Miriam Schulz erdwege Wildnispädagogik Natur

„Wir alle sind Natur“

Die Natur ist überall um uns – und doch nehmen wir sie oft gar nicht wahr. Dabei kann es so heilsam sein, sich mit ihr zu verbinden. Die Wildnispädagogin Miriam Schulz begleitet Menschen dabei, ihren eigenen, ganz individuellen Zugang zur Natur (wieder) zu entdecken. Ein Gespräch über die Wirkung des Fährtenlesens, die faszinierende Welt der Gräser,  ganz besondere Reh-Begegnungen und das Schlafen im Wald.

Miriam Schulz Naturpädagogin

Sie sind Wildnispädagogin. Was versteht man darunter?
Miriam Schulz  Die Wildnispädagogik geht auf Lehrmethoden nativer Völker Nordamerikas zurück. Dort wird Lernen – und Leben – viel umfassender verstanden. Mit allen Sinnen, durch Vorbilder, durch die Kraft von Geschichten, durch inspirierendes Fragenstellen, durch eigene Erfahrung, durch Forschen und Fehlversuche knüpfen wir Verbindungen zu allen Aspekten der natürlichen Welt. Natur muss gefühlt werden. Das Herzstück der Wildnispädagogik liegt in einer tiefen, ganzheitlichen Naturverbindung, dem Heimischwerden in der Natur. Unser Eingebundensein in natürliche Kreisläufe wird wieder spürbar gemacht.

Miriam Schulz erdwege Wildnispädagogik Natur

Und das kann man erlernen?
Miriam Schulz Wir alle sind Natur. Und in der lange Linie der Menschheitsgeschichte waren wir auf vielschichtige und sehr lebenspraktische Weise mit der Natur verbunden. Diese alten Programme schlummern noch immer in unseren Genen. Es braucht oft nicht viel, um wieder mit ihnen in Kontakt zu kommen. Die Schicht zwischen unserer zivilisierten Welt und der sogenannten Wildnis ist dünn.

Wenn wir als Kind vielfältige Erfahrungen in der Natur sammeln konnten, fällt es uns meist leichter, unsere Verbindungen zur Natur zu reaktivieren. Aber selbst, wenn das nicht der Fall war, können wir neue, alte Pfade betreten und wieder in Verbindung gehen. Was wir erlernen können, sind Werkzeuge, die uns diese Erfahrungen machen lassen. Das Naturmentoring nach Jon Young – synonym wird auch der Begriff Wildnispädagogik verwendet – enthält solche kraftvollen Werkzeuge für Naturverbindung. Unsere Kursteilnehmer*innen lernen, diese für sich selbst anzuwenden und sie dann in der Rolle als Mentor*in an andere Menschen weiterzugeben.

Was ist mit Naturverbindung gemeint – und wie können Sie als Wildnispädagogin andere Menschen dabei unterstützen, sie wieder zu finden?
Miriam Schulz Wir fühlen uns mit etwas verbunden, wenn wir eine Beziehung haben. Wenn wir es kennen. Wir bei erdwege vermitteln in unseren Kursen kraftvolle Werkzeuge, die Menschen helfen, sich draußen wieder mehr zuhause zu fühlen, mit der natürlichen Welt ihrer Umgebung vertraut zu werden und in Beziehung zu gehen.

In unserer Erfahrung sind aber auch das Artenstudium und die praktische, ganzheitliche Auseinandersetzung mit den Wesen dort draußen ein Schlüssel zu tiefer Naturverbindung. Wie auch jedes wilde Lebewesen mit verschiedensten anderen Arten interagiert, so lernen unsere Teilnehmer*innen von Woche zu Woche mehr, sich in dieses Netz des Lebens einzubinden. Am Ende der wildnispädagogischen Ausbildung hören wir oft, dass sie eine Verbundenheit mit Tieren, Pflanzen und der Erde spüren, die sie nicht für möglich gehalten hätten.

Miriam Schulz erdwege Wildnispädagogik Natur

Welche Menschen kommen zu Ihnen und welche Fragen haben sie?
Miriam Schulz Das ist ganz unterschiedlich. Manche Teilnehmer*innen möchten mehr über Wildpflanzen oder Survivaltechniken lernen. Andere haben Sehnsucht danach, zu einem ursprünglicheren Leben zurückzufinden, weil sie ihr modernes Leben nicht mehr satt macht. Die beruflichen Hintergründe unserer Teilnehmer*innen sind bunt. Da ist die IT-Fachfrau, die sich wieder mehr erden möchte, genauso wie der Biologielehrer, der zwar viel Wissen hat, aber nicht weiß, wie er es ganzheitlich an seine Schüler weitergeben kann.

Wie laufen Ihre Seminare ab?
Miriam Schulz Unsere Teilnehmer*innen lernen ihre heimische Natur tiefer kennen. Dazu gehört etwa das Bestimmen und Verwenden heimischer Wildpflanzen, die Schulung der Sinne, dass Erlernen alter Handwerkstechniken, das Feuermachen, Survivaltechniken, Spurenlesen oder Vogelsprache. Während ihrer Weiterbildung – egal ob in Präsenz oder online – verbringen sie viel Zeit draußen in der Natur, indem sie ihre Umgebung erkunden. Sie erwerben umfangreiche Arten- und Methodenkenntnisse und sind nach dem Jahr in der Lage, selbstständig Gruppen in der Natur zu leiten oder sich eine eigene Selbstständigkeit aufzubauen.

Die Gemeinschaft der Gruppe hat vor allem in den Präsenzkursen einen großen Stellenwert. Unsere Teilnehmer*innen erlernen Techniken, die eine Gruppe zusammenwachsen lassen, wie wir auch Konflikte wertschätzend kommunizieren und Gruppendynamiken steuern können.

Miriam Schulz erdwege Wildnispädagogik Natur

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Wie sind Sie zu diesem Beruf als Wildnispädagogin gekommen?
Miriam Schulz Schon als Kind war ich mit meinem Vater sehr viel in der Natur unterwegs. Er nahm mich zu allen Jahreszeiten mit in den Wald, in die Flussauen und in die Berge. Die Natur war mein Spielplatz, Erfahrungsraum und Zufluchtsort. Nach dem Abitur machte ich ein Auslandsjahr in einem Camphill Projekt in Südengland, dann eine Ausbildung zur Gärtnerin am Botanischen Garten Osnabrück. Danach habe ich ein paar Semester Gartenbau studiert und absolvierte dann die Ausbildung zur Erzieherin.

Mit meiner berufsbegleitenden Weiterbildung zur Natur- und Wildnispädagogin hoffte ich, eine Brücke bauen zu können, zwischen der Arbeit mit und in der Natur und den Menschen. Gefunden habe ich so viel mehr. Ich kann meine Arbeit jetzt sehr selbstbestimmt gestalten, bin überwiegend draußen und ich empfinde meine Tätigkeit als so kreativ und sinnstiftend, wie ich es mir immer gewünscht habe.

Welche Hürden haben Sie dabei genommen?
Miriam Schulz Der Aufbau einer Selbstständigkeit ist aufregend, arbeitsintensiv und braucht vor allem viel Leidenschaft und Commitment. Das war nicht immer einfach, vor allem als Alleinerziehende mit zwei jugendlichen Kindern. Mit dem ersten Corona-Lockdown entstand die Idee, ortsunabhängig Multiplikatoren auszubilden, um Naturverbindung für Menschen jeden Alters erlebbar zu machen.

Das war die Geburtsstunde von Wildniswind. Gemeinsam mit meiner Kollegin Paula Roesch entwickelte ich unsere online-gestützte, einjährige Weiterbildung, die zur Sommersonnenwende 2020 mit den ersten Teilnehmer*innen an den Start ging. Es ist sehr berührend mitzuerleben, auf welch‘ wunderbare Weise unsere Teilnehmer*innen in die Natur vor ihrer Haustür eintauchen und dort heimisch werden.

Was fasziniert Sie so sehr an der Natur?
Miriam Schulz Die Natur hat mich letztlich zu mir selbst geführt. Du erfährst dich draußen immer wieder neu, kommst an deine Grenzen und lernst, entlang deiner Angst oder Grenzen zu wachsen. Sei es in Survivalsituationen, beim Spurenlesen oder auch als Mentorin. Ich habe erfahren, dass ich mit allem verbunden und gehalten bin. Das ist ein großes Geschenk.

Am faszinierendsten ist für mich das Spurenlesen. Darin kann ich mich vollends glücklich selbst vergessen. Es hat viele Dimensionen und enthält sowohl technisches Handwerkszeug zum Erkennen und Identifizieren von Spuren und Zeichen der Tiere, als auch native Techniken zur Tierverbindung. Fährtenlesen ist für mich eine intime Begegnung mit dem Land und den Wesen, mit denen ich es teile.

Miriam Schulz Naturpädagogin erdwege Wildnispädagogin Natur

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Welche Bedeutung hat der Wald für Sie als Wildnispädagogin?
Miriam Schulz Wälder sind vielgestaltig, je nach Boden und Tier- und Pflanzenarten, die dort vorkommen. Meine Lieblingswälder sind die auf sandigen Böden. Sobald ich Kiefern und Pappeln sehe und rieche, entspannt sich mein System. Aber auch Buchenwälder sind für mich wie heilige Hallen. Ich liebe es, ohne Zeit und Ziel darin umher zu stromern. Dort draußen gibt es immer neue Geschichten und Rätsel zu entdecken.

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Und wie erleben Sie Wiesen und das freie Feld? 
Miriam Schulz Felder und Wiesen haben diese wunderbare Weite. Hier gibt es den ganz ungefilterten Kontakt mit Wind, Sonne und Regen. Dadurch fühle ich mich immer sehr lebendig. Gleichzeitig kann ich von Pflanze zu Pflanze wandern, den Vögeln der offenen Landschaften lauschen und bekomme einen ganz direkten Rückfluss an Informationen über das Land selbst.

Gibt es bestimmte Bäume oder Pflanzen, denen Sie sich nahe fühlen?
Miriam Schulz Eine besondere Beziehung habe ich zur Birke. Ich liebe ihr helles Holz, ihre Feuerqualitäten, ihre Rinde, die ich zu Gefäßen oder sogar Taschen verarbeiten kann, und ihre Verbindung zum Licht. Die Birke ist in ihrer Zartheit so bezaubernd. Gleichzeitig hat sie als Pionierpflanze etwas sehr Resilientes.

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Aber es lohnt sich auch, in die Welt der Gräser einzutauchen. Wir nehmen das Gras so selbstverständlich, weil es einfach überall ist: auf Golfplätzen, in Parkanlagen, Gärten, Weiden, an Waldrändern oder Wiesen. Seit der Kreidezeit, also seit etwa 100 Millionen Jahren, begleitet es uns anspruchslos und präsent durch unseren Alltag. Und ist eine fast schon poetische Erinnerung daran, dass Widerstandsfähigkeit nichts mit Härte zu tun haben muss.

Die Gräser haben sehr wesentlich unsere Natur, wie sie jetzt ist, mitgestaltet. Viele Tiere haben sich „entlang des Grases“ entwickelt und auch unser Hauptnahrungsmittel, das Getreide, ist Gras. Aber auch als Werkstoff ist es faszinierend. Wir können Graspapier herstellen oder wunderschöne Körbe daraus flechten.

Miriam Schulz Naturpädagogin erdwege Wildnispädagogin Natur Miriam Schulz Naturpädagogin erdwege Wildnispädagogin Natur

Welche Tieren begegnen Sie, wenn Sie draußen sind – und welche Verbindung haben Sie zu ihnen?
Miriam Schulz Manchmal begegnet man ganz außergewöhnlichen Tieren wie einem Hermelin, aber darum geht es eigentlich nicht. Eine besondere Verbindung habe ich zu Rehen. Ich habe mich im Rahmen meiner eigenen Ausbildung ein ganzes Jahr lang auf unterschiedlichen Ebenen sehr intensiv mit ihnen beschäftigt. In dieser Zeit hatte ich unglaubliche Rehbegegnungen.

Eine davon war ein junger Rehbock, der neben meinem Kanu von der Böschung ins Wasser stieg und eine Weile gemeinsam auf Augenhöhe mit mir schwamm. Eine weitere, sehr berührende Begegnung war die mit einem Rehkitz. Tierbegegnungen können uns immer auch viel über uns selbst lehren.

Miriam Schulz erdwege Wildnispädagogin Natur

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Wie erleben Sie als Wildnispädagogin die Natur in der Nacht?
Miriam Schulz Ich hatte nachts nie Angst im Wald. Auch als Kind nicht, denn ich fühlte mich dann den Sternen näher und ruhiger und verbundener mir selbst. Am schönsten finde ich das Schlafen im Wald, wenn ich mit den Rufen der Waldkäuze und dem Geräusch des Windes einschlafe und mit den ersten Vögeln wieder erwache. Faszinierend zu erleben ist auch der Schichtwechsel im Wald, wenn die tagaktiven Tiere schlafen gehen und die Tiere der Nacht erwachen.

Warum ist es wichtig, dass wir Menschen eine tiefe Naturverbindung haben?
Miriam Schulz Uns selbst nicht als getrennt von Natur wahrzunehmen, sondern als Teil von ihr, verändert unsere Sicht auf die Welt. Das wiederum beeinflusst unser tägliches Handeln und macht unser Herz weich und voller Mitgefühl für andere Wesen und uns selbst. Naturverbindung ist keine Einbahnstraße. Wenn wir uns einlassen und wirklich in Beziehung treten, erkennen wir, dass wir eine große Gemeinschaft sind, in der jedes Wesen seine Aufgabe und seinen Platz hat. Natur wertet nicht. Ein starkes Gefühl von Verbundenheit kann uns auch durch die Stürme unseres Lebens tragen und uns helfen, uns immer wieder positiv auszurichten und Vertrauen in das Leben selbst zu haben.

Was sind die größten Fehler, die wir Ihrer Meinung nach mit und in der Natur machen?
Miriam Schulz Wir nehmen die Natur oftmals als nicht beseelt wahr und benutzen sie einfach nur, um unsere Bedürfnisse zu stillen. Wir sind uns zu wenig bewusst, dass die Ressourcen endlich sind, wenn wir nichts zurückgeben. Da greift unsere menschliche Weitsicht oft zu kurz. Wenn wir auf die drängenden Aufgaben schauen, die anzugehen wir den kommenden Generationen schuldig sind, dann würde es uns leichter fallen, wenn wir uns in der Tiefe unseres Seins mit unseren Mitwesen verbunden fühlten. Denn nur dann werden wir entsprechend handeln.

 

Zur Person
Miriam Schulz lebt und arbeitet in und um Münster. Sie ist gelernte Gärtnerin, staatlich anerkannte Erzieherin und hat mehrere Jahre eine Natur-Kita geleitet. Mit ihrer Wildnisschule erdwege ist sie seit 2017 als Wildnispädagogin und geprüfte Fährtenleserin selbstständig. Ihr Schwerpunkt ist die Fort- und Weiterbildung von Erwachsenen sowie das Unterrichten der Kunst des Fährtenlesens.

Interview Ulrike Bretz
Fotos Miriam Schulz, Axel Trapp, David Wege, Paula Roesch

Lese hier die zehn wichtigsten Tipps von Wildnispädagogin Miriam Schulz, wie du dich wieder mit der Natur verbinden kannst.