Foodsharing-Café Raupe Immersatt

„Lebensmittel müssen wieder wertvoll werden“

„Raupe Immersatt“ in Stuttgart ist das erste Foodsharing-Café Deutschlands. Lebensmittelretter sorgen dafür, dass sich hier jeder kostenlos Obst und Gemüse, Brot und andere Dinge aus dem Fairteiler-Schrank nehmen kann – Lebensmittel, die sonst auf dem Müll gelandet wären. Nur für die Getränke muss man bezahlen. Und zwar so viel, wie man selbst für richtig erachtet. Wir haben mit Maximilian Kraft und Katrin Scherer vom Verein „Raupe Immersatt“, der das Café betreibt, über das ungewöhnliche Konzept gesprochen. Und darüber, warum es wertvoller ist, in den Köpfen der Menschen etwas zu bewegen als jeden einzelnen geretteten Salat als Erfolg zu verbuchen.

Raupe Immersatt

Foodsharing-Café Raupe Immersatt

Maximilian, wie bist Du vom Studenten zum Vollzeit-Lebensmittelretter geworden?
Maximilian Kraft Das Foodsharing habe ich über einen Freund kennengelernt, der die Initiative in Stuttgart mit aufgebaut hat. Die Idee ist 2012 in Berlin entstanden und hat nach und nach weitere Städte erreicht. Ich bin 2013 zu Foodsharing gekommen, weil ich es unglaublich faszinierend finde, selbstwirksam zu sein  – also etwas tun zu können, bei dem man sofort eine Veränderung spürt. Es ist nicht nur eine abstrakte Idee.

Man geht tatsächlich zu einer Bäckerei, rettet zehn Bäckerkisten und weiß: Die landen jetzt nicht im Müll, sondern man kann sie verteilen. Das ist sehr direkt und einfach. Für mich war das eine gute Ergänzung zum Studium, das eher abstrakt war. Das Foodsharing-Engagement gibt mir persönlich sehr viel.

Wann sind daraus der Verein „Raupe Immersatt“ und das Café entstanden?
Maximilian Kraft
Nach drei Jahren Engagement für Foodsharing bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass dieses ständige ‚Retten-Retten-Retten‘ nur die Symptome bekämpft. Wir haben über die Foodsharing-Plattform zwar immer wieder Bildungs-AGs und Auftritte organisiert und konnten darüber viele Menschen für die Idee an sich sensibilisieren. Aber wir kamen nie an die Frage heran, warum so viel weggeworfen wird. Ich wollte damit mehr in die Öffentlichkeit und dafür sorgen, dass mehr Menschen von Foodsharing erfahren. Sonst bleibt das eine Blase, von der man mal gehört hat. Mit dem Café „Raupe Immersatt“ wollen wir Foodsharing ins kollektive Bewusstsein holen.

„Viele haben gesagt, unser Konzept klappt nie im Leben. Aber wir beweisen jetzt seit eineinhalb Jahren, dass es sehr gut funktioniert.“

Wie finanziert sich das Foodsharing-Café?
Maximilian Kraft Uns fünf Gründer*innen war von Anfang an klar, dass das nicht nur ein Ehrenamt sein kann, sondern dass sinnstiftende Arbeit auch bezahlt werden soll. Wir wussten, das wird ein Riesenprojekt. Wir müssen 100 Prozent dafür geben. Dabei hatten wir auch immer wieder großes Glück: Über eine Crowdfunding-Kampagne war schnell ein Startkapital da. Es gab deutschlandweit Menschen, die uns Geld dafür gegeben haben. Und das, obwohl wir gar kein Produkt anbieten, sondern ein lokales Café betreiben wollten.

Mit dem Startkapital konnten wir uns auf die Suche nach einem passenden Ort für das Café „Raupe Immersatt“ machen. Das war leider sehr schwierig und hat sich lang hingezogen. Wir haben etwa 40 Räume in zwei Jahren besichtigt – aber die meisten Vermieter*innen hatten kein Vertrauen in unser Projekt. Oder der Raum hat die erforderlichen Auflagen nicht erfüllt.

Nach zwei Jahren Suche waren wir an einem Punkt, an dem wir fast resigniert haben. Dann hat uns die Stuttgarter Bürgerstiftung Anfang 2019 den Publikumspreis verliehen. Das hat uns neue Energie gegeben. Und dann haben wir endlich einen Vermieter gefunden, der sich nach langen Gesprächen darauf eingelassen hat. Er hat gemerkt, dass wir sehr viel Herzblut mitbringen und es uns nicht ums Geld geht.

Katrin Scherer Vor einigen Monaten hat uns der Vermieter sogar noch ein Büro direkt über dem Café angeboten. Dort können wir nun in einem ruhigen Raum die ganzen Hintergrundaufgaben erledigen. Es ist sehr schön, dieses Vertrauen zu erleben.

Foodsharing-Café Raupe Immersatt

Foodsharing-Café Stuttgart

Wie läuft das Café heute, eineinhalb Jahre nach der Eröffnung?
Maximilian Kraft Unser Konzept war es, das Café als wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb des Vereins „Raupe Immersatt“ zu betrachten – neben Foodsharing, das  immer kostenfrei läuft. Es gibt ja viele Bars und Cafés, die sich vor allem über die Getränke finanzieren und weniger über das Essen. Wir dachten also, wir können uns ganz gut finanzieren, wenn wir nur die Getränke verkaufen. Das Essen geben wir kostenfrei ab. Das bekommen wir über Foodsharing geschenkt, dafür haben wir also auch keinen Wareneinsatz.

„Unser offenes Preismodell zeigt, dass es funktionieren kann, wenn man den Leuten selbst in die Hände legt, was sie zahlen wollen oder können.“

Foodsharing-Café Raupe Immersatt

Und dieses Konzept ist erfolgreich?
Maximilian Kraft Viele haben gesagt, unser Konzept klappt nie im Leben. Aber wir beweisen jetzt seit eineinhalb Jahren, dass es sehr gut funktioniert. Der Verein ist unterteilt in mehrere Bereiche. Der wirtschaftliche Geschäftsbetrieb ist das Café. Der ist tatsächlich kostendeckend. Alle 14 Mitarbeitenden sind angestellt und erhalten einen festen Stundenlohn. Und dann gibt es noch die beiden Vollzeitstellen von Katrin und mir. Wir sind auf einem guten Weg, diese beiden Stellen bald über den Cafébetrieb quer zu finanzieren. Aber ganz so weit sind wir noch nicht. Um das zu überbrücken, haben wir eine städtische Förderung beantragt, die zum Glück auch genehmigt wurde. Unsere beiden Stellen werden also von der Stadt Stuttgart bezahlt. Mit dem gleichen Lohnniveau wie andere sozialversicherungspflichtig Angestellte.

Auf lange Sicht wollen wir von dieser Förderung weg und uns komplett selber tragen. Aber so lange es so geht, gibt uns die Förderung die Möglichkeit, das Konzept weiter auszubauen, ohne am Existenzminimum zu sein. Und unser offenes Preismodell zeigt, dass es funktionieren kann, wenn man den Leuten selbst in die Hände legt, was sie zahlen wollen oder können. Wenn man alles im Schnitt zusammenrechnet, werden wir so bezahlt, wie wir uns das vorstellen.

Katrin Scherer Auch wir als Team sind ein Erfolg. In ganz kurzer Zeit sind wir immer mehr geworden und immer enger zusammen gewachsen. Wir legen großen Wert auf einen wertschätzenden Umgang im Team. Wir versuchen beispielsweise, durch Konsensentscheidungen Hierarchien abzubauen und generell eine andere Form der Zusammenarbeit zu etablieren.

„Es ist genau das eingetreten, was das Gründungsteam sich gewünscht hat: Dass das Café ein bunter Ort wird, an dem viele Menschen zusammenkommen, aus ganz unterschiedlichen Bereichen.“

Welche Menschen kommen zu euch ins Café?
Katrin Scherer
Wir haben kein homogenes Publikum wie eine Studentenkneipe oder ein hippes Restaurant. Bei uns ist es sehr divers. Von der obdachlosen Person über Studierende bis zum Anwalt im Anzug, der beim Arbeitsgericht um die Ecke arbeitet. Alle kommen an diesem Ort zusammen. Es werden Vorurteile abgebaut. Das ist zwar kein Erfolg, der sich in Zahlen messen lässt – aber es ist eine tolle Atmosphäre, die wir dort täglich erleben dürfen. Es ist genau das eingetreten, was das Gründungsteam sich gewünscht hat: Dass das Café ein bunter Ort wird, an dem viele Menschen zusammenkommen, aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Schließlich betrifft auch das Problem der Lebensmittelverschwendung uns alle als Gesellschaft und nicht nur die ohnehin schon ökologisch bewusst lebenden Menschen. Die Gründer*innen wollten das Thema aus der Blase rausholen. Dies ist ziemlich gut gelungen. Das spiegelt sich täglich im Cafébetrieb wider.

Maximilian Kraft An der Theke kommt sehr oft die Frage: ‚Wie funktioniert das jetzt hier?‘ Das zeigt, dass viele Menschen zum ersten Mal kommen. Das finde ich gut. Denn es ist auch unser Anspruch, Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Wir wollen eine öffentliche Wirksamkeit haben. Aber natürlich sind wir auch glücklich über unsere Stammkundschaft. Nicht nur, weil sie zu unserer Basisfinanzierung beiträgt. Sondern auch, weil es zeigt, dass das Stadtviertel unser Café gern hat.

„Bei einer Überproduktion kommt wirklich ein Lastwagen voll mit Kisten vors Café. Das schafft viel Aufmerksamkeit, denn es zeigt das ganze Ausmaß der Verschwendung.“

Erreicht ihr mit eurem Konzept auch die Supermärkte und Bäckereien in der Nähe?
Katrin Scherer
Ja, Foodsharing hat viele Kooperationen mit lokalen Supermärkten, Bäckereien, Gastronomie- und Cateringbetrieben. Die Stuttgarter Community besteht aus rund 2400 Menschen, die sich die Betriebe aufteilen und die Lebensmittel täglich abholen. Natürlich kommt nicht alles zu uns, sondern auch zu den verschiedenen Fairteilern in der Stadt. Zusätzlich haben wir auch ein paar eigene Kooperationen im Viertel aufgebaut, etwa zu einer Bäckerei in der Nachbarschaft. Denn wir halten es für wichtig, ein Netzwerk aufzubauen und zu pflegen. So können wir die Lebensmittelbetriebe dafür sensibilisieren, ihre Reste nicht mehr wegzuwerfen. Und dann gibt es auch noch Privatleute, die Lebensmittel vorbeibringen, die sie nicht mehr brauchen.

Foodsharing-Café Raupe Immersatt

Foodsharing-Café Raupe Immersatt

Ihr macht auch immer wieder größere Aktionen, bei denen ihr Lebensmittel aus Überproduktionen  anbietet, wie etwa Chips oder abgepacktes Brot. Woher kommen diese Dinge?
Maximilian Kraft
So etwas läuft meistens über Foodsharing-Kooperationen und landet dann bei uns, weil wir die Infrastruktur dafür bieten – wir haben professionell ausgestattete, hygienische Lagerräume. Bei einer Überproduktion kommt wirklich ein Lastwagen voll mit Kisten vors Café. Das schafft viel Aufmerksamkeit. Schließlich zeigt es das ganze Ausmaß der Verschwendung. Das sorgt auch bei den Menschen für Interesse, die sonst nur am Café vorbei laufen würden. Mit ihnen kommen wir dann gerne ins Gespräch.

Wie viele Lebensmittel habt ihr schon gerettet?
Maximilian Kraft Wir bekommen fünf bis zehn Foodsharing-Abholungen am Tag. Wie viel das ist, ist ganz unterschiedlich. Das können ein Kuchen sein oder drei riesige Kisten voll mit Brot. Aber wenn man das wiederum im Vergleich sieht mit dem, was wirklich jeden Tag in Deutschland weggeworfen wird, dann ist unser Erfolg und auch der von Foodsharing deutschlandweit leider kaum messbar, da die Verschwendung so immens ist. Wir sehen hier vor Ort diese Berge an geretteten Salaten, Karotten, Äpfeln und freuen uns, dass wir etwas verändern können. Aber wenn man es dann vergleicht, ist es traurig. Für uns ist das, was wir auf der Bewusstseinsebene anstoßen, noch wertvoller.

Katrin Scherer Leider kooperieren immer noch zu wenige große Handelsketten mit Foodsharing. Und diese stellen eben die größte Infrastruktur der Supermärkte dar.

Wie hat die Corona-Pandemie eure Arbeit verändert?
Maximilian Kraft
Wir hatten beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 recht schnell entschieden, dass wir einen Kioskbetrieb einrichten und alles zum Mitnehmen verkaufen. Das machen wir jetzt auch wieder. Das funktioniert gut. Aber auch nur deshalb, weil die Leute wollen, dass wir da bleiben. Und weil sie uns einfach mal eine Flasche Wein oder Bier abkaufen. Die Solidarität, die wir sonst immer an den Tag legen und weitergeben, bekommen wir gerade zurück. Das ist wirklich schön.

Was sind eure persönlichen Tipp für gegen die Lebensmittelverschwendung?
Katrin Scherer
Gerade bei Lebensmitteln habe ich viele Dinge gelernt: Schrumpelige Karotten und anderes Wurzelgemüse werfe ich nicht mehr weg, sondern lege sie ins Wasser – da werden sie auch wieder richtig knackig. Das ist ein einfacher Trick, den ich lange nicht kannte.

Maximilian Kraft Ich bin neben meinem Foodsharing-Engagement auch Mitglied in einer Solidarischen Landwirtschaft – das kann ich jedem empfehlen. Man bekommt einen ganz direkten Bezug zur Lebensmittelproduktion. Das Gemüse kommt von hier, man bekommt etwas mit von der Saisonalität und es schmeckt unglaublich aromatisch. Bei den Hofeinsätzen kann man sehr viel lernen. Durch diese Einblicke bekommt man ein ganz inniges und wertschätzendes Verhältnis zu Lebensmitteln. Und da müssen wir hin: Lebensmittel müssen wieder wertvoll werden.

Außerdem hilft es mir, wenn ich andere Menschen ‚mitdenke‘. Wir leben in einem extrem wohlhabenden Land und zum Glück in Frieden. Ich finde es sehr wichtig, aus dieser Blase einmal rauzuschauen und darüber nachzudenken, was unser Handeln für Auswirkungen auf andere Teile der Welt hat. Dieses Bewusstsein muss man dann in sein eigenes Handeln übertragen – ein schwieriger Schritt. Aber er lohnt sich.

Foodsharing-Café Stuttgart Foodsharing-Café Stuttgart

 

Zur Person
Maximilian Kraft
, der in Stuttgart „Erneuerbare Energien“ studiert hat, ist seit acht Jahren als Lebensmittelretter in der Foodsharing-Initiative aktiv. 2017 hat er mit vier Mitstreiter*innen in Stuttgart den Verein „Raupe Immersatt“ ins Leben gerufen. Zwei Jahre später wurde das dazugehörige Café im Stuttgarter Westen eröffnet.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Katrin Scherer ist bei „Raupe Immersatt“ für die Bereiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie für Veranstaltungen verantwortlich. Sie engagiert sich seit drei Jahren bei Foodsharing und rettet Lebensmittel, die andere wegwerfen. Sie hat uns das beste Rezept für ein Reste-Essen verraten: Semmelbratlinge á la Raupe Immersatt

 

Foodsharing und das Café Raupe Immersatt

Die Foodsharing-Initiative ist aus dem „Containern“ hervorgegangen. Dabei retten „Mülltaucher“ aus den Containern großer Supermärkte die Lebensmittel, die wegen eines überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdatums entsorgt werden, aber noch essbar sind. 

2012 begann eine Berliner Biomarkt-Kette, die Lebensmittelretter zu unterstützen. Inzwischen gibt es deutschlandweit unzählige Foodsharing-Regionalgruppen, die über die Online-Plattform der Initiative „Foodsharing“ vernetzt sind. Sie holen Lebensmittel bei Geschäften, Bäckereien und Restaurants ab und verteilen sie unter anderem an den Fairteiler-Schränken an mehreren hundert Standorten in Deutschland. Auch im Café „Raupe Immersatt“ steht ein solcher Schrank, aus dem man sich kostenlos bedienen kann.
Foodsharing ist inzwischen eine internationale Bewegung mit über 200.000 registrierten Nutzern. Jeder Nutzer kann über die Plattform Lebensmittel, die er selbst nicht mehr braucht, als „Essenskorb“ anbieten.  Eine Übersicht über die Standorte der Essenskörbe und Fairteiler-Stellen gibt es hier https://foodsharing.de/karte

 

Text Ulrike Bretz   Fotos Jessica Jungbauer und „Raupe Immersatt“