Biodynamischer Anbau

„Für uns ist der Boden ein Lebewesen“

Im biodynamischen Landbau versteht man den Boden als einen eigenen Organismus.  in Kursen  erklärt Bäuerin Waltraud Neuper, was das für die Arbeit im eigenen Garten bedeuten kann.

Biodynamischer Anbau

Worin liegen die Unterschiede im konventionellen, bio und biodynamischem Landbau?
Waltraud Neuper Vor allem ist das Grundverständnis vom Boden als Basis des Landbaus ein anderes. Der konventionelle Landwirt sieht ihn eher als Produktionsmittel, als Materie, aus der es den Nutzen zu erzielen gilt. Der Biobauer begreift den Boden als lebendig und will ihn auch so erhalten. Wobei er diese Lebendigkeit als die Summe der im Boden aktiven Lebewesen versteht. Für den Biodynamiker dagegen ist der Boden ein Lebewesen. Das ist eine noch etwas andere Haltung, die für viele Menschen schwer zu verstehen ist.

Worin äußert sich diese Haltung?
Waltraud Neuper Wir verstehen den Boden als einen Organismus, also ein in sich lebendiges Ganzes. Es geht uns darum, diese Lebendigkeit zu erhalten und sogar zu verbessern, indem wir natürliche Präparate wie Hornmist, der aus Kuhdung besteht, oder Hornkiesel aus zermahlenem Quarz ausbringen. Auch Kompost wird mit Präparaten aus bestimmten Heilpflanzen unterstützt. So können später die Lebens- und Heilmittel, die wir aus dem Boden gewinnen, auch positiv auf uns wirken.

 

„Oben auf dem Wall ist die Erde entlang der Linie tief gelockert. Dort hinein werden die Ackerfrüchte gesät.“

 

Wie vermitteln Sie Teilnehmern ihrer Kurse dieses Verständnis?
Waltraud Neuper Vor allem über konkrete Erfahrungen. Wir gehen mit Grundschülern aufs Feld und machen einen ganz einfachen Versuch: Einen Quadratmeter dürfen sie mit Geräten wie Harken und Fräsen, die auch im Biolandbau zum Einsatz kommen, ganz fein bearbeiten. Einen dürfen sie plattstampfen. Und einer liegt als Dammkultur da, wie sie auf biodynamischen Feldern vorkommt. Also mit rund 30 Zentimeter hohen Erdwällen, an deren Flanken Pflanzen in bestimmtem Maße mitwachsen. Oben auf dem Wall ist die Erde entlang der Linie tief gelockert. Dort hinein werden die Ackerfrüchte gesät. Für den Versuch aber gießen wir einfach auf die drei verschieden bearbeiteten Flächen die gleiche Menge Wasser und fragen: Welche nimmt das Wasser am besten auf?

Man würde vermuten, die intensiv umgegrabene?
Waltraud Neuper Das denken die meisten. Das Erstaunen ist dann groß, wenn das Wasser dort nicht so gut eindringt, der Boden verschlämmt und ein Teil des Wassers abfließt. Beim verdichteten Boden fließt fast alles ab, ohne in den Boden zu dringen. Die Wälle der Dammkultur aber saugen es förmlich auf. Das zu sehen, ist für die meisten ein großes Aha-Erlebnis.

 

„Ganz wichtig ist, dass man die Erde nicht umgräbt, sondern nur anhäufelt.“

 

Wer belegt Ihre Kurse?
Waltraud Neuper Im Prinzip jeder, der Interesse am biologisch-dynamischen Landbau hat. Das sind neben den Bauern auch Lehrer, Ärzte, Eltern… – Menschen, die unsere Erkenntnisse einfach für ihren Garten nutzen wollen. Dabei arbeiten wir mit dem Ökologischen Institut der Universität für Bodenkultur in Wien zusammen, mit dem wir auch in einzelnen Forschungsprojekten zusammenarbeiten, um Zusammenhänge im biodynamischen Landbau wissenschaftlich zu durchdringen.

Was machen Sie mit den Dämmen, dass die etwa bei der Wasseraufnahme so effektiv sind?
Waltraud Neuper Das ist ja das Erstaunliche: Wenn sie einmal da sind, machen wir nicht viel. Oben auf dem Damm wird die Erde mit einfachen Geräten wie dem Sauzahn nur geschlitzt oder gelockert, um zu säen. Und an den Seiten sorgt das vermeintliche Unkraut – wir haben da oft auch Spinat, Phacelia oder Buchweizen – dafür, dass der Boden bei Regen nicht erodiert. Der Regen nimmt also von der Bodensubstanz um unsere Ackerpflanzen nichts weg. Stattdessen hat er an solch einem Damm mehr Oberfläche, um einzusickern. Überflüssiges Wasser kann über die Rinnen zwischen den Dämmen gut abfließen.

biodynamischer Anbau

Und das kann ich in meinem heimischen Gemüsebeet genauso anwenden?
Waltraud Neuper Natürlich, allerdings braucht man passendes Werkzeug: einen Sauzahn und eine gut schneidende Hacke – wie etwa die Japanische Sichelhacke. Ganz wichtig ist, dass man die Erde nicht umgräbt, sondern nur anhäufelt. Und dass man auch im Winter begrünt, also etwa Winterroggen einsät, den man dann im Frühjahr nicht einhackt, sondern einfach am Wurzelhals mit der Sichelhacke abschneidet, die Blätter als Bedeckung liegen lässt und die Sommerfrucht einsät oder setzt. Das ist weniger Kraft-Arbeit und dank der Höhe des Damms noch dazu rückenfreundlich. Ich kann alles auf Dämmen säen. Wenn ich die Dämme versetze, brauche ich auch keine Fruchtfolge beachten. Eine Bewässerung ist dank der Dammkultur unnötig.

Zur Person
Waltraud Neuper, studierte Philosophie und gibt Kurse am gemeinnützigen Verein zur allgemeinen Förderung des biologisch-dynamischen Landbaues in Österreich (LFG) und Bäuerin auf einem biologisch-dynamischen Hof in der Steiermark.