Esteban Hernández Andalusien Emanuel Herm

Für die wilde Flora

Zur Rettung des Saatguts von wilden Kräutern und Blumen klettert Professor Esteban Hernández schon mal 3000 Meter in die Höhe oder fährt mit einem Boot übers Meer. Denn längst prägen Foliengewächshäuser und Getreideäcker in Andalusien ganze Landschaften.

Esteban Hernández Emanuel Herm

Esteban Hernández Bermejo hat schon viele bedrohte Pflanzenarten gerettet. Kein Weg war ihm dafür zu beschwerlich: Der Botaniker erklomm 3000 Meter hoch gelegene Gipfel der Sierra Nevada, um eine orangefarbene Mohnblume zu finden, Papaver lapeyrousianum, mit auffallend kurzem Stängel. In tiefer gelegenen Gebieten wächst die Blume nicht mehr, sie wurde von Bergziegen abgefressen und von Wanderern zertrampelt.

Esteban Hernández Andalusien Emanuel Herm

 

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Mit dem Boot fuhr Hernández an die Steilküste von Cabo de Gata, einer Landspitze in der Nähe von Almería, um vom Wasser aus ein rosa, weiß oder lila blühendes Löwenmäulchen, Antirrhinum charidemi, zu bergen. Es kommt nur dort vor, wo Felsen es umgeben – anderswo hat weidendes Vieh es verdrängt. Landwirtschaft, Tourismus, Bebauung – weltweit übt die Menschheit einen wachsenden Druck auf die Lebensräume wild lebender Pflanzen aus.

„Wir sind die Intensivstation der Natur. Hier bergen wir Samenkörner von mehr als 12.000 Pflanzenpopulationen, verteilt auf ungefähr 3500 verschiedene Arten, hauptsächlich wilde Flora.“

Selbst in Naturschutzgebieten schwindet die Artenvielfalt. „In den letzten Jahrzehnten sind Tausende Wildarten ausgestorben“, sagt der Agraringenieur und Botaniker Esteban Hernández. Um etwas dagegen zu tun, verwahrt er die Samen bedrohter Arten in der Banco de Germoplasma Vegetal Andaluz (BGVA), so der offizielle Name der Saatgutbank von Andalusien, die sich in Córdoba befindet.

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„Hier bergen wir die Samenkörner von mehr als 12.000 Pflanzenpopulationen, verteilt auf ungefähr 3500 verschiedene Arten, hauptsächlich wilde Flora, die in Andalusien wächst“, erläutert der Professor. Er legt sichtlich Wert darauf zu zeigen, dass sich seine Auskünfte auf nachprüfbare Fakten beziehen.

Während er berichtet, druckt er hier eine Studie aus und zieht da eine Veröffentlichung aus dem Regal. „Wir sind die Intensivstation der Natur“, sagt er. Die Laufbahn des Wissenschaftlers ist eng verwoben mit der Geschichte rund um den globalen Wildpflanzenschutz: Vor 50 Jahren, als Hernández’ Karriere begann, waren wilde Arten allgemein nur deswegen von Interesse, weil sie für die Landwirtschaft nützlich waren.

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Damals reiste der Forscher zusammen mit César Gómez Campo, seinem einstigen Chef an der Universidad Politécnica de Madrid, durch Nordafrika, den Nahen Osten bis nach Irak und Iran. Die beiden Männer suchten nach Kreuzblütlern, einer Pflanzenfamilie, die für ihre Kulturformen wie Blumenkohl, Radieschen und Meerrettich bekannt ist.

Doch die Forscher sammelten das Saatgut der wilden Arten. „Sie sollten dazu dienen, die Nutzpflanzen zu verbessern“, erklärt der Wissenschaftler. Die wilden Verwandten sind zum Beispiel gegen bestimmte Krankheitserreger resistent, und Züchtern kann es glücken, diese Resistenzen in Kulturpflanzen einzukreuzen.

Esteban Hernández Andalusien Emanuel Herm Saatgut

 

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Schließlich entstand Mitte der 1970er-Jahre eine weltweite Bewegung, die sich um die Wildpflanzen an sich sorgte und die schwindende Artenvielfalt. „Wir begannen, uns auf das Saatgut bedrohter endemischer Wildpflanzen Spaniens zu konzentrieren“, erläutert Hernández. „Zusammen mit anderen Fachleuten erstellten wir die ersten roten Listen.“ Diese Archive benennen vom Aussterben bedrohte Arten und gelten als Gradmesser des Verlusts.

Für Hernández folgte ein Ruf an die Universität in Córdoba, das mitten in Andalusien liegt. In dem Landstrich stellte der Professor eine ausgeprägte Artenvielfalt fest, „allerdings auffallend stark vom Aussterben bedroht“, so der Botaniker. Das Artensterben ist heute in vollem Gange.

Die Gründe dafür sind zum Beispiel die zunehmende Trockenheit, Hitze und Begradigungen von Flussläufen, die dazu führen, dass artenreiche Lebensräume wie Uferböschungen und Feuchtgebiete verloren gehen.

Mit der Gründung eines Botanischen Gartens Ende der 1980er-Jahre „wollte ich einen Raum schaffen, in dem es gelingt, Besucher für Pflanzen und Artenschutz zu begeistern“, erzählt Hernández. In dem üppigen Garten, zu dem auch einige Gewächshäuser gehören, lässt sich das Löwenmäulchen Antirrhinum charidemi bewundern, das aus den Samen herangewachsen ist, die der Wissenschaftler an der Landspitze Cabo de Gata gesammelt hat.

Im Laboratorium

„Zunächst bewahrte ich mein Saatgut tiefgekühlt in einem Labor in der Universität auf“, erinnert sich der Forscher. Doch seit 20 Jahren ist Hernández’ Saatgutbank in einem eigenen Gebäude untergebracht, am Rande des Botanischen Gartens. Zu der Einrichtung gehört ein Labor.

Esteban Hernández Andalusien Emanuel Herm

An einem gut ausgeleuchteten Tisch schaut eine Mitarbeiterin durch eine Lupe auf Samenkörner der Aromapflanze Teucrium capitatum, die Kolleginnen gesammelt haben. Mit einer Pinzette zupft sie Pflanzenreste von den Körnern. „Ich habe gestern mit dieser Arbeit begonnen, und ich werde noch ein paar Stunden brauchen, bis ich fertig bin.“

Esteban Hernández Emanuel Herm

Es ist eine Geduldstätigkeit, bei der sich entscheidet, ob die weiteren Schritte zur Verwahrung und Dokumentation des Pflanzenmaterials gelingen: Bei welchen Temperaturen und mit wie viel Licht keimen die Samen optimal?

Nur wenn die Körner gut gereinigt und somit beinahe steril sind, erhalten die Fachleute bei Experimenten aussagekräftige Antworten. Und nur dann kann es glücken, die bedrohten Arten wieder in die Natur in Andalusien zu setzen. Obendrein hält sich das Saatgut auch besser, wenn es sauber ist.

Nach der Reinigung kommt es in den Keller. „Er ist wie ein dunkler Bunker“, sagt die Agrarwissenschaftlerin Francisca Herrera Molina, während sie die schmale Treppe hinuntersteigt. „Die Wände sind einen halben Meter dick. So bleiben die Körner auch vor Überschwemmungen geschützt.“

Sie knipst das Licht an. Grelle Neonröhren erhellen den Raum, in dem 25 Gefrierschränke brummen. Bei Temperaturen von minus 20 Grad lagert dort eine Fülle an Samen Hunderter Gräserarten, Asterngewächse, Leguminosen und anderer Pflanzenfamilien.

Tausende kleine Fläschchen enthalten je ein paar Dutzend Körner und orangefarbenes Kieselgel, das dem Saatgut einen Teil der Feuchtigkeit entzieht, damit es länger keimfähig bleibt. Fällt der Strom aus, läuft die Kühlung über eine Notstromanlage weiter. Auf dem Handy von Herrera geht dann trotzdem ein Alarm los, auch an Feiertagen und nachts.

Esteban Hernández Emanuel Herm Saatgut

Mittlerweile gilt die Anlage in Córdoba rund um den Globus als Referenz. „Wissenschaftler aus der ganzen Welt beziehen Saatgut von uns“, erklärt Esteban Hernández, „etwa um die Stammesgeschichte zu erforschen oder für Anwendungen in der Pharmakologie und der Landwirtschaft.“ Die unbedeutendste Pflanze aus Andalusien kann schon morgen von großem Wert sein, zum Beispiel als Nahrung, Medikament oder zur Herstellung von Textilien, dessen ist er sich sicher.

Und wenn die Artenvielfalt besser geschützt werden soll, muss sich die Landwirtschaft ändern. Bauern und Bäuerinnen machen sich zunehmend damit vertraut, mehr Vielfalt auf die Felder zu bringen und auch Sorten zu kultivieren, die in Vergessenheit geraten sind.

Selbstgezogener Knoblauch aus einer Pflanzenlinie des Großvaters

Bei Hernández hatte die erneute Zusammenarbeit mit Landwirten allerdings einen praktischen Hintergrund. „Vor gut 15 Jahren haben wir festgestellt, dass wir etwas langsamer arbeiten können“, erzählt der Biologe, „von den meisten Endemismen Andalusiens hatten wir Saatgut gesichert.“

Hernández hatte auf einmal Zeit, um sich neuen Aufgaben zuzuwenden, wie etwa dem Schutz der Nutzpflanzen. Der Wissenschaftler arbeitet zum Beispiel mit Victorio Domínguez Muñoz zusammen. In der Ortschaft Montalbán, rund 40 Kilometer von der Saatgutbank entfernt, läuft der Bauer über seine hügeligen Felder und zeigt auf schwarzen Knoblauch.

Er hat ihn aus Saatgut gezogen, das von einer Pflanzenlinie stammt, mit der schon sein Großvater arbeitete. Domínguez baut auch Karotten, Kartoffeln und Melonen an – alles alte Sorten.

Die Bezeichnung ist nicht geschützt. Doch in der Regel zählen Gemüse, Obst und Getreide dazu, die im heutigen Ernährungssystem keinen Platz mehr finden. Darunter Tomaten, die mit ihrer weicheren Schale bei langen Transporten matschig werden. Oder Pflaumensorten, die kein langes „shelf-life“ besitzen, wie es in der Fachsprache heißt, also im Verkaufsregal schnell verderben. Und Weizen, dessen Verarbeitung zu Brot längere Knetund Gehzeiten braucht.

Diese alten Getreidesorten wollen Hernández, sein Team und Bauer Domínguez anbauen und dokumentieren. Unter welchen Bedingungen wachsen sie am besten? Wie hoch ist der Ertrag? Das sind Fragen, die die Forschenden dabei klären wollen.

Mitten im Feld in Andalusien

Aus dem Kofferraum seines Autos holt Domínguez eine Kiste mit einem Dutzend Plastikbeuteln hervor. Sie enthalten Körner der alten Weizensorte Chamorro, die der Bauer von den Mitgliedern einer Öko-Gemeinschaft im Norden Sevillas erhalten hat.

Oder „trigo berberisco“, übersetzt „berberischer Weizen“, der aus Marokko stammt. Auf einer Tüte steht „no se sabe“ – das heißt: „man weiß es nicht“. „Dieser Weizen wuchs plötzlich mitten in einem Gerstenfeld“, erklärt der Bauer. „Vielleicht gelingt es, seine Zugehörigkeit zu ermitteln.“

Es versteht sich von selbst, dass Domínguez seine Ernte auch nutzt, um Saatgut nachzuziehen. „Das klappt nur mit alten Sorten“, erklärt er. Moderne Sorten sind Hybride und lassen sich nicht mit ihren Eigenschaften vermehren.“ Um von seinen Ochsenherztomaten die Körner zu erhalten, die die besten Früchte hervorbringen, pflückt er Tomaten, die in der Mitte der Vegetationsperiode reifen.

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Die Gläser mit dem in mehreren Schritten gewonnenen Saatgut kommen ins Dunkle und die Körner im folgenden Frühjahr in die Erde. Würde der Bauer die Samen von Hybridtomaten säen, könnte es sein, dass ein Teil der Pflanzen nur sehr kleine oder gar keine Früchte trägt. Landwirte, welche die Vorteile der Hybriden nutzen wollen, müssen jedes Jahr neues Saatgut kaufen. Für die Saatgutbetriebe ist das ein gutes Geschäft.

Die Küche als wichtiges Werkzeug

Auch für die Bauern von Andalusien rechnet sich der Kauf der Hybridsamen, weil die modernen Gemüsesorten so ertragreich sind. Doch den Vorteilen steht ein großer Nachteil gegenüber: Die Landwirte verlieren mit den modernen Sorten ihre Unabhängigkeit. „Die alten Sorten hingegen bieten jedem die Möglichkeit, sie wieder auszusäen und sich davon zu ernähren“, sagt der Landwirt.

In seinem Büro in der Saatgutbank schlürft Esteban Hernández Matetee durch ein Saugrohr. „Um die Artenvielfalt zu schützen, gehört die Küche zu unseren wichtigsten Werkzeugen“, sagt er. „Wenn Menschen bestimmte Arten gerne essen, schützen sie sie meist auch besser.“

Der Wissenschaftler und sein Team haben schon viele Kochkurse organisiert – öfter stand der Granatapfel im Mittelpunkt. „Die Früchte werden zwar seit Tausenden Jahren kultiviert, doch viele Bestände sind im Laufe dieser Zeit verwildert“, berichtet der Wissenschaftler. „Diese verwilderten Pflanzen bergen eine große genetische Vielfalt, die es zu bewahren gilt.“

Auch kulinarisch haben sie einiges zu bieten: „Konditoren in der Türkei kreieren Delikatessen, indem sie die säuerliche Frucht mit den gebräuchlichen süßen Granatäpfeln kombinieren“, sagt Hernández. Außerdem eigne sich die verwilderte Frucht zur Herstellung von Essig, Honig und Säften.

„Bei uns gibt es nicht nur Stierkämpfe und Flamenco, sondern auch ein großes Engagement, um bedrohte Pflanzen zu schützen.“

In den Gärten der Alhambra in Granada, einer der weltweit am meisten besuchten Burgen, haben die Fachleute ihre Sammlung verwilderter Granatäpfel angepflanzt. „Wir sind Impulsgeber“, sagt Esteban Hernández, „und das ist wohl der Grund dafür, dass sich Andalusien heute in Sachen Effizienz beim Pflanzenschutz weltweit an der Spitze befindet.“

Esteban Hernández Emanuel Herm

Längst wurden weitere Botanische Gärten und Saatgutbanken eröffnet. Und fernab der landwirtschaftlich genutzten Gebiete wurden knapp 20 Prozent der Fläche zu geschützten Gebieten erklärt. „Bei uns gibt es nicht nur Stierkämpfe und Flamenco, sondern auch ein großes Engagement, um bedrohte Pflanzen zu schützen.“

Stephanie Eichler Text
Emanuel Herm Foto

Dieser Beitrag ist erschienen in Werde 01/2021