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„Es ist sehr erfüllend, so zu leben“

Wie einfach ist Selbstversorgung? Marie Diederich hat sich beigebracht Gemüse anzubauen, haltbar zu machen oder Käse herzustellen. Sie sagt: „Man muss einfach anfangen.“

Schon als Kind baute sie ihr eigenes Gemüse auf der Dachterrasse ihrer Eltern an. Heute stellt Marie Diederich möglichst viel von dem, was ihre Familie isst, selbst her. Wir sprechen mit ihr über den Wert von gutem Essen, regionale Strukturen und wie wichtig es ist, früh einen Bezug zur Natur zu entwickeln.

Erzähl zu Anfang gerne ein paar Sätze zu deiner Arbeit und dir.
Marie Diederich Ich versuche möglichst viel von dem, was meine Familie isst, selbst herzustellen. Die Selbstversorgung ist für uns also vor allem ein kulinarisches Projekt. Wir haben einen großen Gemüsegarten und viele Obstbäume, backen unser eigenes Brot, haben Hühner für Eier und Ziegen, die wir für Fleisch, Milch, Käse, Joghurt und Butter halten. Es gibt kein Siegel, das meinen ethischen und ökologischen Werten entspricht – dann mache ich es lieber selbst.

Vor drei Jahren habe ich angefangen, mein Wissen in Onlinekursen zu teilen und auf meinem Blog Wurzelwerk zu veröffentlichen. Mittlerweile lesen das sehr viele Menschen und inzwischen ist es mein Beruf geworden, anderen zu zeigen, wie sie ihr Essen anbauen können. Es ist sehr erfüllend, so zu leben – einerseits kann ich im Garten machen, was ich möchte und habe dieses ganze gute Essen, andererseits kann ich zeigen, wie das funktioniert und mein Wissen weitergeben.

Gab es ein besonderes Ereignis, das dich dazu gebracht hat, dich mit Selbstversorgung auseinanderzusetzen?
Marie Diederich Nicht wirklich, ich habe schon als Kind Gemüse auf der Dachterrasse meiner Eltern angebaut und mir mit meinem ersten Taschengeld ein Buch über Selbstversorgung gekauft. Zu meinem zwölften Geburtstag habe ich mir Ziegen gewünscht und diese auch bekommen, und so hat sich das immer weiter entwickelt. Als mein Sohn geboren wurde, ist mir noch mal viel klarer geworden, dass es extrem wertvoll ist zu wissen, was man isst, und dass ich ihm nur gute Dinge auftischen möchte: Das hat mich angespornt, das Ganze noch mal auf ein anderes Level zu heben.

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Also hattest du eine naturnahe Kindheit?
Marie Diederich Ja, das hat mich auf jeden Fall geprägt. Ich weiß noch, wie ich bei meiner Großmutter in den Saatguttütchen gewühlt habe, weil mich das so fasziniert hat, und bei meinen Nachbarn den Hühner- und Ziegenstall ausgemistet habe.

Hängt der Wunsch, sich selbst zu versorgen, mit dem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung zusammen?
Marie Diederich Ja und Nein. Selbstversorgung kann auch ein Eremitendasein sein, in dem man sich abkapselt, und das bedeutet es für mich überhaupt nicht. Ich finde, dass es viel mehr mit Vernetzen zu tun hat – auch, was das Wissen und regionale Strukturen angeht. Wir bauen beispielsweise kein Getreide selbst an, weil das viel zu aufwendig wäre, und kaufen es stattdessen von Höfen in der Nähe. Das ist Selbstversorgung auf einer regionalen Ebene.
Es hat für mich nicht nur etwas mit mir selbst zu tun, sondern viel mit Verbindung, dem Drumherum, den Anderen. Aber in dem Sinne, dass man selbst entscheiden kann, was man isst, wo das herkommt, wie das hergestellt wurde, hat es schon sehr viel mit Selbstbestimmung zu tun.

Gab es einen Rat, den du dir gewünscht hättest, als du mit der Selbstversorgung begonnen hast?
Marie Diederich Ich dachte, es wäre unglaublich schwer, an den Punkt zu kommen, an dem wir jetzt sind. Ich dachte, das schaffe ich, wenn ich siebzig Jahre alt und eine weise Frau bin und ich hätte mir gewünscht, dass mir einfach mal jemand sagt „hey, du kannst das schaffen, auch innerhalb von wenigen Jahren. Das ist alles nicht so kompliziert und du kannst dir viel mehr zutrauen, als du es am Anfang vielleicht denken magst“. Viele träumen und kommen nie ins Tun. Und es ist wirklich nicht so kompliziert, wenn man einfach mal macht.

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Mit der Natur arbeiten, statt gegen sie, ist einer der Leitsätze der Permakultur. Wendest du dieses Prinzip auch in deinem Garten an?
Marie Diederich Permakultur ist ein ganz allumfassendes Konzept, eigentlich mehr eine Art zu denken, und kann ganz unterschiedlich aussehen. Ich verwende viele Elemente aus der Permakultur in unserem Garten, arbeite mit Mischkultur und Tieren und versuche, immer alles miteinander in Verbindung zu bringen. Unsere Hühner sind nicht nur für Eier da, sondern fressen auch Schnecken und sorgen für guten Kompost, so spielt alles zusammen. Wir verfolgen nicht die klassische Permakultur, aber ich habe nach und nach mein eigenes System entwickelt, mit dem wir ohne viel Aufwand wirtschaften können. Wir müssen zum Beispiel kaum noch gießen oder Unkraut jäten.

Wie viel eurer Ernte wird direkt gegessen, wie viel wird verarbeitet und haltbar gemacht?
Marie Diederich Ungefähr ein Drittel bis die Hälfte machen wir haltbar. Wir ernten auch im Winter noch viel und achten darauf, dann noch frische Sachen essen zu können, weil es langweilig ist, nur Eingekochtes zu haben. Dort, wo jetzt die Gurken stehen, wächst zum Beispiel schon der Feldsalat, der den Platz ganz für sich nutzen kann, sobald die Gurken abgeerntet sind. Es ist wichtig, im Sommer schon für den Winter vorzusorgen und rechtzeitig an die Aussaaten zu denken.

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Habt ihr schon einmal daran gedacht, die Ernteüberschüsse zu verkaufen?
Marie Diederich Alles, was man haltbar machen kann, machen wir haltbar. Überschüsse, die man nicht haltbar machen kann, beispielsweise Salat, haben wir auch. Ich würde nicht versuchen, möglichst viel anzubauen, um es zu verkaufen. Es gibt aber einen Laden in der Nähe, zu dem wir solche Dinge bringen und das, was wir davon einnehmen, spenden wir an Initiativen in der Nähe. Ich finde es schön, unser Projekt klein zu halten und habe keine Pläne, einen Marktstand oder ähnliches aufzumachen. Unser Garten ist schon ein Hausgarten.

Wie fördert ihr das Bodenleben in eurem Garten?
Marie Diederich Wir haben noch nie umgegraben. Wir legen Beete mit Kompost an, der ist gut für das Bodenleben und fördert die Struktur. Egal, ob man sehr schweren oder sehr sandigen Boden hat, Kompost hilft immer, die Bodenstruktur zu verbessern. Außerdem mulchen wir sehr viel. Das ist toll, um schnell sehr fruchtbare Beete zu haben, die unkrautfrei sind und bereits im ersten Jahr gute Erträge abwerfen.

Wir achten immer darauf, dass der Boden bewachsen ist – im Zweifel mit Gründüngung, aber lieber mit Sachen, die man auch essen kann. Bevor man die Beete brach liegen lässt, sollte man immer etwas einsäen, das ist für das Bodenleben viel besser. Viele denken `ich gönne dem Boden mal eine Ruhepause über den Winter´, aber der Boden möchte nicht brach liegen, sondern viel lieber bewachsen sein. Der Bewuchs schützt den Boden vor Erosion, unterdrückt Beikräuter und lockert ihn auf natürliche Weise.

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In deinem Artikel zum pflegeleichten Gemüsegarten erwähnst du den Aussaatkalender von Maria Thun.
Marie Diederich Das ist der Aussaatkalender, an dem sich Demeter-Betriebe orientieren. Er ist eingeteilt in Blütentage, Blatttage, Wurzeltage und Fruchttage. Maria Thun hat die Beobachtung gemacht, dass Radieschen, die man an einem Wurzeltag sät, viel dickere Knollen haben als an einem Blatttag. An einem Blatttag haben sie dafür viel mehr Blattmasse.

Ich habe das Gefühl, dass das einen riesigen Unterschied macht und glaube fest daran, deshalb verwende ich ihn. Es ist auch einfacher, wenn ich alle Wurzelgemüse, die ich von Anfang bis Mitte April säen will, an nur einem Tag säe. So wird nebenbei auch die Arbeit strukturiert. Wenn es irgendwie geht, orientiere ich mich also an ihrem Kalender. Aber wenn es gar nicht passt, weil zwei Wochen lang kein Wurzeltag kommt und ich weiß, die müssen in die Erde, ist es halt so.

Was war mühsamer als erwartet und was besser, als gedacht?
Marie Diederich Mozzarella zu machen ist so schwierig! Die ganze Milchziegensache ist lange nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte. Wir hatten mal sehr liebe Ziegen, die man ohne Probleme melken konnte, aber jetzt haben wir zwei, die es noch gar nicht gewohnt sind. Deshalb müssen wir erstmal das Vertrauen aufbauen und die Tiere dazu bekommen, dass sie sich melken lassen. Das ist ein sehr langwieriger Prozess.

Es ist auch sehr aufwendig: Ich mache jeden Abend zwei, drei Stunden Käse, Butter und so weiter. Einerseits bekommen wir so sehr reichhaltige, wertvolle Lebensmittel, sodass ich finde, dass es sich lohnt, aber es ist wirklich aufwendig und das hätte ich mir anfangs nicht so vorgestellt.
Dagegen funktioniert im Garten alles besser und es ging viel schneller, uns selbst zu versorgen, als ich dachte. Wenn man die richtigen Techniken hat, ist es außerdem viel weniger Arbeit, als man am Anfang vielleicht denken mag.

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Wie lange dauerte es, bis der Garten gute Erträge gebracht hat?
Marie Diederich Es hat anfangs nur etwas gebraucht, weil ich noch nicht die Techniken kannte die ich jetzt verwende, aber dieses Jahr sind wir umgezogen, der Garten ist frisch angelegt und war noch nie so ertragreich. Irgendwann hat man es einfach raus.

Du hast vorhin schon deinen Sohn erwähnt. Was möchtest Du ihm mit auf den Weg geben?
Marie Diederich Ich finde es super wichtig, dass Kinder lernen, dass man mit der Natur arbeitet anstatt gegen sie und dass sie einen Bezug zur Natur entwickeln. Viele Kinder wissen nicht mehr, dass Kartoffeln unter der Erde wachsen oder wie eine Salatpflanze aussieht. Wie sollen sie sich darum kümmern, was mit unserem Planeten geschieht, wenn sie einfach nie Kontakt dazu hatten?
Deshalb finde ich es sehr wertvoll, meinem Sohn mitzugeben, dass er damit aufwächst und den Wert – den wahren Wert – von Lebensmitteln kennt. Nicht den Spottpreis aus dem Supermarkt, sondern was es wirklich bedeutet, bis alles auf dem Tisch landet. Dass er die Geschichten dahinter kennt und Spaß daran hat, draußen an der frischen Luft zu sein.

Was kannst du von deinem Sohn lernen?
Marie Diederich Diese Hingabe, die er hat. Das ist etwas, was ich sehr faszinierend finde und von dem ich mich gerne anstecken lasse. Wenn er dann draußen arbeitet, ist er von ganzem Herzen dabei. Er ist immer neugierig und möchte Sachen verstehen, wissen und neue Sachen lernen.

Was liegt dir besonders am Herzen?
Marie Diederich Wenn man Lust hat, mehr Richtung Selbstversorgung zu gehen, sollte man das auf jeden Fall angehen – und zwar nicht erst nächsten Frühling oder es weiter vor sich herschieben, sondern jetzt. Es gibt so viele Möglichkeiten und Selbstversorgung kann so unterschiedlich aussehen. Ich möchte Mut machen, in die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und es einfach anzupacken.

Zur Person:
Gemeinsam mit ihrer Familie ist Marie Diederich auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben im Einklang mit der Natur. Sie möchte Selbstversorgung so einfach wie möglich machen und teilt ihr Wissen dazu auf ihrem Blog Wurzelwerk und in Onlinekursen.