Die Konsumentin Fair Fashion Foto Joris Werff

„Mode ist von Grund auf ein feministisches Anliegen“

Mit ihrem Blog „Die Konsumentin“ möchten Esther Rühe und Anna Kessel dazu beitragen, die Wirtschaft grüner und ethischer zu gestalten. Sie  fordern keinen Konsumverzicht, sondern regen zu einer konsumkritischen Haltung und einem bewussteren Kaufverhalten an. Wir haben mit Anna Kessel darüber gesprochen, wie dies aussehen kann und welche Schritte Slow- und Fair Fashion-Labels hierfür unternehmen.

Die Konsumentin Fair Fashion Foto Joris Werff

Weshalb hab ihr euch für den Namen „Die Konsumentin“ entschieden? Auf den ersten Blick scheint er im Widerspruch zu Fair und Slow Fashion zu stehen.
Anna Kessel Ob wir dem Konsum frönen, uns in Konsumverzicht üben oder bestimmte Konsumgüter und die Konzerne dahinter gezielt boykottieren – am Ende handeln wir in jeder dieser Definitionen als Konsument:in. Nun zielen gerade Mode und ganz besonders Fast Fashion noch immer sehr stark auf eine weibliche – oder sagen wir zumindest weiblich gegenderte – Zielgruppe ab. Deswegen haben wir uns für den Namen „Die Konsumentin“ entschieden.

Wozu soll der Name anregen?
Anna Kessel Der Name soll natürlich an erster Stelle anregen, diese Position zu reflektieren. Wir glauben, dass wir als Mode-Konsument:innen die aktuellen gesellschaftlichen Probleme, die durch billig produzierte Fast Fashion entstehen, mit verhandeln können. Dabei müssen wir vor allem lernen, nicht Konsument:innen, sondern Unternehmen und vor allem die Politik in Verantwortung zu nehmen. Bewusster Konsum ist gut – aber wir leben eben nicht nur in einem Wirtschaftssystem, sondern auch in einer Demokratie. Der Kassenbon beim Einkaufen sollte nicht unser einziger Stimmzettel sein.

Die Konsumentin Fair Fashion Foto Joris Werff

Wie habt ihr beiden beruflich zusammengefunden?
Anna Kessel Wir kennen uns bereits seit der ersten Klasse. Kleidung war, da sie so viel Identifikationsfläche bietet, irgendwie schon immer ein Teil unserer Freundschaft. Dann passierte 2013 das Unglück in Rana Plaza. Daraufhin haben wir uns stärker mit den Produktionsbedingungen unserer Kleidung auseinandergesetzt. Wenig später haben wir dann in Hamburg im Rahmen eines Festivals, das das Thema Laden-Leerstand adressieren sollte, einen kleinen Vintage- und Slow-Fashion-Laden auf die Beine gestellt. Dieser war mehr als Ausstellungsraum, denn als Verkaufsort gedacht. Mit dabei waren Unternehmen wie die Kleiderei, Hamburgs erste Bibliothek für Kleider und das öko-faire Label Jan ’n June. 2017 kam dann unser Onlinemagazin dazu.

Wie passen Konsumkritik auf der einen und der Support von Fair-Fashion-Labels auf der anderen Seite zusammen?
Anna Kessel Zwischen unreflektiertem Konsum und politisch motiviertem Boykott findet sich ein spannendes Dazwischen – und zwar der Kauf von Produkten bei Unternehmen, die wirtschaftlich und ethisch bereits einiges besser machen. Wir meinen damit natürlich nicht, dass der Kauf an sich die Wirtschaft ethisch oder grüner macht. Wir glauben aber daran, dass es wichtig ist, Unternehmen zu unterstützen, die zum Beispiel existenzsichernde Löhne garantieren, bei der Produktion auf die Gesundheit von Mensch und Umwelt achten oder auch qualitativ langlebigere Kleidung fernab von schnellen Trends und minderwertigen Materialien herstellen. Durch unsere gezielte Unterstützung werden diese Unternehmen wettbewerbsfähig. Und das in einem System, dass es Unternehmen, die ihrer Sorgfaltsplicht nachkommen, generell erst einmal schwer macht.

Wie wirkt sich Corona auf die Textilindustrie aus? Welchen Impact hat die Krise vor allem auf kleinere Slow- und Fair-Fashion-Labels?
Anna Kessel Esther und ich haben da tatsächlich auch in unserem Podcast drüber gesprochen: Kleine Slow- und Fair-Fashion-Labels haben leider einen nicht unerheblichen Wettbewerbsnachteil gegenüber konventionell produzierenden Textilunternehmen. Schließlich übernehmen sie all jene Kosten, die andere Unternehmen auf Mensch und Umwelt ausgelagert haben. Das zeigt sich in solchen Krisen natürlich sehr deutlich. Etwa wenn  ein faires Unternehmen für Aufträge, Partnerunternehmen und Arbeiter:innen entlang seiner kompletten Lieferkette einsteht, während ein großer Konzern Bestellungen in den Produktionsländern, in denen es wenig bis keine Arbeitnehmerrechte gibt, ohne mit der Wimper zu zucken storniert. Das mit anzusehen ist hart.

Wie wirkt sich die Krise auf unser Konsumverhalten aus?
Anna Kessel Wenn man Fachmedien folgt, dann ist unser Konsumverhalten gerade im Bereich von Luxusgütern wie Mode zu Beginn der Krise erst einmal ziemlich eingebrochen – mit fatalen Folgen für die Textilbranche. Gleichzeitig scheint sich die Lust zu kaufen schnell wieder erholt zu haben. Es war ein schöner Gedanke, dass der gezwungene Stillstand Konsument:innen dazu motiviert, sich wieder auf die wesentlichen Dinge zu besinnen. Richtig daran geglaubt haben wir jedoch nicht.

„Wenn wir konsumieren, sollten wir stärker auf das zurückgreifen, was bereits im Kreislauf vorhanden ist, den eigenen Kleiderschrank neu erfinden und Vintage oder Second Hand kaufen.“

Birgt die Krise auch Chancen für einen positiven Wandel?
Anna Kessel Wir glauben, dass die Mode der kommenden Saisons sehr viel zeitloser aussehen wird. Denn: Wenn man genau hinschaut, hat durchaus ein Umdenken auf dem konventionellen Markt stattgefunden. Die schnellen Produktions- und Lieferrhythmen in der Modebranche haben vielen Unternehmen einen Strich durch ihre Rechnungen gemacht. Plötzlich sind Nachhaltigkeit und langsamere Modezyklen in aller Munde.

Wie könnten neue Formen des Konsums und ein bewussterer Umgang mit Mode aussehen?
Anna Kessel Persönlich mag ich aus Konsument:innen-Sicht immer noch das Slow-Fashion-Konzept der fünf ‚Rs’: Refuse, Reduce, Repair, Reuse und Recycle. Wir müssen unseren Konsum überdenken und reduzieren. Wir müssen Reparieren und Pflegen lernen. Das ist eine meiner aktuell größten Baustellen. Wenn wir konsumieren, sollten wir stärker auf das zurückgreifen, was bereits im Kreislauf vorhanden ist, den eigenen Kleiderschrank neu erfinden und Vintage oder Second Hand kaufen. Und die Textilindustrie muss kreislauffähig werden – das ist die einzige Lösung, die ich gerade im großen und langfristig gedachten Szenario sehe. Als „Konsumentinnen“ zeigen wir eher Haltung als Mode. Herauszufinden, in welchen Kleidungsstücken man sich wirklich wohl und angezogen fühlt, darüber Fehlkäufe zu vermeiden und schnelle Trends durch – für einen ganz persönlich – zeitlose Klassiker zu ersetzen: Wir glauben, das alles ist ein guter Anfang.

Ist unsere Welt letztendlich vielleicht nur noch zu retten, wenn die Wirtschaft schrumpft? Also wenn wir alle unseren Konsum massiv einschränken?
Anna Kessel Eigentlich würden wir unsere Welt ungerne retten, wir möchten sie lieber ändern. Eine massive Einschränkung unseres Konsums Hand in Hand mit der Energiewende ist die einzige Lösung mit Perspektive. Und wenn Unternehmen qualitative Produkte, die auf Lebensdauer angelegt sind, anbieten, eröffnet das auch einen ganz neuen Markt für Leistungen. Leistungen, die unsere auf schnellen Konsum und Verbrauch angelegte Wirtschaft vergessen hat: Pflege, Reparatur, geteilter Besitz über Mietkonzepte und vieles mehr.

 Nach und nach rücken – nicht zuletzt aufgrund der Krise – endlich auch die Lieferketten in den Fokus der öffentlichen Diskussion. Was brauchen wir, und was sollte die Politik dringend tun?
Anna Kessel Was eine Haftbarkeit von Unternehmen entlang ihrer Lieferketten angeht, sind wir gerade ziemlich euphorisch: Denn das Lieferkettengesetz kommt. Das haben wir unter anderem dem langen Atem der Folkdays-Gründerin Lisa Jaspers zu verdanken, die mit ihrer Petition #FairbyLaw in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit für das Thema geschaffen hat. Im Juni 2021 hat der Bundestag das Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten verabschiedet. Jetzt muss es noch vom Bundesrat bestätigt und vom Bundespräsidenten unterzeichnet werden.

„In den unübersichtlichen Produktionsketten global agierender Modeunternehmen sind es vor allem weibliche Arbeiterinnen, auf deren Kosten billig und in Zeiten von Fast Fashion immer schneller vor allem für den privilegierten und weiblich gegenderten Konsum von Luxusgütern im globalen Norden produziert wird.“

Während der Corona-Krise haben sich Labels wie Lanius, LangerChen und der Avocadostore zusammengeschlossen und die „Fair Fashion Solidarity“-Initiative ins Leben gerufen. Ist Solidarität jetzt wichtiger denn je?
Anna Kessel Definitiv! Spannend finde ich dabei, wie Solidarität von Labels wie Lanius gedacht wird. Über das gemeinsame Miteinander und die Frage „Wie halten wir in diesen Zeiten am besten zusammen?“ erstreckt sich die Solidaritätsfrage auch auf einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen. Die aktuelle Frühjahr/Sommer-Kollektion 2021 wurde so designt, dass vieles aus den vorherigen Kollektionen mit in die neue Saison übernommen werden konnte. Durch dieses „carry over“ wird keine Kleidung umsonst produziert, und die Mode behält ihren Wert auch über eine Saison hinaus. Das sind sehr konkrete und sinnvolle Handlungsideen, die die Textilbranche stärker verinnerlichen sollte.

Die Konsumentin Fair Fashion Foto Bassi Lichtenberg

Auf euer Homepage zitiert ihr die britische Feministin Laurie Penny: „Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl- und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“ Warum sind Mode und Feminismus so eng miteinander verwoben, und warum ist das den meisten das gar nicht bewusst?
Anna Kessel Insgesamt müssen wir uns bei unserer Freude an Mode als Feminist:innen natürlich darüber im Klaren sein, welches System hinter Fast Fashion steckt. In den unübersichtlichen Produktionsketten global agierender Modeunternehmen sind es vor allem weibliche Arbeiterinnen, auf deren Kosten billig und in Zeiten von Fast Fashion immer schneller vor allem für den privilegierten und weiblich gegenderten Konsum von Luxusgütern im globalen Norden produziert wird. Mode ist also von Grund auf schon mal ein feministisches Anliegen. Zumindest dann, wenn man einen Feminismus vertritt, der alle mitdenkt.

Womit beschäftigst du dich aktuell?
Anna Kessel Mit Postwachstumskonzepten, zu denen ich bisher viel zu wenig gelesen habe. Außerdem mit kultureller Aneignung und „White Saviourism“. Ich glaube, beides sind Phänomene, mit denen wir uns in der ökofairen Textilbranche aufgrund der Nähe zu Entwicklungszusammenarbeit noch viel stärker auseinandersetzen sollten.

Auf eurem Blog stellt ihr unter anderem auch Städte wie Hamburg, London und Amsterdam und deren besten nachhaltigen Adressen vor. Mögt ihr drei eurer Lieblingsadressen verraten?
Anna Kessel „Werte Freunde“ in Hamburg, „Moeon“ in Berlin und „The Collection One“ in Amsterdam.

Welche Bücher, Podcasts etc. könnt ihr empfehlen?
Anna Kessel Ein kürzlich erschienenes Buch, das ich wärmstens empfehlen kann, weil es das Thema Fair Fashion so divers beleuchtet, ist Fashion Changers von Jana Braumüller, Vreni Jäckle und Nina Lorenzen. Spannende Mode-Podcasts sind „Talk Slow” von den Gründerinnen des Labels Bridge&Tunnel und „We are Fashion Revolution“, der Podcast der Fashion Revolution Germany. Interessante Podcasts zu Feminismus und Diversity-Fragen sind „Darf sie das?“ von Nicole Schöndorfer (unbedingt anhören: die Folge „Öko-Aktivismus bitte ohne Klassismus“). Ebenfalls toll sind die beiden Podcasts „Feuer und Brot“ und „Realitäter*innen“.

 

Zur Person
Seit 2017 betreiben die freiberufliche Grafikerin und Illustratorin Esther Rühe und die freie Texterin und PR Managerin Anna Kessel das Blog „Die Konsumentin“ (ehemals Kunstkinder). Beide glauben an die Kraft der Solidarität. Sie setzen sich auf kunstvolle, verspielte Weise für eine grünere und ethischere Wirtschaft ein. Dabei ziehen die Slow-Fashion-Verfechterinnen „einen fröhlichen Minimalismus der strengen Abstinenz vor“.  Seit April vorigen Jahres gestalten die beiden auch einen Podcast, in dem es um ökofaire Mode und bewussten Konsum geht.

Interview Lesley Sevriens
Fotos Die Konsumentin, Bassi Lichtenberg, Joris Werff