Werde-Magazin_Normandie

Ein Hof in der Normandie

Perrine und Charles Herve-Gruyer geht es gut, trotz mehr als 70 Wochenstunden Arbeit. Sie leben ihren Traum in der Normandie und zeigen, wie das Prinzip Permakultur aktuelle Krisen bewältigen könnte.

Die „Ferme du Bec Hellouin“ ist ein kleiner Obst und Gemüsebetrieb. Doch dort wuchert es wie in einem Urwald: An Apfelbaumen schlängelt sich Wein empor, Tomaten reifen über purpur leuchtendem Basilikum, und Bohnenranken umschlingen Mais, an den sich Kartoffeln drängen. Das Stück Land, das mitunter so wirkt, als wäre es sich selbst überlassen, gilt als Vorzeigebetrieb: Er dient rund 80 Prozent aller Mikrofarmen, die sich zurzeit in Frankreich gründen, als richtungsweisend. Denn auf dem Hof wird Erstaunliches geschafft: „Eine Arbeitsstunde auf unserer Farm wirft doppelt oder dreimal so viel Verdienst ab wie auf konventionell bewirtschafteten Höfen“, sagt Charles Herve-Gruyer.

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Hohe Erträge ohne Monokulturen

Dabei arbeiten er, seine Frau und zwei Angestellte fast ausschließlich mit natürlichen Mitteln. Sie verzichten auf Kunstdünger und Agrargifte und weitgehend auch auf den Einsatz von Motoren. Wo sollte ein Traktor hier auch fahren? Der dicht bewachsene Boden bietet schlichtweg keinen Platz für die breiten Reifen. Außerdem lassen sich die ineinander verschachtelten Pflanzen nur mit den Händen packen und nicht mit Erntemaschinen. Die Pumpe für die Bewässerung im Gewächshaus läuft leise und mit Ökostrom.

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„Mit unserer Farm wollen wir zeigen, dass es möglich ist, eine wachsende Bevölkerung zu ernähren und gleichzeitig den Planeten zu heilen“, erläutert der Landwirt. Die Farm des Franzosen ist intensiv bewirtschaftet, genau wie die Felder der industriellen Landwirtschaft, und bringt hohe Erträge. Doch auf den Äckern und Beeten der Herve-Gruyers wachsen keine Monokulturen. Ihre Form der Landwirtschaft fordert die Artenvielfalt, macht den Boden fruchtbar und filtert das Klimagas CO2 aus der Luft.

Unterwegs auf den Weltmeeren

Dabei ging es Charles Herve-Gruyer in erster Linie darum, einen Traum zu verwirklichen, als er die Farm im Jahr 2006 gründete. „Als Erzieher war ich viele Jahre lang auf den Weltmeeren unterwegs“, erzählt er. „Die Reisen mit dem Segelschiff waren Teil eines offiziellen Bildungsprogramms, an dem Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Welt teilnahmen. In Gruppen von zehn Jugendlichen stachen wir jeweils für die Dauer eines Schuljahres in See.“ Unterricht fand an Bord nicht statt. Vielmehr halfen die Schülerinnen und Schüler bei der täglichen Arbeit und nahmen Kurs auf die Naturvölker, um zu verstehen, wie es ihnen gelingt, im Einklang mit ihrer Umwelt zu leben. „Das ist eine Fähigkeit, die wir westlichen Menschen nicht so gut beherrschen“, sagt Charles Herve- Gruyer, der auf seinen Reisen insgesamt 80 Dokumentarfilme drehte, die Lehrer heute noch als Schulungsmaterialien einsetzen.

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Für ein paar Monate waren die 12- bis 16-jährigen Schülerinnen und Schüler in den Familien der Aborigines Australiens untergebracht, bei den Indianerstämmen am Amazonas oder den Naturvölkern Asiens und Afrikas. „Das war ein großes Risiko, denn der nächste Arzt war oft viele Tagesreisen weit entfernt“, berichtet Charles Herve-Gruyer. „Unsere Gastgeber fühlten sich aber immer für ihre weißen Schutzbefohlenen verantwortlich und waren stolz darauf, für sie sorgen zu dürfen. Während all dieser Zeit kam es zu keiner einzigen Auseinandersetzung mit den indigenen Völkern.“ Die Spiritualität der Indianer, die den Menschen als Teil der Natur begreift, beeindruckte den ehemaligen Seefahrer tief, wie er erzählt, und weckte den Wunsch, so zu leben wie sie: umgeben von Pflanzen und Tieren und in Harmonie mit den Menschen, aber zu Hause in Frankreich.

Der Wald als Vorbild

Mit der Gründung der Farm kam er der Verwirklichung dieses Wunsches ein gutes Stück näher. Die Farm, auf der die Pflanzen über- und ineinander wuchern und selbst im Gewächshaus neben den Tomaten Wein und Kürbissen emporranken, um keinen Platz zu verschwenden, ist nach den Prinzipien der Permakultur bewirtschaftet. Diese haben die Australier Bill Mollison und David Holmgren entwickelt, wofür sie 1981 den alternativen Nobelpreis erhielten.

„Als wir anfingen, die Farm zu betreiben, wurden diese Prinzipien meist nur in Klein- oder Gemeinschaftsgärten angewendet“, erläutert Charles Herve-Gruyer. „Wir haben erprobt, ob sich das Konzept auch für den professionellen Biolandbau eignet. Wir bauen so platzsparend an, dass 1000 Quadratmeter ausreichen, um einen Arbeitsplatz zu finanzieren“, erklärt er. „Im herkömmlichen Bioanbau ist dazu ein ganzer Hektar nötig, also das Zehnfache.“ Im Gewächshaus rupft Perrine Herve- Gruyer die Triebe eines üppig wuchernden Kürbisses aus. „Als Vorbild gilt uns ein natürlicher Wald. Dort leben viele Tiere und Pflanzen, die mehrere Funktionen haben und miteinander in Wechselwirkung stehen.“

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Vollzeit-Bäuerin

Die Landwirtin schiebt eine Karre voller Triebe und Blä  tter in den Hühnerstall, der sich direkt im Gewächshaus befindet. „Die Pflanzen bringen nicht nur Früchte hervor, die wir verkaufen. Vielmehr sind die Pflanzenabfälle auch Futter für unsere Hühner. Sie legen Eier für uns, aber das ist nicht alles. Sie machen auch Kompost, den ich auf die Pflanzen häufle. Das führt zu einem guten Wachstum und hohen Ertragen“, erklärt die Landwirtin.

Wie ihr Mann war auch sie bereits in einem anderen Beruf erfolgreich: Als Juristin hat sie früh Karriere gemacht und leitete die Rechtsabteilung eines großen Unternehmens in Asien. Doch „das viele Sitzen vor dem Computerbildschirm machte mir zu schaffen“, erzählt sie. „Es bewirkte ein Gefühl der Sinnlosigkeit.“ Die Französin kehrte in ihre Heimat zurück, lies sich als Psychotherapeutin ausbilden und veröffentlichte ein Buch mit Entspannungsmethoden für Familien. In diese Zeit fiel auch die Gründung der Farm. „Ursprünglich wollte ich meinem Mann nur etwas bei der Landarbeit helfen und mich beruflich anders orientieren, aber inzwischen bin ich Vollzeit-Bäuerin“, erzählt die temperamentvolle Frau. „Ich befürchtete, dass ich der Landwirtschaft schnell überdrüssig werden wurde. Doch weit gefehlt. Diese Arbeit ist zwar körperlich anstrengend, doch sie fordert auch den Intellekt.“

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Kreislaufwirtschaft

Viel Wissen ist nötig, wenn es gelingen soll, den Kreislauf natürlicher Ökosysteme nachzuahmen. „Ich beobachte das Zusammenspiel von Pflanzen und Tieren, denn es ist standortbedingt“, erklärt Perrine Herve-Gruyer. „Jedes Jahr entwickle ich neue Kombinationen, nach denen ich die Pflanzen anordne. Arbeit nach Schema F funktioniert nicht.“ „Wenn wir der Natur mehr über die Schulter schauten, würde es gelingen, unser ganzes Zusammenleben umweltfreundlich und gerecht zu gestalten“, sagt die ehemalige Rechtsanwältin.

Als Beispiel nennt sie die Kreislaufwirtschaft. Denn dort gilt wie in der Natur: Die Abfälle des einen sind die Ressourcen des anderen. „Ich würde gerne zeigen, dass die Grundsätze der Permakultur auch in Unternehmen funktionieren, indem sie dort zu flachen Hierarchien führen und einer Steigerung der Gewinne“, erläutert Perrine Herve- Gruyer. Das sei zwar noch Zukunftsmusik, doch stehe sie schon mit einigen Firmen in Kontakt.

Der innere Antrieb

Im Sommer beginnt das Bauernpaar um 5.30 Uhr mit der Arbeit. Feierabend ist gegen 19 Uhr. „Ich habe schon immer gerne viel geleistet“, erzählt die Bio-Bäuerin. Trotzdem ist es manchmal zu viel. „Vor ein paar Jahren haben wir uns beide im Krankenhaus wiedergefunden“, sagt Charles Herve-Gruyer in seinem Arbeitszimmer. Dort schreibt der Franzose an einem Buch, das am Ende 800 Seiten umfassen wird. „Es soll unser gesamtes Wissen enthalten und eine Anleitung sein für alle, die von den Prinzipien der Permakultur, die wir weiterentwickelt haben, profitieren wollen“, erläutert er. „Unser Betrieb zieht weltweit Agrarwissenschaftler an. Außerdem veranstalten wir an 60 Tagen im Jahr Fortbildungen. Wir haben etwas herausgefunden, das für andere nützlich sein kann, deshalb empfangen wir sehr viele Menschen.“

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Er hofft, dass ihn sein Buch aus dieser Pflicht entbinden wird. In guten wie in schlechten Zeiten vergisst der Bauer nicht, was ihn tief im Inneren antreibt: der Wunsch, in der Normandie so zu leben wie ein Indianer. Jeden Nachmittag im Sommer ist er mit seiner Frau und der jüngsten Tochter zum Baden am Teich verabredet. Dort steht ein Kanu. Ein originales Indianerboot.