True Cost Accounting Wahre Preise Foto Lisa Rienermann

Von wahren und von falschen Preisen

Wer bezahlt den Preis dafür, wenn Bananen, T-Shirts oder Schokolade weniger kosten als ein günstiger Laib Brot? Ökologisch wirtschaftende Unternehmen haben die Ökonomie auf ihrer Seite, wenn sie Nutzen und Leistungen richtig bewerten und die wahren Preise sehen.

True Cost Accounting Wahre Preise Fotos Lisa Rienermann

Ausgerechnet der Discounter, der den Tiefpreis zum Markenkern erhoben hat. Ausgerechnet Penny. Ausgerechnet die Billigkette also eröffnete Anfang September in Berlin einen „Nachhaltigkeits-Erlebnismarkt“, der ihr prompt bundesweit Schlagzeilen einbrachte.

Von nun an gibt es zwei Preise

Im Fokus der Berichte stand, dass die Filiale bei je acht konventionell und ökologisch erzeugten Lebensmitteln fortan zwei Preise ausweist: den „normalen Verkaufspreis“ und den „wahren Verkaufspreis“. An der Kasse zahlen die Kunden zum Beispiel für einen Liter H-Milch wie bisher den normalen Preis von 79 Cent, am Regal jedoch erfahren sie auf einem Schild die „wahren Kosten“ – 1,75 Euro.

Für 400 Gramm Gouda verlangt Penny wie gehabt 1,99 Euro, müsste aber „wahre“ 3,74 Euro fordern; beim Bio-Hackfleisch steigt der normale Preis von 9 Euro pro Kilo auf mehr als das Doppelte, den „wahren Preis“ von 20,38 Euro. Während die Aufschläge bei Obst und Gemüse mit 4 bis 19 Prozent noch relativ moderat ausfallen, liegen sie bei den tierischen Lebensmitteln zwischen 30 und 173 Prozent.

Errechnet haben das im Auftrag von Penny Wissenschaftler der Universität Augsburg, indem sie ökologische Auswirkungen der Lebensmittelerzeugung, die bislang außen vor blieben, einpreisten: die Stickstoffemissionen aus den Exkrementen von Mastschweinen, den klimaschädlichen Methanausstoß von Rindern und Milchkühen sowie das CO2, das beim Energieverbrauch in der Produktion und beim Transport freigesetzt wird.

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Dabei räumen die Wissenschaftler ein, dass auch diese Preise nicht die wahren sind, sondern nur Annäherungen daran, weil man noch viele andere versteckte Kosten einbeziehen könnte. Etwa jene, die bei der Behandlung von Patienten anfallen, die an multiresistenten Keimen erkrankten, weil etwa in der Massentierhaltung prophylaktisch und in hohem Maß Antibiotika verabreicht werden. Oder die Kosten des Artensterbens durch den Einsatz von Pestiziden. Oder, oder, oder.

Die Wissenschaft nennt solche Kosten, die keineswegs nur in der Landwirtschaft anfallen, externe Kosten, weil die Verursacher sie auslagern, wegschieben können auf Steuerzahler und Versicherte, auf Lieferanten und deren Beschäftigte, auf andere Weltregionen, auf Tiere, auf spätere Generationen. Allein in der deutschen Landwirtschaft, die wie gesagt nur eine von vielen verursachenden Branchen ist, entstehen nach Berechnungen der Boston Consulting Group unter anderem durch Treibhausgasemissionen und schwindende Ökosystemleistungen pro Jahr externe Kosten von rund 90 Milliarden Euro, die von der Gesellschaft getragen werden.

Wissenschaftler und Praktiker versuchen nun, durch eine neue Art der Erfassung von Daten und ihrer Bilanzierung diese externalisierten Kosten wieder zu internalisieren und so den wahren Preisen der Produkte näher zu kommen. So wie Penny, dessen Bereichsvorstand Stefan Magel selbstkritisch einräumt: „Wir sind als Unternehmen in einem wettbewerbsintensiven Markt ohne Zweifel Teil des Problems. Ich glaube aber, dass wir mit diesem Schritt Teil der Lösung werden können.“

Man kann die doppelte Preisauszeichnung der Discounter- Kette auf mindestens zweierlei Weise beurteilen: als cleveren Werbecoup und Alibiaktion, weil in den 2169 anderen Penny-Filialen weiterhin der Preiskampf mit den „falschen“ Preisen zulasten anderer ausgetragen wird; oder als Zeichen dafür, dass selbst Discounter nicht mehr an der Problematik ausgelagerter Kosten vorbeigehen können.

Der wahre Preis eines Baumes

Haarlemmerbuurt, ein quirliges Viertel in Amsterdam mit Hunderten kleiner Läden, Cafés und Restaurants. „So sieht die Zukunft des Einkaufens aus“, sagt Michel Scholte und hält einem den Kassenbon für eine Tafel Schokolade unter die Nase. Der Bon weist aus, dass von den 3,10 Euro für die Schokolade 13 Cent an die Land Life Company gehen, die Bäume gegen den Klimawandel pflanzt, sowie 18 Cent an GiveDirectly, eine Non-Profit-Organisation, die Geld an Bedürftige transferiert.

So sehen alle Quittungen aus im wohl ersten True Price Store der Welt, in dem es seit Anfang 2020 neben Schokolade auch Brot, Kaffee, Wein, Hosen, T-Shirts, Zucker und eine Handvoll anderer Produkte zu kaufen gibt. (Während der Pandemie geschlossen.) Aber nur samstags.

„Der Preis eines Baums lässt sich danach berechnen, wie viel Holz oder Früchte er liefert. Doch wenn man den Baum für einen Parkplatz fällt, ist sein Preis vielleicht noch viel höher.“

Denn Michel Scholte ist kein Textil- oder Lebensmittelhändler, sondern Soziologe und Sozialunternehmer. Sein True Price Store ist deshalb nur ein Demonstrationsobjekt, das zeigen soll, wohin für Scholte der Weg gehen muss: zu wahren Preisen, welche die ökologischen und die sozialen Kosten der Produkte abdecken, sowie zu alltagstauglichen Rechenmethoden, Software und Bezahlsystemen, die den Ausgleich tatsächlich herstellen.

Das gelinge noch längst nicht bei allen externen Wirkungen – Scholtes Denkfabrik Impact Institute listet mindestens 31 von ihnen auf, von der schwindenden Bodenqualität und Biodiversität bis zum Tierwohl und zur Korruption. „Aber beim klimaschädlichen CO2 funktioniert das schon sehr gut“, erklärt Scholte. „Ebenso, wenn Beschäftigte in der Lieferkette – zum Beispiel Kakaobauern in Afrika – unterbezahlt werden.“

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Denn dafür gibt es Anbieter wie Give- Directly oder Land Life Company, die mit Geldtransfers und Aufforstungsprogrammen die Schäden und Mängel wieder auszugleichen versuchen. Die klassische Ökonomie, kritisiert Scholte, könne den Preis von allem benennen, habe aber kein Instrumentarium für den Wert der Dinge. „Der Preis eines Baums lässt sich danach berechnen, wie viel Holz oder Früchte er liefert. Und selbst der Schatten ließe sich in Euro darstellen, wenn man Menschen danach fragte, wie viel sie an einem heißen Tag dafür geben würden, unter diesem Baum zu sitzen. Aber wenn man den Baum für einen Parkplatz fällt, ist sein Preis vielleicht noch viel höher.“

Im „rechtebasierten Ansatz“, den er vertrete, sagt Scholte, habe der Baum ein unveräußerliches Recht zu leben. „Wer ihn fällt, muss ihn deshalb an anderer Stelle ersetzen.“ So denken immer mehr. Und arbeiten daran, die ökologischen und sozialen Kosten, die ihr unternehmerisches Handeln zwangsläufig mit sich bringt, zu erfassen und so weit wie möglich zu reduzieren.

Ein Signal gegen die falschen Preise

So steht etwa ein kleiner Amsterdamer Öko-Supermarkt nach der Beratung durch Scholtes Impact Institute kurz davor, seinen Kunden Gemüse zum „wahren“ Preis anzubieten; eine Amsterdamer Filialbäckerei mit 16 Läden praktiziert das bereits und verwendet Scholtes Berechnungen, um unerwünschte Umweltkosten beim Wareneinkauf und in der Produktion zu senken; und am Black Friday, dem Hochtag der Schnäppchenjäger, setzen der True Price Store und ein Dutzend Cafés und Restaurants im Amsterdamer Viertel mit ihren „wahren“ Preisen ein Signal gegen die vielen „falschen“.

Einer von Scholtes ehemaligen Kunden, Tony’s Chocolonely, ein von niederländischen Fernsehjournalisten initiiertes Unternehmen, das sich aus einer Recherche über Kinder- und Sklavenarbeit auf afrikanischen Kakaoplantagen entwickelte, ist heute Hollands Nummer 1 und expandiert erfolgreich in die halbe Welt – und das, obwohl die Schokoladentafeln wesentlich teurer sind, dafür aber preislich „wahrer“ als die der Konkurrenz.

Ein Grund dafür: Das Unternehmen zahlt den Kakaobauern deutlich höhere Preise fürs Kilo und übernimmt damit soziale Kosten in seiner Lieferkette, die andere Firmen einfach auf die Erzeuger vor Ort abwälzen. Das globale Dorf Ein anderer Vorreiter ist das niederländische Unternehmen Eosta, Europas größter Importeur für Bio-Obst und -Gemüse, der den versteckten Kosten seines Handelns schon seit vielen Jahren auf der Spur ist. Grundlage dafür sind Leistungskennzahlen für soziale und ökologische Aspekte, die in einer umfassenden Kostenrechnung zusammengeführt werden.

Das jüngste Resultat dieses „True Cost Accounting“ ist das seit Frühjahr 2020 geltende Angebot Eostas an seine Großhändler, für Mangos einen Aufschlag von 10 Cent pro Kilo zu bezahlen. Damit kann bei den 200 Beschäftigten von Eostas Mangolieferant in Burkina Faso die Lücke geschlossen werden zwischen den üblichen Löhnen und einer existenzsichernden Bezahlung, die nicht nur die Grundbedürfnisse abdeckt, sondern auch Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Rücklagen ermöglicht.

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Das gleiche Vorgehen ist mit einem Ananas-Erzeuger in Südamerika geplant. „Wenn wir uns jetzt nicht für existenzsichernde Löhne in den Entwicklungsländern einsetzen“, warnt Eosta- Chef Volkert Engelsman, „wird das Wohlstandsgefälle weiter zunehmen. Durch Migrationswellen oder soziale Unruhen werden diese Kosten langfristig unweigerlich auf uns zurückfallen – denn wir leben in einem globalen Dorf.“

Tatsächlich geht es beim True Cost Accounting aber nicht nur um externe Kosten, sondern auch darum, Nutzen und erbrachte Leistungen zu identifizieren und zu bewerten. So ergab eine von Weleda beauftragte Studie zum Beispiel für den Rohstoff Granatapfel externalisierte Kosten für die Gesellschaft von 663 Euro pro Hektar und Jahr im konventionellen Anbau und immerhin noch 350 Euro im Bio- Anbau – der bessere Wert für die Bio-Rohstoffe erklärt sich durch den Verzicht auf chemische Düngemittel und Pestizide sowie durch den Einsatz von Bodendeckerpflanzen, die Kohlenstoff binden und der Erosion entgegenwirken.

Dennoch ist die Gesamtbilanz auch im biologisch-dynamischen Anbau negativ, vor allem wegen des hohen Stromverbrauchs durch die Bewässerung der Bäume, was sich nur relevant reduzieren lässt, wenn der Anbauer in der Türkei die Energie für seine Pumpen aus Wind-, Solar- oder anderen regenerativen Energien bezieht.

Die Suche nach dem stärksten Hebel

Bei einem anderen für Weleda wichtigen Rohstoff, der Calendula, ergab die True-Cost- Betrachtung allerdings, dass im Bio-Anbau – und nur dort – sogar netto ein positiver Beitrag für Mensch und Umwelt generiert wird, weil der Boden durch die schonende Bearbeitung und durch die Anpflanzung von Zwischenfrüchten insgesamt mehr Kohlenstoff speichern kann, als durch den Anbau freigesetzt wird.

„Solche Kostenbetrachtungen helfen uns, die stärksten Hebel für Verbesserung zu finden und externalisierte Kosten zu reduzieren oder durch andere Maßnahmen zu kompensieren“, sagt Anette Engel, Leiterin des Weleda-Rohstoffeinkaufs. Was aber sind die Konsequenzen für Unternehmen, die versuchen, ihre negativen externen Wirkungen zu minimieren oder gar ins Positive zu wenden?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Christian Hiß seit Jahrzehnten, und seine Antwort darauf – „Richtig rechnen in der Landwirtschaft“ – hat ihm schon viele Auszeichnungen eingetragen, erst jüngst den ZEIT-WISSEN-Preis. Denn Christian Hiß aus Eichstetten am Kaiserstuhl bringt alles mit fürs Richtigrechnen im Geschäft mit Lebensmitteln: einen Master in Social Banking, einen Meisterbrief als Gemüsegärtner sowie eine Kindheit und Jugend im elterlichen Demeter-Betrieb, einem der ersten überhaupt in ganz Deutschland.

„Nachhaltig wirtschaftende Betriebe schaffen betriebs- und volkswirtschaftliche Werte“, sagt Hiß, „aber ihr Mehraufwand wird durch den Markt nur unzureichend vergütet, die Betriebe haben Nachteile, weil ihre Produkte teurer sind.“ Mehr noch: Die klassische Buchhaltung verbuche den zusätzlichen Aufwand – etwa die Beschäftigung eines Lehrlings oder die Bodenbearbeitung mit der Hacke – zwar als Kosten, sei aber blind für die dadurch geschaffenen Werte: Fachwissen und praktische Fähigkeiten im Fall des Lehrlings, erhaltene Bodenqualität durch die schonende Handarbeit mit der Hacke.

Sozial-ökologische Wertschöpfung als Return on Investment

„Solche und andere Werte wie Biodiversität oder sauberes Grundwasser sind in der klassischen Bilanz auf null gestellt“, ärgert sich Hiß, „dabei sind das keine ideellen Werte, sondern harte Vermögenswerte.“ Wertschöpfung 2006 gründete Christian Hiß deshalb die Regionalwert AG Freiburg, deren Bürgeraktionäre durch ihre Anteile Miteigentümer an ökologisch wirtschaftenden Höfen, Restaurants, Händlern, Gärtnereien und anderen Lebensmittelfirmen sind.

In der Freiburger und vier weiteren Regionalwert AGs in Deutschland haben inzwischen rund 3500 Aktionäre Einlagen von rund zehn Millionen Euro geleistet. Eine Dividende in Euro und Cent haben sie bislang noch nicht erhalten und rechnen damit auch so bald nicht. Ihr „Return on Investment“, erklärt Hiß, bestehe in „sozial-ökologischer Wertschöpfung“ innerhalb der Region: in der wachsenden oder nicht schwindenden Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität, in größerer Versorgungssouveränität, weil die Risiken internationaler Lieferketten geringer sind, im Aufbau von Wissen und Erfahrung bei den Fachkräften in den Öko-Betrieben.

Dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) diesen Gedankengang akzeptierte und die Regionalwert AG damals genehmigte, sei „sensationell“ gewesen, findet Christian Hiß. Und überfällig, wie der Blick in die Welt immer deutlicher zeige: „Die Risiken nicht-nachhaltigen Wirtschaftens beginnen sich in Dürren, Unwettern, schwindender Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität zu realisieren. Es ist also höchste Zeit, dass die betriebliche Rechnungslegung die Leistungen nachhaltig wirtschaftender Unternehmen ebenso widerspiegelt wie die Risiken solcher Betriebe, die ihr Vermögen durch kurzfristige Orientierung aufs Spiel setzen.“

True Cost Accounting Fotos Lisa Rienermann

Mit anderen Worten: Für Banken, die Kredite vergeben, für Versicherer, die Schäden absichern, für Investoren, die Unternehmensanteile kaufen, wird die Notwendigkeit immer drängender, dass der Blick in die Unternehmensbücher die wahren Chancen und Risiken eines Geschäftsmodells offenlegt.

Die Finanzwirtschaft, ist Richtigrechner Christian Hiß überzeugt, sei deshalb der mächtigste Hebel für die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Und weil Hiß auch bekennender Praktiker ist, ist die kleine Regionalwert AG längst Partner in einem Forschungsprojekt mit dem Software-Riesen SAP, mit dessen Buchführungsprogrammen die halbe Welt arbeitet.

Das Projekt mit dem Namen QuartaVista(„Vier Blickwinkel“) entwickelt Methoden und Werkzeuge für die mehrdimensionale Bewertung von Unternehmen, bei der zur klassischen finanziellen Betrachtung die Dimensionen Gesellschaft, Natur und Wissen hinzukommen. „Wir bauen ein Navigationssystem für werteorientierte Unternehmen“, sagt Hiß.

Und weil die Regionalwert AG in dieser Hinsicht einen gewissen Vorsprung hat, macht sich ihr Vorstandschef Hiß auch keine Sorgen wegen der bislang dividendenlosen Anfangsphase. „Unsere Aktionäre investieren in etwas, das Realvermögen aufbaut. Die globalen Rahmenbedingungen sind inzwischen so massiv, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Regionalwert-Aktie ganz stark an Wert zulegt.“

 

Stefan Scheytt und Susi Lotz   Text
Lisa Rienermann  Fotos

Dieser Beitrag ist erschienen in Werde 01/2021