Lucia Hiemer Permakultur

Lucias großer Garten

Die Frage nach einem nachhaltigen Leben stellt sich Lucia Hiemer jeden Tag aufs Neue. In Süddeutschland betreibt sie einen Permakulturgarten und gestaltet Skulpturen aus dem Holz heimischer Wälder.

Lucia Hiemer Permakulturgarten

Hinter blassrosa Mohnblumen, gelben Dillblüten und lilafarbenen Erbsenschoten steht Lucia Hiemer in ihrem Permakulturgarten. Das 1000 Quadratmeter große Pflanzengebiet wächst und gedeiht jedes Jahr neu, so wie Lucia, die Gärtnerin, es sich nie hätte vorstellen können. „Die Natur mit ihrer Vielfalt ist wunderbar und vollkommen zugleich“, staunt sie auch nach vielen Jahren noch. Der Garten, in dem sie sich eins fühlt mit der Welt, liegt im süddeutschen Allgäu, einer grünen Hügellandschaft.

Die 45-Jährige ist Gärtnerin, diplomierte Permakulturdesignerin und Holzbildhauerin. Große Skulpturenaufträge setzt sie mit der Motorsäge um, wie etwa ein sechs Tonnen schweres Totem für eine Allgäuer Alpe, manchmal entstehen auch kleine, hintersinnig wirkende Figuren. Daneben arbeitet Lucia als Referentin für die Permakulturakademie im Alpenraum. Bei ihren Wochenendkursen kann man lernen, wie regionale Selbstversorgung für jeden möglich ist, ohne dass die Natur ausgebeutet wird.

„Das Saatgut, das wir kaufen können, kommt aus den Niederlanden, Sizilien oder Nordafrika. Das hat noch nie etwas vom Allgäuer Sommer gehört.“

Wenn sie „in der Ruhe“ ist, wie sie es nennt, wenn keine Besucher da sind, glückt ein langer Arbeitstag. Im Sommer beginnt er frühmorgens, wenn sie das selbst gebaute Baumhaus verlässt, in dem sie immer wieder übernachtet. Sobald ihre Füße die Wiese berühren, beginnt der Alltag mit ernten, Holzarbeit in der Werkstatt, Kundengesprächen, sensen, Saatgut reinigen, dem Einmachen und Konservieren von Lebensmitteln.

Nachhaltig und groß denken

1974 wird Lucia im Oberallgäu geboren. Sie wächst mit drei Schwestern und einem Bruder auf einem Bauernhof mit klassischer Milchviehwirtschaft und Futterwiesen auf. Hier lernt sie, „groß zu denken“, in Hektar statt in Quadratmetern. Das ist heute noch so: der große Garten, die großen Skulpturen und das große Haus. Mit dem Kleinen, Leichten, Mühelosen ist sie nicht verbunden. Werkstatt, Permakulturgarten und Haus bilden für sie „mein persönliches Bermuda-Dreieck“, wie sie lachend sagt.

Frau töpfert

In ihrem Zuhause hat Lucia Hiemer ihre Ziele Regionalität und Nachhaltigkeit weitgehend umgesetzt: Im Sommer ernährt sie sich von dem, was in ihrem Permakulturgarten wächst, und kauft Getreide, Kartoffeln, Eier, Milch und Wild bei einheimischen Bauern und Jägern. Das Holz, aus dem sie schnitzt, ist in benachbarten Wäldern gewachsen. Im Winter heizt sie mit Abschnitten aus ihrer Werkstatt. Strom und Warmwasser erzeugt sie mithilfe von Solarzellen auf dem großen Dach. Ihre Kleidung näht sie aus gebrauchten Stoffen selbst.

Die Pflanzen bleiben stumm

Missionarisch ist sie dabei zum Glück nicht. „Manchmal kommen Besucher zu mir, die schämen sich, weil sie einen Käse vom Discounter als Brotzeit dabeihaben“, berichtet sie. Lucia ist keine Ideologin. Sie denkt höchstens ein bisschen mehr nach als andere, bevor sie etwas tut oder kauft. Das sei auch ihre größte Schwäche, erzählt sie. Immer wieder überdenkt sie ihren Kosmos zu Hause dahingehend, ob er sich nachhaltig genug zu Menschen und zur Umwelt verhält. „Stimmt das alles so?“, fragt sie sich, wenn sie in den wilden Permakulturgarten blickt. Die Pflanzen bleiben stumm.

Das 3500 Quadratmeter große Grundstück nahe Kempten hat Lucia von ihrer Urgroßmutter geerbt. Damals wollte keiner diesen dunklen, mit Bäumen eingewachsenen Platz haben. Die damals 23-jährige Holzbildhauerin brauchte dringend Platz zum Arbeiten und für ihre Familie mit zwei kleinen Kindern. Innerhalb von vier Jahren baut sie mit ihrem Mann ein großes Wohnhaus und eine geräumige Bildhauerwerkstatt – mit Holz aus den eigenen Wäldern und Lehm aus der Region. Lucia arbeitet bis zur Erschöpfung, und als das dritte Kind zur Welt kommt, ist sie ausgelaugt. Sie macht weiter, weil sie einfach nicht anders kann. „Seit ich klein bin, will ich immer alles selbst machen und autonom sein“, erklärt sie ihr damaliges Leben.

Permakulturgarten

Mein Zuhause in fünf Zonen

Irgendwann ändert sich die Familienkonstellation. Doch ihr Kurs ist klar: Lucia will achtsam mit ihrer Umwelt umgehen, das bestimmt ihren Alltag. So redet sie, wenn sie Läuse in ihren Pflanzen entdeckt, nicht von Schädlingen. Auch große Löcher, die die Schnecken aus dem Salat gefressen haben, regen sie nicht auf. Was hilft, ist eine andere Denkweise: „Bei mir gibt es keine Unterscheidung zwischen Nützlingen und Schädlingen, Nutzpflanzen oder Unkraut. Jedes Leben hat seine Berechtigung und Aufgabe.“

Gerade bereitet sie auf der Holzveranda Himbeerblätter für die Fermentation vor, für Tee. Geübt reibt sie die Blätter gegeneinander, bis schließlich die Zellwände aufgebrochen sind. Anschließend besprüht sie sie mit warmem Wasser. Im Garten existiert eine Vielzahl von Lebewesen, die für Lucia alle gleichberechtigt sind, sie selbst inbegriffen.

Und während sie die Himbeerblätter ganz fest in ein Leinentuch einwickelt, erzählt sie: „Ich habe fünf Zonen hier. Zone 1 ist mein Haus, Zone 2 sind die Kräuter, das Feingemüse und die Kompostanlage, zu Zone 3 gehören der Obstgarten, die Beeren und meine Mähwiesen, Zone 4 umfasst die Wildobsthecke und die Teekräuter, und die fünfte gehört der Wildnis. Das ist alles mein Zuhause.“ Hier versucht sie im Kreislauf zu wirtschaften. Zum Beispiel verfallen die Holzspäne aus der Werkstatt auf den Gartenwegen über die Jahre zu Humus. Der Grünschnitt von den Wiesen bedeckt die Beete. Wer so mulcht, muss eher selten gießen, harken oder jäten. Energisch rollt sie das Leintuch zusammen und packt diese Rolle in ein Glas mit geringem Durchmesser.

Permakulturgarten

Der Permakulturgarten füllt die Speisekammer

Zwei Tage lang müssen die Himbeerblätter in der Sonne stehen, bis sie fermentiert sind. Im Geschmack gleichen sie dann Schwarztee, enthalten im Gegensatz dazu jedoch kein Teein. Der Name Lucia stammt vom lateinischen lux (Licht). Auch der Engel Luzifer heißt in einfacher Übersetzung „Lichtbringer“. Von seiner Geschichte ist Lucia Hiemer fasziniert. Wie die Menschen mit dem Globus umgehen, hängt ihrer Meinung nach damit zusammen. Nicht umsonst hat sie eine große Gaiafigur aus Holz gehauen und ihr einen Ehrenplatz gegeben.

Vor etwa 30 Jahren, schätzt Lucia, hat sie das letzte Mal „Fast Food“ gegessen und einen Discounter betreten. Mit der Ernte aus dem Permakulturgarten füllt sie ihre Speisekammer. Kompott, Sauerkraut, Marmeladen, passierte Soßen, Tees, Trockenbohnen, Kräutersalz und Apfelsaft bringen sie durch den Winter. Mit etwa 300 Gläsern und Flaschen schließt Lucia ihr Gartenjahr ab. Ihr Lohn ist die Freiheit von den Einkaufsgewohnheiten der Konsumgesellschaft. „Wenn im Winter zwei Meter Schnee rund um mein Haus sind und meine Speisekammer ist rammelvoll, ist das Freiheit für mich.“

Permakulturgarten

 

Pflanzen von unten

Saatgut aus dem eigenen Permakulturgarten

Ihren guten Ertrag erklärt Lucia mit alten Gemüsesorten, deren Saatgut sie selbst zieht. Früher war das bei viele Bauern üblich, weil sie kein Geld für den Kauf von Samen hatten. Lucia hat sich von Hybridsorten verabschiedet, die man nicht selbst vermehren kann und die für Krankheiten anfällig sind. Die alten Sorten dagegen sind robust und gewöhnt an das raue Klima der Gegend. Und obwohl Lucia normalerweise weltoffen und herzlich ist, wird sie bei diesem Thema strikt: „Das Saatgut, das wir kaufen können, kommt aus den Niederlanden, Sizilien oder Nordafrika. Das hat noch nie was vom Allgäuer Sommer gehört.“

Ihre eigenen Samen sind inzwischen schon die Kindeskinder der kräftigsten Pflanzen, die in ihrem Garten gewachsen sind. Für den Handel auf Saatgutfestivals hat sie kleine braune Papiertüten mit Tusche beschriftet. 120 Aufkleber lesen sich wie ein Panoptikum vergessener Pflanzen: Anisysop, Speise-Chrysantheme, kroatischer Winterhäupl, Gemüsemalve, Stangenbohne „Blaue Meerbarbe“, Trockenbohne „Schwarze Kugel“, Puffbohne, Mohrenhirse, rotsamige Saubohne, Streifenbohne. Am besten verkauft sie winterharte, frostfeste Saaten, darunter auch Spinat, Blumenkohl und Erbsen.

„Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute kaufen mit einem Kunstwerk von mir ein Stück Freiheit, die sie selber nicht leben können.“

Macht ein Kunstwerk ein bestimmtes Geräusch? Wenn es fertig ist, dann steht es stumm da und will gesehen werden. Wenn Lucia das Schnitzeisen mit dem Klüpfel ins Eichenholz schlägt, klingt es sogar meditativ. Anders als viele freischaffende Künstler mag sie Aufträge: „Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute kaufen mit einem Kunstwerk von mir ein Stück Freiheit, die sie selber nicht leben können.“

Frei sein, um zu lernen

Im April bricht Lucia auf, um ein Jahr lang auf Wanderschaft zu gehen und internationale Permakulturprojekte zu besuchen. Zu Fuß und per Anhalter möchte sie nach Italien, Kroatien, Slowenien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Georgien und bis nach Pakistan reisen. Mit 45 Jahren will sie wieder frei sein, um zu lernen.

Garten und Gartenhaus

Dieser Beitrag ist erschienen in Werde 01 / 2020
Text: Julia Seidl  Foto: Stefan Rosenboom