiiertes Volksbegehren zur Rettung der Bienen in Baden-Württemberg.
Tobias Miltenberger Das Begehren ist der sehr erfolgreichen Initiative in Bayern ähnlich, denn es geht nicht nur um die Honigbiene, sondern um ein dramatisches Artensterben allgemein. Unsere Forderungen sind allerdings noch ein bisschen schärfer als jene in Bayern.

Zur Person
Tobias Miltenberger Der Stuttgarter Berufsimker und Geschäftsführer gründete 2015 mit David Gerstmeier die Imkerei Summtgart, deren Startkapital aus der Einbringung von jeweils 15 Bienenvölkern bestand. 2016 gründeten die beiden das Freie Institut für Ökologische Bienenhaltung, ProBiene. Die gemeinnützige Einrichtung bietet Seminare und Vorträge an und betreibt Forschungs- und Lobbyarbeit.