Sehnsucht Weltreise

Gwendolin Weisser und Patrick Allgeier sind dreieinhalb Jahre um die Welt gereist. Zu Fuß und per Anhalter haben sie die Schönheit der Welt entdeckt.

 

Interview: Christoph Möldner Foto: Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier

 

An einem Samstag im März machen sich Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier zu Fuß auf den Weg, um von Freiburg aus in Richtung Osten die Welt zu erkunden. Knapp dreieinhalb Jahre und fast 100.000 Kilometer später erreichen sie an einem Mittwoch im Juli aus dem Westen kommend wieder ihr altes Zuhause.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihr habt die ganze Welt bereist. In welchem Zustand befindet sie sich?

Patrick In einem sehr viel besseren, als wir es zuvor gedacht hatten. Wir haben überall gute Menschen getroffen, in allen Teilen der Welt.

Gwen Oft gibt es einen großen Unterschied zwischen dem herrschenden politischen System in einem Land und wie die Menschen ihren Alltag leben. Viele Menschen leben unter sehr schwierigen Bedingungen. Aber wenn man mit ihnen spricht, merkt man, dass sie eigentlich wenig in diese Systemfragen involviert sind. Die allermeisten Menschen streben schlicht danach, ein sicheres, zufriedenes Leben zu führen und ihre Familien zu versorgen. Ich habe immer wieder gemerkt, wie viel uns verbindet. Obwohl wir in unterschiedlichen Kontexten und unter ganz unterschiedlichen Umständen leben, sind wir uns schlussendlich doch sehr ähnlich.

In welchen Momenten habt ihr diese Verbundenheit erfahren?

Gwen In ganz einfachen Situationen. Wenn man miteinander scherzt oder zusammen isst. Oder wenn man einfach mit den Familien Zeit verbringt.

Patrick Wir sind oft per Anhalter gereist. Wenn du irgendwo in ein Auto einsteigst, dann stellen Menschen sehr ähnliche Fragen. Egal ob im Iran oder in Guatemala. Wie heißt ihr? Habt ihr Kinder? Habt ihr Geschwister? Wie viele? Brüder? Schwestern? Es gibt zwei Dinge, die uns auf der ganzen Welt verbinden: Jeder Mensch hat einen Namen. Und jeder hat eine Familie. Die Familie ist in allen Kulturen das Wichtigste.

Gwen Als ich während der Reise schwanger wurde und dann in Mexiko unser Sohn geboren wurde, war es noch deutlicher: Familie und Kinder sind eine verbindende Weltsprache.

Was wolltet ihr auf dieser Reise herausfinden?

Patrick Wir wollten sehen, wie groß die Welt ist, Menschen kennenlernen und die Facetten der Lebensmodelle. Wir wollten möglichst viele Erfahrungen sammeln. Deshalb hatten wir uns entschieden, mit sehr einfachen Mitteln zu reisen. Mit kleinem Budget und ohne Flugzeug.

Gwen Wir wollten viel draußen sein und uns auf wesentliche Dinge besinnen. Langsam essen zum Beispiel. Für die Reise hatten wir uns deshalb auch keinen zeitlichen Rahmen gesteckt. Sie sollte so lange dauern, wie sie brauchte. Sie sollte sich entwickeln können.

Was musstet ihr unterwegs erst lernen?

Gwen Möglichst wertfrei auf das Leben zu schauen. Dinge nicht auf sich zu beziehen, sondern Kulturen einfach beobachten zu können. Das ist schon eine große Herausforderung.

Patrick Man neigt dazu, alles sofort zu vergleichen. Mit sich selbst, mit zu Hause. Oft wurden wir gefragt: Wie ist das bei euch? Und dann denkt man schnell in Kategorien. Ist das hier freier? Ist es besser? Flexibler? Bürokratischer? Bunter? Billiger? Für die Reise war es aber hilfreich, diese Vergleiche abzulegen und die Dinge möglichst so zu akzeptieren, wie sie sind.

Gwen In der Mongolei haben wir einen Schamanen getroffen. Dieser Mann entsprach so gar nicht meinem Bild, das ich bis dahin von einem Schamanen hatte. Er war sehr modern, und wir fuhren mit einem großen Geländewagen in die Wüste. Es wurde dann viel Wodka getrunken, bevor er mit seinem Ritual begann. Und obwohl es so völlig anders war, als ich es erwartet hatte, war es sehr authentisch. In dem, was er tat, lag eine Wahrheit.

Auf der Reise wurde mir klar, dass ich viele materielle Dinge eigentlich gar nicht brauche.

Hat sich während der Reise das Gefühl für euch selbst verändert?

Patrick Ich habe zunächst einmal gelernt, mich wieder auf eine Sache zu konzentrieren. In unserem Alltag machen wir ja viele Dinge gleichzeitig. Auf der Reise entstand ein neuer Minimalismus: Du gehst, baust das Zelt auf, kochst, isst, schläfst und gehst weiter. Dieses Nacheinander fühlt sich sehr gesund an. Man verlässt seine alten Gewohnheiten und bekommt plötzlich eine neue Perspektive.

Gwen Ich kann jetzt Situationen besser aus der Distanz betrachten. Auf der Reise wurde mir klar, dass ich viele materielle Dinge eigentlich gar nicht brauche. Es ist aber ganz schwer, das beizubehalten. Schon während der Reise fiel mir auf, dass das Umfeld den Lebensstil stark beeinflusst. Wenn wir in eine Stadt kamen, begannen wir sofort darüber nachzudenken, welche Kleider wir trugen.

Wie seid ihr mit den Menschen in Kontakt gekommen?

Gwen Vor allem über das Trampen. Das hat erst mal einen Überraschungseffekt, die Menschen rechnen nicht mit dir. Man steigt förmlich in ein fremdes Leben ein und fährt einige Kilometer mit. Viele Menschen haben wir über Couchsurfing kennengelernt. Das ist dann organisierter und nicht ganz so spontan. Dafür ist man bei den Leuten zu Hause.

Trampen ist die größte Kulturerfahrung, die ich mir vorstellen kann.

Patrick Wir waren nicht sicher, ob es mit dem Trampen überall funktioniert. Wir wollten zunächst bis Moskau kommen und mit der Transsibirischen Eisenbahn weiterfahren. Dann sind wir aber doch weitergetrampt. Trampen ist die größte Kulturerfahrung, die ich mir vorstellen kann. Es ist so spontan, man weiß eine halbe Stunde zuvor nicht, dass man sich treffen wird.

Was habt ihr über Kommunikation gelernt?

Patrick Dass sie relativ ist. Manchmal haben wir mit den Menschen tiefgründige Gespräche geführt. Und manchmal haben wir uns nur pantomimisch verständigt oder sind mit einem Missverständnis aus dem Auto gestiegen. Vieles funktionierte über Ausstrahlung. Oder man hat zusammen gelacht, obwohl beide vielleicht gar nicht wussten, über was sie lachen. Egal wie gut die Verständigung geklappt hatte, gelohnt hat sie sich immer.

Gwen Ausstrahlung, Gestik und Mimik machen sehr viel aus, gerade wenn man nicht viele gemeinsame Wörter hat. Schwierig wurde es nur dann, wenn es den Leuten unangenehm war, dass sie sich nicht richtig verständigen konnten. Ich konnte ein wenig Russisch aus der Schule, das hat uns schon auch geholfen und natürlich Englisch. Es ist einfacher, wenn man eine gemeinsame Sprache spricht. Aber, und das war die wichtigere Erkenntnis, es geht auch ohne. In der Mongolei ist mir aufgefallen, dass Schweigen eine andere Bedeutung hat als bei uns. Da ist es völlig normal, auch mal nebeneinander zu sitzen und zu schweigen. Das wäre hier in Deutschland schwierig. Wenn wir Gäste haben und mit denen nicht sprechen würden.

Welche Rolle spielte die Natur auf eurer Reise?

Patrick Die Natur war ein ganz wichtiger Gegenpol zu den Menschen. Das hat diese Reise so ausgeglichen gemacht. Unter Leuten sein, sich im Trubel der Kulturen zu bewegen. Und dann wieder draußen sein, in der Einsamkeit, im Wald für ein paar Tage. Das war ein wunderbarer Wechsel. Nur in Indien funktionierte es nicht. In diesem Land passiert ja so viel. Da muss man nur auf die Straße gehen. Die Schwierigkeit ist, dass man hier nicht allein sein kann. Das hat wahnsinnig viel Kraft gekostet. Mit jeder Woche, die wir länger in Indien waren, kamen wir an unsere Grenzen, weil dieser Wechsel nicht mehr funktioniert hatte.

Gwen Wir wurden schon oft gefragt, ob wir nicht Angst hatten draußen. Wenn wir etwa in der Wüste gezeltet haben oder im Wald. Meistens hatte ich da weniger Angst als unter Menschen. Tokio hat mich sehr bedrückt. Und ich habe mir so viele Fragen gestellt: wie man so leben kann, ob das glücklich machen kann. Solche Fragen habe ich mir so selten gestellt, wenn wir einfach mit unserem Zelt im Wald standen. Draußen zu sein gibt mir das Gefühl der Lebendigkeit.

Ich glaube, es hat nur deswegen so gut funktioniert, weil wir unseren Rückzugsort in unserem Zelt hatten.

Wie seid ihr mit euren Kräften umgegangen?

Patrick Für mich war körperliche Anstrengung immer angenehmer als geistige Anstrengung. In Tokio bekam ich nach zwei Tagen Kopfschmerzen. Wenn du aber 20 Kilometer durch die Pyrenäen gelaufen bist und abends erschöpft am Lagerfeuer sitzt, fühlt sich das trotzdem gut an. Seinen Körper zu benutzen, ihn zu gebrauchen und ihn zu spüren. Im Wind, im Regen, in der Sonne. Es ist anstrengend, aber es macht im Grunde zufrieden. Und da konnten wir sehr weit gehen, da hatten wir eine wahnsinnige Energie. Gerade am Anfang der Reise.

Gwen Im ersten halben Jahr haben wir nur einmal Geld für eine Unterkunft ausgegeben. Das war in Tadschikistan, als Patrick Fieber bekam. Ich glaube, es hat nur deswegen so gut funktioniert, weil wir unseren Rückzugsort in unserem Zelt hatten.

Patrick Im Iran waren wir eine Zeit lang immer wieder eingeladen worden. Nach einiger Zeit wollten wir dann wieder draußen schlafen. Wir fuhren eine Weile per Anhalter. Die Familie, die uns mitgenommen hatte, wollte uns dann aber nicht aussteigen lassen. Viel zu gefährlich, sagten sie. Wir zeigten ihnen Bilder von unseren letzten Zeltplätzen. Im Iran lässt man Gäste nicht im Wald schlafen. Wir haben dann Telefonnummern ausgetauscht, und sie haben uns nachts noch mal angerufen, um zu erfahren, ob alles in Ordnung ist. Und am nächsten Morgen noch mal.

Hattet ihr nie Angst?

Gwen Meine Eltern haben mir ein gutes Urvertrauen mitgegeben. Natürlich, an der Grenze zu Pakistan haben wir uns schon gefragt: Machen wir das jetzt? Aber ich habe mich nicht als sonderlich mutig empfunden.

Patrick Wenn so eine Reise ein Prozess der ständigen Überwindung ist, dann ist es nicht gesund. Für uns war es normal. Erst recht nach ein paar Monaten, als die Reise zum Alltag wurde. Wenn man nicht mehr hinterfragt, wenn man sich morgens an die Straße stellt und weitertrampt. Mut ist ja auch eine Frage der Perspektive. Aus Deutschland mag Pakistan gefährlicher wirken, als wenn man direkt an der Grenze steht.

Von Deutschland bis nach Indien haben wir zehn Monate gebraucht. Und eigentlich ist in diesen zehn Monaten aus Deutschland Indien geworden.

Gwen Wir sind ja von zu Hause losgegangen, und die Welt hat sich Stück für Stück verändert. Es wurde Stück für Stück fremder. Es wurde Stück für Stück anders. Wir sind ja nicht von zu Hause nach Pakistan geflogen. Wir haben ja gesehen, wie sich das alles ganz langsam verändert.

Patrick Von Deutschland bis nach Indien haben wir zehn Monate gebraucht. Und eigentlich ist in diesen zehn Monaten aus Deutschland Indien geworden. Das ist ein ganz langsamer Prozess. Die Gesichter verändern sich, die Kleidung verändert sich. Man bekommt das manchmal gar nicht mit. Und wenn man dann an der Grenze zu Indien steht, dann ist für einen selbst plötzlich Deutschland kulturell viel weiter weg als Indien. Auch als Gwen schwanger wurde in Sibirien, haben wir nicht mit dem Gedanken gespielt, nach Hause zu gehen.

Gwen Das wäre ein wirklicher Kulturschock gewesen. Wir haben natürlich die Umstände angepasst und uns in Mexiko einen Bus gekauft. Dann erst, als unser Sohn Bruno etwa ein Jahr alt war, haben wir gemerkt: Jetzt zieht es uns wieder nach Hause. Als wir dann mit dem Schiff in Barcelona ankamen, haben wir der Reise noch einmal Zeit gegeben und sind drei Monate lang nach Hause gewandert. Durch Spanien, Frankreich, die Schweiz und dann nach Deutschland. Als wir dann ankamen, dachten wir: Jetzt ist es stimmig, wieder hier zu sein.