Werde Magazin - Regional in Kopenhagen

Regional in Kopenhagen

Sich in der Großtadt regional zu ernähren ist nicht einfach. Kopenhagen zeigt, wie es geht. Mit Apps, die helfen, essbare Kräuter zu finden, und Freiwilligen- Initiativen, die Biogemüse ins Zentrum bringen.

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Kristoffer Melson hockt im saftig grünen Gras und müht sich ab. Minutenlang bohrt der 39-Jährige mit der Pflanzenkelle in seiner Linken in der Erde, rüttelt am Gartenwerkzeug, zieht es aus dem Boden und sticht erneut hinein. Alle paar Sekunden macht er das. „Man braucht wirklich etwas Geduld hier“, sagt er mit leichter Anstrengung in der Stimme. Es ist früher Nachmittag, und die Sonne strahlt so kräftig, dass Kristoffer, obwohl nur in Shorts und T-Shirt, fast ins Schwitzen gerät. Schließlich zieht er eine cremefarbene Wurzel aus der Erde und führt das Pflanzenstück zur Nase. Seine Kelle hat die Spitze der Wurzel abgetrennt. Genau an der Schnittstelle atmet Kristoffer tief ein. „Welch ein Duft“, sagt er.

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Gewilderte Ernte

Bei Touren wie diesen ist es für ihn wichtig, wild wachsende Zutaten zum Essen zu finden, es ist aber nicht das allein Entscheidende. Erkenntnisse wie die, zu was die Nase fähig ist, und damit verbundene Reflexionen sowie unbewusste Reaktionen sind ebenso bedeutend. „Oft läuft unser Leben einfach nur so weiter, und das immer schneller. Kaum komme ich hinaus in die Natur, kehrt innere Ruhe ein. Ich glaube, es würde vielen guttun, sich diese Art Auszeit zu gönnen und bewusster zu leben“, so Kristoffer, der weiß, wovon er spricht. Jetzt steht er mitten in der dänischen Natur – und gleichzeitig im Zentrum von Kopenhagen. Die Wiese blüht, verstreut stehen einige Bäume, und am Horizont sind auf einer Seite ziemlich klein die Türme eines Kraftwerks zu sehen, gegenüber ein Hotel in moderner dänischer Architektur. Wir sind in Amager Fælled, der wohl größten zusammenhängende Grünfläche der dänischen Hauptstadt. Das frühere Militärgelände ist kein schicker Park, sondern weitgehend naturbelassen und genau deshalb heute Kristoffers Ziel. Denn für ihn sind weite Teile der Stadt Nutzgarten. „Hier wächst unglaublich viel Essbares – Äpfel, Holunder, Löwenzahn, Brombeeren, Brennnesseln und eben wilder Meerrettich“, fängt er an aufzuzählen. Auch mitten im Zentrum finde man an vielen Ecken wild wachsende Zutaten für den nächsten Salat oder ein gutes Sandwich.

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Digitaler Erntehelfer

Diese Entdeckungen hat Kristoffer nicht alle selber gemacht, er hat aber geholfen, sie allen zugänglich zu machen: über die von ihm 2014 mit ins Leben gerufene App und Website „Byhøst“, zu Deutsch „Stadternte“. Deren Kern, um mal diesen hier so passenden Begriff zu benutzen, besteht aus einer interaktiven Dänemarkkarte. In die sind übers ganze Land verteilt rund 1500 Stellen verzeichnet, an denen Pflanzen und ihre Früchte „gewildert“ werden können – und dürfen. Denn ein jahrhundertealtes und immer noch geltendes dänisches Gesetz erlaubt, von öffentlichem Grund in kleinen Mengen zu ernten. Zählt man allein die Fundstellen auf und um Amager Fælled zusammen, kommt man auf gut 100. An diesem warmen Nachmittag pflückt Kristoffer noch Brennnesseln („sobald die erwärmt werden, brennen sie nicht mehr und schmecken vorzüglich“), Knoblauchsrauke („macht sich hervorragend auf einem belegten Brot“) sowie Löwenzahn und Gänseblümchen („passen prima in Salat“). Am höchsten ist die Anzahl von Pflückplätzen passend zum Namen der App bei der zweitgrößten Stadt Aarhus (287) und im Raum Kopenhagen (aktuell 883).

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Grade dort also, wo der Kontakt zur Natur besonders leicht verloren gehe. „Wenn man erst mal sieht, was auch in der Stadt so wachsen kann, dann denkt man nächstes Mal sicherlich anders darüber, wenn mal wieder ein Baum oder eine Grünfläche einem Neubau weichen soll“, meint Kristoffer. Dabei geht es ihm gar nicht um eine Art Revolution, die jegliche Entwicklung von Städten stoppen soll. Stattdessen sei wichtig, nicht immer nur schnell zu handeln, sondern nachzudenken und bewusst sowie möglichst nachhaltig zu agieren. Kein Wunder, dass bei Kristoffer immer wieder der Begriff „Achtsamkeit“ fällt.

Bio-Obst und Gemüse in der Stadt

Das sagt auch Julie Malmstrøm zu. Sie benutzt die „Byhøst“-App seit ein paar Jahren und hat damit in ihrer Heimatstadt Kopenhagen schon jede Menge Erntestellen aufgetan. „Erst heute Morgen habe ich von den Walnüssen gegessen, die ich vergangenen Herbst im Park Kongens Have aus dem Baum geschüttelt hatte“, erzählt sie. Die junge Frau ist Unternehmerin und produziert unter anderem Musikvideos. Diesen Mittwochvormittag aber hat sie Filmschneideprogramm und Computer verlassen, um ein paar Stunden ehrenamtlich zu arbeiten. Jetzt steht sie in einer Örtlichkeit, die räumlich nur 20 Fahrradminuten von Amager Fælled entfernt, ästhetisch aber ein starker Kontrast dazu ist. Es ist eine sicher bis zu zehn Meter hohe Halle mit Betonboden und Wänden in schmutzigem Weiß, das Satteldach ist nicht verkleidet, sodass dessen schwarze Unterseite ebenso zu sehen ist wie die grauen Metallstreben, die es halten. Obwohl draußen die Sonne knallt, ist es drinnen angenehm kühl.

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Julie gehört zu den vielen Freiwilligen, die sich bei „Københavns Fødevarefællesskab“, der Kopenhagener Lebensmittelgemeinschaft, auch Kbhff genannt, engagieren. Die bestellt bei Bauernhöfen aus dem Großraum Kopenhagen einmal wöchentlich für ihre Mitglieder riesige Mengen Gemüse und je nach Jahreszeit auch Obst. Für umgerechnet 13 Euro und monatlich 3 Stunden freiwillige Arbeit bekommt jeder davon eine große Tüte ab. „Die Qualität ist unglaublich gut, und mir gefällt es, damit die lokale ökologische Landwirtschaft zu unterstützen“, so Julie. „Gleichzeitig bekommen wir ein anderes, engeres Verhältnis zu den Lebensmitteln. Man lernt zum Beispiel, was es regional saisonal gibt.“ In Dänemark heißt das: Mangos, Papayas und dergleichen nie, Erdbeeren nur im Sommer, und die Kartoffeln schmecken im Mai anders als im August. „Natürlich gibt es bei unserem Klima im Winter wirklich nicht so viel. Aber da lernt man dann, kreativ zu sein und aus Wurzelgemüse immer wieder etwas anderes zu machen“, so Julie. Sie leistet heute ihren freiwilligen Dienst ab und sortiert vormittags in der großen Halle im Süden von Kopenhagen Weißkohl, Kartoffeln, Rote Bete, blühenden Grünkohl (den einige für Raps halten) und grünen Spargel.

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Gute Verhältnisse

Vor ein paar Stunden war die Halle noch leer, dann kamen nach und nach ein paar Lieferwagen und brachten die frischen Lebensmittel für die heutigen rund 200 Abonnenten vorbei. Martin Kvedéris kam mit blühendem Grünkohl, Petersilie und Allians-Kartoffeln an. Er arbeitet auf dem Hof Birkemosegård und ist begeistert von dem System. „Heutzutage geht viel zu oft die Nähe zum Essen verloren. Wer Gemüse nicht nur abgepackt kauft, sondern selber damit hantiert, es verteilt und immer wieder in der Hand hat, wertschätzt es mehr“, sagt er. Gerne erzählt Martin auch, dass Kbhff bessere Preise zahle als die großen Supermarktketten. „Wir wollen ein gutes Verhältnis zu den Produzenten haben und die nicht zwingen, lieber billig, dafür aber nicht gut zu produzieren“, sagt Jonathan Aardestrup, einer der Organisatoren von Kbhff.
Dass das Gemüse letztlich trotzdem preiswerter ist als in den Geschäften der großen Lebensmittelketten, liegt daran, dass die Marge des Supermarktes wegfällt, und an den vielen freiwilligen Arbeitsstunden. „Weil mir das Spaß macht, rechne ich diese Kosten natürlich nicht in den Preis ein“, so Julie. Selbstverständlich kauft auch sie weiter im Supermarkt, schließlich gibt es viele Waren des täglichen Bedarfs nur dort. Die wöchentliche Gemüsetüte holen sich die Kbhff-Mitglieder selber ab. Sie tun das alle mit gutem Gewissen. Was das Verständnis natürlicher Kreisläufe angeht, sicherlich zu Recht. Ob diese Art von Lebensmitteleinkauf wirklich umweltfreundlicher ist, kann man nicht so leicht entscheiden. „Dafür müsste eine größere Untersuchung in Gang gesetzt werden. Saisonales regionales Obst und Gemüse spart Transportwege. Was den Effekt aufs Klima angeht, ist die Produktion entscheidender, und da kommt es auf Effizienz an“, so Michael Minter von der dänischen Klimaforschungsorganisation Concito.

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Der Kreislaufgedanke

Ähnlich denken auch die Mitstreiter von Bioteket, die sich in einer Mischung aus Container und Gewächshaus im Stadtteil Nørrebro, gut 15 Fahrradminuten entfernt, angesiedelt haben. Auf der Hinterseite grenzt ein Verschlag an das metallene Gebäude, drinnen eine etwas seltsam anmutende Anlage, die umgebauten Müllcontainern ähnelt. „Unsere Kompostierungsanlage“, sagt Shan Khan und reißt den Deckel auf. Der Behälter ist fast bis zur Hälfte mit Erde gefüllt, in der Mitte verläuft eine riesige Spirale, die den Inhalt durchmischen kann. „Alles, was wir machen, hat den Kreislaufgedanken in sich. Aus Lebensmittelresten stellen wir Kompost her, der dann wieder benutzt werden kann, um zum Beispiel Salat zu ziehen“, erklärt Shan. Gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter hat er vor zwei Jahren Bioteket ins Leben gerufen und experimentiert hier mit Ideen, wie wieder mehr Verständnis für die Natur geschaffen und gleichzeitig nachhaltiger gewirtschaftet werden kann. Im Hauptberuf ist der Endzwanziger Biologielehrer und hat schon öfter Schüler hergeführt. Im oberen Stockwerk des Containers steht ein Aquarium mit Karpfen. Sie düngen die Pflanzen, die gleichzeitig die Verunreinigungen aus dem Wasser ziehen, bevor es wieder ins Aquarium fließt, und so den Fischen das Überleben sichern. Shan und die anderen ziehen Salate und Sprossen und züchten Pilze. „Wir glauben, dass viel mehr Lebensmittel urban produziert werden können, als Ergänzung zu dem, was wir im Supermarkt kaufen“, sagt er. Die Idee hat der Stadt Kopenhagen so gut gefallen, dass sie Bioteket bezuschusst. Wer dank Shan und Bioteket den Lebensmittelabfallkreislauf nicht nur verstanden, sondern auch gesehen hat, weiß, dass aus Essensresten wieder Leben werden kann, und versteht auch, dass die Plastikverpackung nicht so einfach zu Erde wird, sondern oft ein Problem darstellt. „Aus diesem Bewusstsein entsteht hoffentlich ein sorgsamerer Umgang mit der Natur“, so der junge Biologe. Damit sagt er, was schon Kristoffer auf Amager Fælled angemerkt hat. Ein Kreislauf schließt sich.

Text: Clemens Bomsdorf Foto: Uffe Weng